POLITIK
26/09/2018 13:34 CEST | Aktualisiert 26/09/2018 14:10 CEST

Wie Diktaturen dumm werden: Der Braindrain in der Türkei

“Kann die Forderung nach Frieden ein Verbrechen sein?”

Murad Sezer / Reuters

Wenn der Chef alles, wirklich alles bestimmen will, ist die ganze Firma nur so intelligent wie der Chef. Also notgedrungen beschränkt. 

Und wenn der Chef dann noch mehr Blödsinn macht, wenn er etwa Unsicherheit schürt, geht in der Firma bald nichts mehr.

So hat der legendäre Bremer Psychologie-Professor Peter Kruse den “totalen Stillstand” erklärt. Klingt logisch. 

Alles hört auf Erdoğan

In der Türkei hat sich Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan seine Macht mit einer Verfassungsänderung und einem zweijährigen Ausnahmezustand zementiert.

Gut ist, was Erdoğan gut findet. Also seine aggressive Anti-Kurden-Politik. Böse ist, was er für böse hält. Also die Gülen-Bewegung, die er für den gescheiterten Putsch 2016 verantwortlich macht.

Natürlich lässt sich die Führung einer Firma nicht eins zu eins mit der eines Landes vergleichen. Aber einige Parallelen im Führungsversagen drängen sich auf.

Akademiker verlassen das Land 

Ein Chef kann mit dem bloßen Gerücht, eine Abteilung werde aufgelöst, Panik auslösen, die jedes produktive Arbeiten hemmt. Erdoğan schürt Unsicherheit, die die Menschen lähmt, schon seit Jahren. 

Der Soziologe Yaşar Aydın, Lehrbeauftragter an der Evangelischen Hochschule in Hamburg, verweist gegenüber der HuffPost darauf, dass schon mit der Niederschlagung der Proteste im Gezi-Park 2013 die Unsicherheit in der Türkei wuchs und die Abwanderung der Akademiker begann.

Murad Sezer / Reuters
Am 15. Juni 2013 geht die Polizei mit Wasserwerfern gegen die Demonstranten am Taksim-Platz in Istanbul vor.

Anfang 2016, ein halbes Jahr vor dem Putschversuch, legte Erdoğan dann richtig los.

“Wir werden dieses Verbrechen nicht mitmachen”

Damals haben mehr als 2200 “Akademiker für den Frieden” eine Petition mit folgendem Satz unterschrieben: “Wir werden dieses Verbrechen nicht mitmachen.”

Erdoğan hatte seinen Kampf gegen die PKK im Südosten der Türkei so brutal geführt, auch gegen die kurdische Zivilbevölkerung, dass es den Akademikern graute.

Erdoğan beschimpfte die Forscher als “dunkle Kräfte”, “Verräter”, “Terroristen”. “Wer das Brot dieses Staates isst, aber ihn verrät, gehört bestraft”, wetterte er.

Einer der “Akademiker für den Frieden” ist Boris Turan (Name von der Redaktion geändert). “Ich wusste, dass das Ärger geben könnte”, sagt er der HuffPost. Nur dass es so viel Ärger geben würde, wusste er nicht.

“Ich hätte mich geschämt, wenn ich weitergemacht hätte, als wäre nichts gewesen. Denn da wurden Kinder mit meinem Steuergeld umgebracht.” Turan fühlte sich an die 1940er Jahre in Deutschland erinnert.

Und dann kam auch noch der Putschversuch.

Die Angst vor den Akademikern

► Viele von denen, die qua Dekret ihren Job verloren haben – 150.000 in der Türkei – müssen nun vermutlich in Jobs arbeiten, für die sie überqualifiziert sind.

► Infolge von neun Erlassen haben nach dem Putschversuch 6000 Wissenschaftler ihre Arbeitsstelle verloren. Alleine an der Ankara University sollen mehr als 100 Professoren gekündigt worden sein. 

► 15 private Universitäten in der Türkei mussten dichtmachen. Jetzt soll es 15 neue geben, aber dafür werden die etablierten Universitäten geschleift.

Uni-Rektoren werden nicht mehr von der Belegschaft gewählt, sondern vom Präsidenten eingesetzt. Professoren müssen sie nicht sein.

Mächtige fürchten die Wissenschaftler, weil sie zu gebildet sind, um sich mit billigen Lügen abspeisen zu lassen. Weil sie Einfluss haben auf viele junge Menschen. Weil sie zur gesellschaftlichen Elite gehören.

