POLITIK
23/12/2017 20:15 CET | Aktualisiert 23/12/2017 20:46 CET

Wie eine britische Kleinstadt syrischen Flüchtlingen ein neues Leben geschenkt hat

Beide Familien sind vor dem grausamen Krieg in Syrien geflohen

Chris Gorman
Maher Al-Melhem und Nidaa Al-Ahlab dachten zuerst, dass sie nach ihrer Flucht in den Libanon wieder nach Hause zurückkehren könnten.
  • Wem ist ein verschlafenes Nest in der britischen Grafschaft Shropshire 
  • 2016 wurden Flüchtlinge aus Syrien dort angesiedelt - der Fall zeigt, wie Integration gelingen kann

Nur ein einziges Mal hat der achtjährige Mohamad darüber gesprochen, dass er gerne nach Syrien zurückkehren würde: Das war im vergangenen Winter, als es in seinem Heimatland zum ersten Mal seit 25 Jahren geschneit hatte.

“Mohamad wollte nur kurz nach Syrien zurückfahren, um dort einen Schneemann zu bauen”, sagt seine 28-jährige Mutter Ola Faaour. “Danach wollte er aber sofort wieder in sein neues Zuhause hier in Shropshire zurückkehren.”

Die Flüchtlinge Ola und Mohamad feiern den ersten Jahrestag ihres neuen Lebens in Wem, einer ländlichen Kleinstadt in der englischen Grafschaft Shropshire.  

Vor ziemlich genau einem Jahr kamen sie in der Kleinstadt an, zusammen mit einer weiteren Flüchtlingsfamilie: dem 33-jährigen Maher al-Melhem, der 26-jährigen Nidaa al-Ahlab und ihren gemeinsamen Kindern, dem neunjährigen Oday, dem achtjährigen Qosay und der zweijährigen Zahraa.

Beide Familien flohen aus Homs, der drittgrößten Stadt Syriens. Auch ohne den verheerenden Krieg könnten diese beiden Teile der Welt kaum unterschiedlicher sein.

Im Jahr 2004 hatte Homs mehr als 652.000 Einwohner. Die Stadt bestand aus eleganten Alleen, belebten Märkten und kunstvoll gestalteten Moscheen. Die gemütliche Kleinstadt Wem hingegen liegt inmitten einer atemberaubenden Landschaft und hat nur knapp über 5000 Einwohner.

Dass Neue ins Dorf zogen, ist viele Jahrzehnte her

Vor Ausbruch des Krieges in Syrien war Homs eine Gegend, in der Sunniten, Alawiten und Christen friedlich zusammenlebten. Wem liegt in einer Gegend mit vornehmlich weißer Bevölkerung, die hauptsächlich für den Anbau von Speiseerbsen bekannt ist. In der Gegend um Wem gibt es zwar keine Moscheen, dafür jedoch vier Kirchen.

“Unsere Stadt ist eine traditionell weiße Gemeinde”, sagte Sue Matthews, Koordinatorin bei der “Wem Welcome Group”, die die beiden syrischen Familien unterstützt.

“Ich glaube, die letzten Neuankömmlinge, die wir hier hatten, waren die Umsiedler aus Liverpool, die während des zweiten Weltkriegs hierherkamen und schließlich auch geblieben sind.”

Der Rolls Royce unter den Asylprogrammen

Beide Seiten haben Charakterstärke bewiesen: Sowohl die Einwohner Wems, die die Neuankömmlinge mit offenen Armen empfangen haben, als auch die syrischen Familien selbst, die hoch motiviert waren, Englisch zu lernen, zu arbeiten, in die Schule zu gehen und die englischen Bräuche zu übernehmen. Dadurch ist es ihnen innerhalb der vergangenen zwölf Monate gelungen, sich sehr gut zu integrieren.

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Die beiden Familien gehörten zu einer Gruppe von 63 weiteren Flüchtlingen, die im Rahmen eines Programms zur Umsiedlung von schutzbedürftigen Personen der britischen Regierung (VPRS) seit Juni 2016 in Shropshire angekommen sind.

Chris Gorman
Ola Faaour ist zu verstört, um darüber zu sprechen, was ihr und ihrer Familie widerfahren ist.

Nach Angaben des britischen Innenministeriums sollen so bis zum Jahr 2020 20.000 Schutzsuchende im Vereinigten Königreich umgesiedelt werden.

Bisher wurde im Rahmen des Programms 8535 Menschen humanitärer Schutz zugesprochen. Bis Juni 2017 wurden innerhalb von zwölf Monaten 5637 Menschen in 246 verschiedenen Kommunen umgesiedelt. Ungefähr die Hälfte aller Teilnehmer sind Minderjährige.

Das VPRS-Programm gilt als Rolls Royce unter den Asylprogrammen.

