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29/01/2019 16:35 CET | Aktualisiert 29/01/2019 17:23 CET

Wie diese Frau unser Leben glücklicher, sozial gerechter und gesünder machen will

"Glücklich sind die Menschen dann, wenn sie miteinander sein können. Ihre Beziehungen zu Familie, Freunden und anderen machen sie glücklich."

Getty / Happy City
Liz Zeidler hat Happy City gegründet.

Immer mehr, immer höher, weiter, schneller – was für viele nach einem Wohlstandsversprechen klingt, ist für Liz Zeidler ein wahrer Alptraum.

“Wir glauben, eine volle Geldbörse mache uns glücklich”, sagt sie im Gespräch mit der HuffPost. “Doch dieses System zerstört unseren Planeten, aber auch uns selbst und unsere Gesellschaft.”

Zeidler gründete deswegen 2010 im britischen Bristol “Happy City” – ein Unternehmen, das helfen will, das Wohlbefinden aller zu verbessern.

Mit Schulungen, Projekten, Beratung und Kampagnen unterstützt “Happy City” Regierungen, Kommunen, Organisationen und Bürger. Im Mittelpunkt soll stehen, was Menschen glücklich und gesund macht – nicht, was effizient ist und die Wirtschaft wachsen lässt. 

Ihre Ideen teilt sie mit der Degrowth-Bewegung. Die Bewegung glaubt, dass gesellschaftliche Herausforderungen wie Klimawandel, Ernährung, Gesundheit, Mobilität und soziale Ungleichheit nur dadurch gelöst werden können, dass wirtschaftliches Wachstum in den Hintergrund rückt. Wir haben Ziele der Bewegung und Kritik daran in einem Kasten unter dem Text zusammengefasst haben.

Mit Zeidler haben wir darüber gesprochen, was Menschen tatsächlich glücklich macht – und warum Geld darauf nicht die Antwort sein kann.

Das ganze Interview lest ihr hier.

Wie diese Frau unser Leben glücklicher, sozial gerechter und gesünder machen

Liz, Sie sind um die ganze Welt gereist und haben Menschen gefragt, was sie glücklich und zufrieden macht. Was war deren Antwort?

Liz Zeidler: Im Grunde waren es immer dieselben Dinge, die den Menschen wichtig sind. Ihre Grundbedürfnisse müssen gedeckt sein, sie möchten sich keine Sorgen um Wohnraum, Ernährung und Gesundheit machen, ihre Menschenrechte müssen gewahrt werden, sie wollen sich sicher fühlen und anderen in ihrem Umfeld vertrauen können.

Überraschender ist vielleicht, dass zum allgemeinen Wohlbefinden zum Beispiel auch ausreichend Grünflächen in der Stadt gehören und die Möglichkeit zu lernen, sich selbst herauszufordern. Freude macht den Menschen auch, wenn sie das Gefühl haben, irgendwo dazuzugehören, einen Sinn im Leben zu haben.

Wie glücklich wir sind, ist am Ende davon beeinflusst, was wir denken, was wir tun, welche Entscheidungen wir tagtäglich treffen. 

Der Drang nach Konsum ist fest in uns verankert. Wir denken, wir brauchen immer mehr materielle Dinge. All das beeinflusst uns sehr.

Und wirklich glücklich sind die Menschen dann, wenn sie nicht alleine sind. Ihre Beziehungen zu Familie und Freunden machen sie glücklich. 

Weshalb glauben Sie, dass wir in unserer heutigen Gesellschaft diese Form von Glück nicht finden können?

Wir sind mit “Happy City” im Jahr 2010 mit der Idee gestartet, dass es bislang am Ende immer nur um eins geht: Wirtschaftswachstum. Alles ist danach ausgerichtet – egal ob auf individueller oder gesamtgesellschaftlicher Ebene. Arbeit wird nur am finanziellen Erfolg gemessen. Ein guter Arbeiter ist einer, der effizient ist. Unser System ist auf endlose Produktivität ausgerichtet.

Und der Drang nach Konsum ist fest in uns verankert. Wir denken, wir brauchen immer mehr materielle Dinge. All das beeinflusst uns sehr. Aber dieses System zerstört unseren Planeten, aber auch uns selbst und unsere Gesellschaft. 

Wie versucht “Happy City” das zu ändern?

Eigentlich müssen sich diese Dinge auf UN- oder EU-Ebene ändern, aber das wird wahrscheinlich sehr lange dauern. Also haben wir mit “Happy City” auf der untersten Ebene angefangen. Wenn es im Lokalen Veränderungen gibt, die funktionieren, von Stadt zu Stadt, Region zu Region, dann lässt sich das nach oben tragen.