YASIN AKGUL via Getty Images
Studenten und Angestellte der Istanbul University protestieren im April 2018 gegen Pläne, mehrere Universitäten aufzuteilen.

Helfer werden mit Anfragen aus der Türkei überschwemmt

Viele hochgebildete Türken tun nun das, was auch gute Mitarbeiter eines Unternehmens tun, dessen Chef durchdreht. Sie suchen das Weite. 

So wie Turan. Er ist erst nach Italien, dann nach Deutschland geflohen.

Hilfe bei der Jobsuche bekam er von der New Yorker Organisation Scholars at Risk (SAR). Sie hilft gefährdeten Akademikern, einen Lehr- oder Forschungsaufenthalt im Ausland zu bekommen. Derzeit wird SAR mit Anfragen aus der Türkei überflutet.

► Nachdem es in den ersten 15 Jahren nach der SAR-Gründung von dort gerade mal 23 Anfragen gab, waren es nach dem Putschversuch mehr als 800. Mittlerweile liegt die Türkei an der Spitze der Länder, aus denen die Wissenschaftler-Hilferufe kommen, gefolgt von Syrien, dem Irak, Äthiopien und dem Iran.

► Mehr als 6500 türkische Hochqualifizierte und andere hier benötigte Fachkräfte sind 2016 und 2017 laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) allein in Deutschland akzeptiert worden, mehr als 204.000 Türken bekamen eine Erlaubnis, im Land zu bleiben.

Braindrain aus der Türkei

Braindrain nennt sich das: Abwanderung der Akademiker und Fachkräfte. Provokativ und überspitzt gesagt: Das Land wird dumm.

Der Soziologe Yasar Aydın spricht gegenüber der HuffPost von einem “Kahlschlag” in der akademischen Landschaft.

Hakki Taş, Türkei-Spezialist des Giga-Instituts in Hamburg, sieht einen “massiven intellektuellen Exodus” von Akademikern, Lehrern, Doktoren, Ingenieuren. “Die Türkei verliert die Crème de la Crème ihres gut ausgebildeten Humankapitals.”

Angst vor der Wirtschaftskrise

Osman Orsal / Reuters
Zwei Männer vor der Anzeigetafel einer Istanbuler Wechselstube im August 2018

Neben der politischen Instabilität sehen die Experten weitere Push-Faktoren, die die Intelligenzija aus dem Land treiben: die Angst vor Wirtschaftskrise.

Schon jetzt bricht das jahrelang traumhafte Wirtschaftswachstum ein, die Inflation ist absurd hoch. Aydın rechnet damit, dass die Wirtschaft sogar noch schrumpfen wird – wenn auch nicht auf Jahrzehnte in der Krise versinken, dazu sei die türkische Wirtschaft zu stark in die internationalen Produktionsprozesse eingebunden.

Aber für die türkische Bevölkerung sind schon die aktuellen Einschnitte schlimm genug. Wer will derzeit schon in der Türkei investieren?

Aydın sagt: “Schon bisher ist es der Türkei nicht gelungen, gut bezahlte Jobs zu schaffen. Das wird sich fortsetzen.”

Innovationen würden ausgebremst, denn dafür brauche es kreative Menschen, diese brauchten Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten.

Die Autokraten kommen, die Akademiker gehen

Der Prozess lässt sich überall da beobachten, wo Autokraten am Werk sind und die Wirtschaft nicht so brummt, dass sie all das vergessen lässt. Es passierte in Nazi-Deutschland. In Eritrea, wo es inzwischen nicht einmal mehr eine klassische Universität gibt. In Syrien. In Russland

Laut einer Studie vom Anfang des Jahres, über die die “Moscow Times” berichtete, verlassen jedes Jahr etwa 40.000 hochqualifizierte Russen das Land.

In den vergangenen fünf Jahren sei die Zahl der Akademiker, die hoffen, mit Hilfe von SAR eine Stelle im Ausland zu finden, enorm gestiegen, sagt Shreya Balhara von SAR der HuffPost. SAR versucht die Wissenschaftler an einer ihrer 500 Partner-Universitäten in 41 Staaten unterzubringen.

Auch andere Organisationen wie Endangered Scholars Worldwide berichten von zunehmender Verfolgung. 

Deutschland ist das Land, das bislang die meisten von SAR vermittelte Wissenschaftler aufgenommen hat, gefolgt von den USA, Belgien, Norwegen und den Niederlanden. Teils werden die Aufenthalte vom Auswärtigen Amt gefördert, etwa im Rahmen der Philipp-Schwartz-Initiative.