Die meisten Menschen, die vor Verfolgung geflohen sind und ein Asylverfahren durchlaufen, müssen lange Wartezeiten von mehreren Jahren erdulden. Ihre Angaben werden vom britischen Innenministerium routinemäßig in Frage gestellt, sie dürfen nicht arbeiten und sie müssen in heruntergekommenen Unterkünften von gerade einmal 36,95 britischen Pfund pro Woche leben.

Die Erfahrungen der Familien in Wem zeigen jedoch, dass es auch anders laufen kann. Für die Kinder und ihre Eltern spielte dabei die örtliche Schule “St Peter’s C of E Primary and Nursery School” eine zentrale Rolle. Das Motto der Schule lautet: “Wo jeder einzelne zählt”.

“Ich liebe es, Englisch zu sprechen”

Ola und Nidaa backen oft traditionelle syrische Kuchen für Schulveranstaltungen und die drei ältesten Kinder lernen Weihnachtslieder, um die bevorstehenden Festtage zu feiern.

Die beiden Familien sind die ersten Teilnehmer des Umsiedlungsprogramms, die interviewt und fotografiert wurden, und die der britischen Ausgabe der HuffPost von ihrem neuen Leben in Shropshire berichteten.

“In meinem Zimmer steht ein Weihnachtsbaum. Bald werden wir ihn ins Wohnzimmer stellen und ihn dekorieren”, sagt Mohamad aufgeregt.

Ebenso wie seine Freunde Oday und Qosay geht er sehr gerne zur Schule.

“Ich würde am liebsten jeden Tag noch länger hier bleiben”, sagt Mohamad. “Ich schreibe und lese gerne und ich mag Mathe. Und ich liebe es, Fish and Chips oder Pizza zu essen und mit meinen Freunden Englisch zu sprechen.”

Obwohl er gerne mit Oday und Qosay spielt, schätzt Mohamad, dass er seit seiner Ankunft in Wem mindestens “50 neue Freunde” dazugewonnen hat.

″Überall lagen Leichen”

Beide Familien sind vor dem grausamen Krieg in Syrien geflohen. Ola ist noch zu verstört, um darüber zu sprechen, was ihr und ihrer Familie widerfahren ist.

Maher berichtete uns von den Schrecken, die sie auf ihrer Flucht aus Homs, durch Damaskus und über die libanesische Grenze erfahren haben.

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“Auf den Straßen lagen überall Leichen”, erzählte er. “Es war ein schrecklicher Anblick für die Kinder. Wir hatten keinen Plan für unsere Flucht. Wir wollten einfach nur einen sicheren Ort für unsere Kinder finden.”

“Der IS hat nichts mit dem Islam zu tun”

Vor dem Ausbruch des Krieges habe er keinerlei Probleme mit Bashar al-Assads Regierung gehabt. “Doch als er anfing, seine eigenen Leute zu töten, begann ich ihn zu hassen.”

Außerdem verurteilte Maher den Islamischen Staat aufs Schärfste. Die Syrer seien zwischen den beiden gegnerischen Mächten gefangen gewesen, erzählte er.

“Der IS hat nichts mit dem Islam zu tun. Wir Muslime befürworten ihn überhaupt nicht.”

“Unsere Straße war komplett zerbombt”

Als Maher und seine Familie im Libanon ankamen, gingen sie davon aus, dass die Bombenangriffe nach ein paar Monaten aufhören würden und dass sie danach wieder nach Hause zurückkehren könnten.

“Nach zwei Jahren im Libanon erfuhren wir, dass unsere ganze Straße komplett zerbombt worden war. In diesem Moment wurde mir klar, dass wir nicht mehr nach Syrien zurückkehren konnten.”

Die Familie schätzt sich sehr glücklich, dass sie vom Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) für das VPRS-Programm empfohlen worden ist, auch wenn der ganze Prozess inklusive Bewerbung und Prüfung bis hin zu ihrer Aufnahme im Vereinigten Königreich insgesamt vier Jahre gedauert hat.

Chris Gorman
Die Familien mussten sich nach ihrer Ankunft erst ein wenig an das Leben im Vereinigten Königreich gewöhnen.

Maher fand einen Job bei North Salop Wheelers, einem britischen Sozialunternehmen, das behindertengerechte und erschwingliche Transportmöglichkeiten in der Gemeinde anbietet.

Auch mit ihrer Unterkunft hatten die Familien Glück: Die zwei syrischen Familien in Wem wurden vom Wohnungsbauunternehmen Connexus in sauberen und ordentlichen Wohnungen untergebracht. 