Das Wichtigste ist: Wir brauchen Geduld. Solche Veränderungen sind langsam, sie wollen die komplette, fundamentale Denkweise verändern.

Wir schauten uns um, was die Leute tun, was sie im Lokalen antreibt, worin sie aufgehen. Wir haben uns gefragt: Gibt es bessere Ziele als das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts? Was braucht es wirklich für ein gutes Leben? 

Was verbessert die physische und mentale Gesundheit der Menschen? Was passiert, wenn Menschen sektorübergreifend arbeiten, wenn sich Wirtschaft, Öffentlichkeit und Akademiker zusammentun, um gemeinsam etwas zu verändern? Welche Rolle spielen unterschiedliche Bezirke einer Stadt?

Darauf haben wir praktische Antworten gesucht. Es gab viele Ideen, auf die wir gestoßen sind. Und bald haben wir gemerkt, wir können den Kompass der Menschen verändern.

Wie kann das konkret funktionieren?

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten. Begonnen haben wir in Bristol. Dort sind wir in Schulen, Gefängnisse und Gemeinschaftszentren gegangen und haben die Menschen gefragt, was sie zu ihrem Wohlbefinden brauchen. Und dann haben wir angefangen zu experimentieren. In Bristol und Brighton beispielsweise leiten die Gemeinden inzwischen selbst Projekte, um den Ist-Zustand zu hinterfragen.

Anstatt beispielsweise jedes Jahr eine Liste zu veröffentlichen, die die Reichsten der Stadt darstellt und für ihren Reichtum anpreist, werden in Bristol und Brighton Listen veröffentlicht, die die Menschen zeigen, die am meisten dafür tun, das Wohlbefinden der Gemeinde zu stärken.

Es hat sich gezeigt, dass dieser Perspektiv-Wechsel die körperliche Gesundheit der Menschen positiv verändert, die Bürger sich mehr Vertrauen entgegen bringen und sich auch neue Arbeits- und Schaffensmöglichkeiten in den Regionen auftun. Alle in der Gemeinschaft spielen besser zusammen und das sorgt natürlich auch für wirtschaftliche Erfolge.

Aber es gibt auch andere Wege, das Wohlbefinden der Menschen zu verbessern. In einigen Regionen in England und Wales unterstützen wir Entscheidungsträger dabei, die Grundlage für eine Wohlfühloase in der Wirtschaft zu schaffen. Sprich, wir geben ihnen Instrumente an die Hand, um den Fortschritt von Gesundheitswesen, Bildungssystem, Gemeinschaftsgefühl und Gleichberechtigung zu fördern und zu messen – anstatt nur darauf hinzuarbeiten, den Wohlstand von Gesellschaftern und Aktionären zu vergrößern.

Wenn es nur um Gewinn geht, werden jedes Jahr mehr Arbeitsplätze benötigt. Aber was ist, wenn Bildung, Umwelt und soziale Gerechtigkeit das Endziel sind?

Wie versuchen Sie, den Kompass der Menschen zu verändern? 

Bei unserer Arbeit geht es darum, den Menschen die Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie neue Ziele setzen und die wichtigen Entscheidungen dafür zu treffen. Wenn das ultimative Ziel kurzfristiges Wirtschaftswachstum ist, dann sind der Bau großer Autobahnen und die Förderung von Wohnungspreisen, die immer weiter in die Höhe schießen, gute Entscheidungen.

Wenn das ultimative Ziel aber das Wohlergehen der jetzigen und zukünftigen Generation ist, dann sollte Mobilität so organisiert sein, dass sie allen ermöglicht, saubere Luft zu atmen und an jeden Ort ihrer Wahl zu gelangen. Erschwinglichen Wohnraum zu schaffen und den Zusammenhalt und die Unterstützung in der Gemeinschaft zu stärken, würde dann oben auf der politischen Agenda stehen.

Unsere Maßnahmen helfen den Menschen, über die Entscheidungen, die sie treffen, anders nachzudenken. Wir treffen die Entscheidungen aber nicht für sie.

Und Sie glauben, Geld spielt eigentlich gar keine Rolle dafür, dass wir glücklich sind?

Doch natürlich. Aber Geld darf nicht alleinige Endziel sein. Ein Vergleich: Bei einem Auto ist das Endziel nicht der Verbrauch an Benzin, sondern wirklich wichtig ist, ob man dort ankommt, wo man hin möchte, wie weit weg das liegt, wie die Straße beschaffen ist.

Eine wachsende Wirtschaft hat vielerorts oberste Priorität, obwohl sie in Wirklichkeit nur eine der Ressourcen ist, die wir benötigen, um unseren Weg zu finanzieren.