Selbstschutz durch Selbstzensur

Die Experten sind sich nicht ganz einig, wie sehr die Abwanderung dem Wissenschaftsbetrieb geschadet hat. Aydın sind keine “massiven Funktionsstörungen” bekannt, etwa, dass Lehrpläne wegen des Mangels an Hochschullehrern nicht eingehalten werden konnten.

► Taş, Experte vom Giga-Instituts, dagegen berichtet der HuffPost, viele Lehrstühle seien heute funktionsunfähig.

► Die Zahl internationaler Publikationen – ein wichtiger Maßstab im Wissenschaftsbetrieb – sei rapide gesunken.

Wie produktiv Wissenschaftler sind, wenn sie in jeder Vorlesung fürchten müssen, für ein falsches Wort von Erdoğan-treuen Studenten verpfiffen zu werden, kann man sich ausrechnen. 

Die Experten sind sich einig, dass viele der verbliebenen Wissenschaftler Selbstzensur üben. “Das ist nicht gut für die Debatten- und Streitkultur. Wenn man übervorsichtig ist, kann nichts Neues entstehen.”

► Laut Taş geht das sogar soweit, dass Wissenschaftler Forschungsergebnisse in Ungnade gefallener Kollegen nicht mehr zitieren dürfen, wenn sie nicht selbst unter Terrorverdacht geraten wollen.

Was jetzt kaputt gemacht wird, warnt Taş, wird den Türken mittel- und langfristig auf die Füße fallen.

► Jetzt kommen Menschen in akademische Führungspositionen oder promovieren, die politisch opportun sind. Nicht die, die die Besten sind. 

► Die Gesellschaft spaltet sich. Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder nicht mehr wie noch vor einigen Jahren mit Stolz auf die staatlichen Schulen, sondern versuchen sie in Privatschulen unterzubringen, wie eine Kolumnistin der “Hurriyet Daily News” scjhreibt.  

“Es kommt auch zu einer Entfremdung und Loslösung der Akademiker von der Gesamtgesellschaft, die die autoritäre Politik stützt”, warnt Taş. 

Erdoğan reißt ein, was er einst aufgebaut hat

Es ist nicht das erste Mal, dass türkische Wissenschaftler ihr Heil im Ausland suchen. Nach dem Militärputsch in den 1980ern sei das schon einmal passiert, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie heute, sagt Taş.

Mit den zunehmend besseren Bedingungen kamen dann viele wieder zurück, die Zahl der Universitäten stieg von 76 in 2002 auf 178 in 2016.

“Sogar in abgelegenen anatolischen Universitäten konnte man Akademiker finden, die an amerikanischen oder europäischen Top-Universitäten promoviert hatten”, sagt Taş.

Die Türkei kann sich erholen

Unter den entsprechenden Bedingungen kann sich ein Land also vom Braindrain erholen. Zumal auch nicht alle unliebsamen Vordenker das Land verlassen, auch wenn sie zu Hause nicht mehr arbeiten können.

“Autoritäre Regime lassen nicht alle ausreisen”, sagt Taş. “Vielen kritischen Stimmen in der Türkei, in Ägypten et cetera hat man den Pass abgenommen oder hält sie in endlosen Gerichtsverfahren gefangen.” 

Auch viele türkische Wissenschaftler werden vermutlich versuchen, wieder in der Heimat zu arbeiten. “Wir wissen aus Studien, dass nach einiger Zeit im Ausland bei den Menschen Ernüchterung einsetzt. Die Bedingungen für türkische Akademiker in Deutschland etwa sind gut, aber nicht so toll, dass nicht das Heimweh irgendwann einsetzt”, sagt Aydın.

Ein Land dreht sich intellektuell langsamer

Anadolu Agency via Getty Images
Studenten in der Nationalbibliothek in Ankara im August 2018

Auch Turan würde gern bald wieder von Deutschland in die Heimat. Wenn es denn geht: “Ich werde wohl erst wieder in die Türkei zurückkönnen, wenn die Regierung wechselt”, sagt er.

Wenn er also nicht deswegen Ärger bekommt, weil er Gewaltlosigkeit fordert. Wenn Turan über die Vorwürfe nachdenkt, muss er immer wieder lachen. Zu absurd findet er all das. “Kann die Forderung nach Frieden ein Verbrechen sein?”

Erdoğan beantwortet diese Frage mit Ja. Und so lange das so läuft, werden ihm die guten Leute davonlaufen. Wird sich sein Land intellektuell langsamer drehen.

Und Erdoğan wird wüten. Und den anderen die Schuld an dieser Entwicklung geben.

(tb)