Ich finde es toll, wie die Menschen hier miteinander umgehen. Es ist überall sicher und wir sind entspannter und fühlen uns wohl. Ola Faaour

Ola arbeitet ein paar Tage pro Woche als ehrenamtliche Mitarbeiterin in einem Gebrauchtwarenladen für wohltätige Zwecke und sortiert dort Kleidung aus. Sie lernt Englisch. Wenn zwischen ihr und ihren Kollegen aber doch einmal Verständnisschwierigkeiten auftreten, behelfen sie sich mit Google Translate.

An bestimmte Gepflogenheiten der englischen Kultur mussten die Familien sich jedoch erst einmal gewöhnen.

“Als ich hier ankam, hat es mich überrascht, dass verliebte Paare sich hier einfach mitten auf der Straße küssen können”, sagte Ola. “In Syrien war alles sehr viel strenger. Die Kinder durften zuhause nicht fernsehen, doch hier herrscht mehr Freiheit.”

Chris Gorman
Die Familien sind aus der syrischen Stadt Homs geflohen, die zu den wichtigsten Schauplätzen des Kriegs gehört.

Ola hat ein traditionelles, langes Kleid aus Syrien mit nach England gebracht. Sie sagt jedoch, dass sie es noch nie getragen habe. Stattdessen habe sie sich dafür entschieden, westliche Kleidung wie Jeans zu tragen und dafür jedoch weiterhin ihre Haare zu bedecken.

“Jedes Land hat seine eigene Kultur”, so Ola. “Ich finde es toll, wie die Menschen hier miteinander umgehen. Es ist überall sicher und wir sind entspannter und fühlen uns wohl.”

Die Sozialarbeiter sind  eine emotionale Stütze

Maher und Nidaa erzählten, dass ihre Nachbarn zwar toll seien, dass sie sich jedoch erst noch an die Gepflogenheiten im Bezug auf gegenseitige Besuche gewöhnen müssen.

“In Syrien hat man auch sehr engen Kontakt mit seinen Nachbarn. Doch es kommt keiner einfach so vorbei, um zu schauen, wie es dem anderen geht.”

Die Verwaltung von Shropshire hat die Wohltätigkeitsorganisation “Refugee Action” damit beauftragt, die syrischen Flüchtlingsfamilien dabei zu unterstützen, sich ein neues Leben in der Grafschaft aufzubauen.

Die Sozialarbeiter der Organisation bieten den Flüchtlingen sowohl praktische als auch emotionale Unterstützung an und helfen den Familien, Englisch zu lernen, sich bei ihrem örtlichen Hausarzt zu registrieren, ihre Kinder in der Schule anzumelden und unabhängig zu werden.

Ich bin glücklich und hier ist alles gut, doch ich wünschte, meine Oma und mein Opa wären auch hier Oday Faaour

Louise Calvey, Leiterin der Abteilung für Umsiedlung bei “Refugee Action”, sagte: “Durch Umsiedlungsprogramme erhalten Familien, deren Leben durch Krieg und Verfolgung zerstört wurde, die Gelegenheit, sich ein neues Leben in Großbritannien aufzubauen. Es ist so schön zu sehen, wie herzlich die syrischen Familien in Shropshire aufgenommen wurden und wie gut sie sich bereits jetzt in verschiedenen Städten in der ganzen Grafschaft mit einbringen.”

Mohamad, Oday und Qosay stürzen sich mit aller Kraft und Begeisterung in ihr neues Leben. Doch genauso wie ihren Eltern gelingt es ihnen trotzdem nicht immer, die Traurigkeit auszublenden, die sie hinter sich gelassen haben.

Chris Gorman
Maher Al Melhem, Nidaa Al Ahlab und ihre Kinder Oday, Qosay und Zahraa.

Oday und Qosay halten per Whatsapp Kontakt zu ihren Großeltern, die in den Libanon geflohen sind.

“Ich bin glücklich und hier ist alles gut”, sagt Oday. “Doch ich wünschte, meine Oma und mein Opa wären auch hier.”

“Ich spreche mit Nidaa über alles”, sagte Maher. “Wenn wir schlechte Neuigkeiten bekommen, unterstützen wir uns gegenseitig. Wir reden aber nie vor den Kindern darüber. In Großbritannien denken wir ständig an die Zukunft und an die Zukunft unserer Kinder. Heute habe ich meine Führerscheinprüfung bestanden, und das ist eine wirklich gute Nachricht. Ich versuche immer, mein Bestes für die Zukunft meiner Familie zu geben.”

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Sue Matthews sagte, dass die Neuankömmlinge das Leben in Wem bereichert hätten.

“Man sollte niemanden aus Shropshire vertreiben”, sagte sie. “Die syrischen Familien sagen, dass sie sich hier sehr willkommen fühlen. Wir stehen ihnen zur Seite. Ihre Ankunft in Wem ist für alle Beteiligten eine verdammt gute Sache.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(sk)