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19/06/2018 23:38 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 02:34 CEST

Wie ein alter Mann im Rollstuhl mir half, in Deutschland anzukommen

Ilyas Yanc erzählt von seiner Einwanderung aus der Türkei.

Ilyas Yanc

Mein Name ist Ilyas Yanc und ich möchte euch meine Geschichte und Erinnerungen vom Ankommen in Deutschland erzählen.

Von 1979 bis 1987 lebte ich in der Türkei, im tiefsten Anatolien. Mein Vater war der Hirte des Dorfes, den Großteil seines Lebens verbrachte er mit dem Vieh in den Bergen. Unsere Familie bestand aus meinen Eltern, vier Jungs und vier Mädchen.

Im Dorf gab es nur einen Schwarz-Weiß-Fernseher

Das Leben im Dorf war einfach, die meisten von uns lebten vom Ackerbau und der Viehzucht. Das Wasser für den täglichen Bedarf holten wir vom See. Und im ganzen Dorf gab es nur einen Schwarz-Weiß-Fernseher, vor den jemand eine blaue Röhre gelegt hatte, damit das Bild ein bisschen Farbe hatte. 

 

Unsere ganze Dorfgemeinschaft gehörte der Minderheit der Jesiden an, die zwischen die Fronten der kurdischen Nationalbewegung und des türkischen Staates geraten war. So kam es, dass wir 1988 mit meinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland fliehen mussten, da die politischen Zustände immer prekärer wurden.

Wir irrten stundenlang durch Istanbul

Unser erster Fluchtversuch nach Deutschland misslang, da ein Bekannter von uns, der als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen war, uns im Stich gelassen hatte. Er hatte eigentlich versprochen, uns in Istanbul zum Flughafen zu bringen und nach Deutschland zu begleiten.

  • Die Türkei im Jahr 1988: Die Inflation liegt bei fast 74 Prozent, viele Menschen kämpfen um ihre Existenz und darum, satt zu werden.
  • Deutschland im Jahr 1988: Deutschlands Wirtschaft geht es super, viele Deutsche verreisen oder leisten sich Luxus, die Arbeitslosigkeit ist niedrig.

Da wir der türkischen Sprache nicht mächtig waren, irrten wir stundenlang in Istanbul herum, bis uns drei kurdische Männer ihre Unterstützung anboten. Durch ihrer Hilfe konnten wir wieder in unserem alten Hotel Quartier beziehen.

Eine Woche später versuchten wir erneut, in die BRD einzureisen, und mit etwas “Taschengeld“ für die Beamten am Flughafen Istanbul konnten wir in unseren Flieger.

In Frankfurt am Main beantragten wir sofort Asyl und wurden zuerst nach Bad Schwalbach transferiert und von da aus Richtung Braunschweig.

Deutschland galt als das gelobte Land

Deutschland galt damals als das gelobte Land, in dem das Geld auf der Straße liegt und es Klamotten umsonst gibt. Das mit den Klamotten habe ich erst später verstanden, damit waren die Diakonieläden gemeint.

Ein Jahr lang lebte unsere Familie in einer Flüchtlingsunterkunft, in der Massen von Menschen untergebracht waren. Das Klima und die Atmosphäre in der Unterkunft waren furchtbar, da man kein Privatleben hatte und immer unter Beobachtung stand.

Von dort wurden wir schließlich in ein 200-Seelen-Dorf in der Nähe von Wolfenbüttel, in der Samtgemeinde Asse in Niedersachsen gebracht. 

Ein älterer Herr im Rollstuhl gab mir Nachhilfe

In diesem Dorf gab es damals einen älteren Herrn, der im Rollstuhl saß und mit seinem Dackel vom einen zum anderen Ende des Dorfes spazieren fuhr. Immer um 16.30 Uhr kam er an dem Haus vorbei, in dem unsere Familie wohnte und wo ich immer die Autos zählte, die die Hauptstraße entlangfuhren.

Der alte Herr bot mir an, mir Nachhilfe für die Schule zu geben. Meine Mutter drängte mich dazu, das Angebot schon am nächsten Tag anzunehmen.

Meine Eltern konnten nicht lesen und schreiben. Sie sagten, dass sie für diese neue Welt nicht mehr taugen würden, aber sie hofften, dass ihre Kinder hier Fuß fassen würden. So bekam ich Nachhilfe – und später auch meine Geschwister.

Er brachte mir deutsche Benimmregeln bei

Der Herr brachte mir deutsche Benimmregeln bei: wie man an einem Tisch sitzt, mit Messer und Gabel isst, wie man Bitte und Danke sagt. Er schenkte mir die ersten Märchenbücher: Hans-Christian Andersen, die Gebrüder Grimm. Ich las viele Bücher, mein Wortschatz erweiterte sich, auch durch das gemeinsame Fernsehen.

Von dem Herrn im Rollstuhl lernte ich die deutschen Stars kennen, die für die ältere Generation wichtig waren. Die meisten Migranten kannten weder Marlene Dietrich, noch Dieter Hallervorden, sahen nicht die Schwarzwaldklinik und Dr. Brinkmann oder Sascha Hehn. Ich schon. 

Für mich war Heinz Rühmann ein Held. Ich hatte Schallplatten von Dieter Bohlen, Matthias Reim und Roy Black.

Ein Deutscher als Migrant verkleidet?

Wenn man mich damals so sah, so musste man denken: Das ist ein Deutscher als Migrant verkleidet.

Im Dorf waren wir vollständig eingebunden und bei Osterfesten, Weihnachtsfeiern und auch Schützenfesten waren wir als Kinder immer dabei.

Die Grenze zur DDR lag nur fünf Kilometer von dem 200-Seelen-Ort entfernt. Ich kannte die Wachtürme, den Stacheldrahtzaun und auch die ostdeutschen Fernsehprogramme.

Die Straßen voller Trabis

Am 9. November 1989 war es unruhig im Dorf. Ich verstand nicht, worum es ging. So fuhr ich mit meinem Fahrrad direkt bis zur Grenze. Die Straßen waren voller Trabis. Ich sah viele Menschen in ihren Fahrzeugen, die in langen Reihen auf der Straße standen, weil sie alle über diese Grenze wollten.

Hinterher verstand ich erst, dass das eigentlich keine Ausländer waren, die nach Deutschland wollten, sondern der Westen und der Osten nun wieder zusammengehörten.

Ich fuhr mit meinem Fahrrad über die Grenze, fand die Gebäude und das Kopfsteinpflaster sehr interessant. In der Schule malten wir Willkommensplakate und wir Schüler verteilten Comics und Bananen, weil es die “dort drüben” anscheinend nicht gegeben hatte. Das beeindruckte mich sehr. 

Irgendwann kam die Zeit, in der meine Eltern das Gefühl hatten, sie würden ihre Sprache und ihre Kultur verlieren und müssten an einen Ort ziehen, an dem die ganze jesidische Verwandtschaft lebte. So kam ich 1997 nach Oldenburg, wo ich heute noch lebe.

Ankommen und zusammenkommen

Als Jugendlicher habe ich dort Zeitungen ausgetragen. Mit 18 habe ich eine Ausbildung zum Altenpfleger angefangen, mit 20 war ich Sozialassistent, mit 24 Erzieher, mit 25 Ein-Euro-Jobber. Mit 29 habe ich in einem Integrationsprojekt gearbeitet und seit ich 31 bin, arbeite ich in der Flüchtlingsberatung.

Ich bin Deutscher Staatsbürger und diesem Land und den Menschen dankbar für die Unterstützung und Hilfestellung. Davon möchte ich jetzt ein wenig weitergeben, an die Flüchtlinge, die jetzt ankommen.

Denn ich kann ihnen gut nachfühlen, wie es ist, in eine neue Welt geworfen zu werden. Und ich kann ihnen erzählen, wie schön es ist, wenn man nicht nur mit dem Körper dort angekommen ist, sondern auch mit der Seele.

(ben)

1980 bis 1989