Welche Arbeitsplätze und welche Service-Leistungen benötigt werden, wird auf Grundlage der Wirtschaft entschieden. Wenn es nur um Gewinn geht, werden jedes Jahr mehr Arbeitsplätze benötigt.

Ziele der Degrowth-Bewegung:

  • Die Bewegung versucht die Frage zu beantworten, wie wir gesellschaftliche Probleme angehen können, ohne dass die Lösungen kapitalistischen Zwängen unterworfen sind.
  • Anhänger der Bewegung wollen das Bruttoinlandsprodukt als Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft abschaffen.
  • Regionale Wirtschaft soll gefördert werden, um ländliche Regionen zu stärken und durch kürzere Transportwege Ressourcen zu schonen.
  • Sie fordern eine stärkere Besteuerung von Flugreisen und Energie-Ressourcen.
  • Sie wollen die Privatisierung öffentlicher Güter wie Wasser und Strom stoppen, Nahverkehr und Radinfrastruktur statt Straßenausbau fördern.
  • Sie wollen Steuern erheben, die umweltschonendem Verhalten fördern.

Was Kritiker sagen:

  • Kritiker der Degrowth-Bewegung argumentieren, dass ein niedrigeres Wachstum zur Folge hätte, dass Staaten weniger Steuern einnehmen können und weniger in Infrastruktur, Bildung, Gesundheitswesen etc. investieren könnten.
  • Auch argumentieren Kritiker, dass weniger Wachstum zwangsläufig auch bedeute, dass die Menschen ärmer werden, als sie sein müssten – das senke gleichzeitig auch das Interesse daran, sich mit Umweltschutz zu beschäftigen.
  • Wenn die Wirtschaft hingegen wachse, ist die Verteilungsmasse an Kapital insgesamt größer – somit ließen sich auch soziale Ziele und somit Wohlstand besser erreichen.

Aber was ist, wenn Bildung, Umwelt und soziale Gerechtigkeit das Endziel sind? Dann geht es nicht darum, schlecht bezahlte, unsichere Arbeitsplätze zu schaffen, sondern solche, in denen die Menschen genügend Geld bekommen, um zu überleben, aber vor allem auch an denen sie wachsen und die sie mit einem Sinn erfüllen.

Wäre dann nicht ein solidarisches Grundeinkommen die Lösung?

Ich halte ein Grundeinkommen für eine gute Idee. In verschiedenen Ländern wurde das ja bereits auf unterschiedliche Weise mit unterschiedlichem Erfolg getestet. Fest steht: Wenn es ein Grundeinkommen gibt, können die Bürger herausfinden, was sie wirklich langfristig glücklich macht. 

Es ist der falsche Weg, erst die Umwelt zu zerstören, soziale Strukturen zusammenbrechen zu lassen und dann erst zu fragen, ob Menschen glücklich sind.

Momentan glauben wir, eine volle Geldbörse mache uns glücklich. Aber was, wenn wir Zeit haben, darüber nachzudenken, welche Dinge, welche Ressourcen, welche Fähigkeiten uns wirklich glücklich machen?

Wir hätten mehr Zeit, um sie mit anderen zu verbringen, mehr Zeit, die wir vielleicht in Freiwilligenarbeit investieren würden, mehr Freiheit, uns mit unserem eigenen Wohlbefinden zu beschäftigen. 

Zahlreiche Wirtschaftsexperten sagen jedoch, dass Städte ohne Wirtschaftswachstum nicht existieren können, weil es an Geld und Steuern für Infrastruktur, Gesundheitssystem und Bildungssystem mangelt. 

Viele Wirtschaftsexperten – darunter Herman Daly, Joseph Stiglitz, Tim Jackson, Kate Raworth und viele andere – erkennen aber auch an, dass Wirtschaftswachstum in der Tat ein wirklich wenig hilfreiches Ziel ist. Nur weil die Wirtschaft nicht jedes Jahr wächst, bedeutetet das nicht, dass es keine finanziellen Mittel oder Steuern gibt.

Es ist die Besessenheit vom Wachstum, die destruktiv ist. Geld kommt auf die gleiche Weise wie jetzt – das ist aber nicht abhängig davon, dass wir von Jahr zu Jahr mehr konsumieren, sondern davon, dass wir mit dem Geld und den Steuern wichtige soziale Leistungen fördern und erbringen.

Was müssen Regierungen tun, wenn sie die Voraussetzungen dafür schaffen wollen, dass Menschen glücklicher sind?

Das Problem ist: Für viele Regierungen und Unternehmen ist Wohlbefinden nur ein nettes Nebenprodukt. Aber es ist der falsche Weg, erst die Umwelt zu zerstören, soziale Strukturen zusammenbrechen zu lassen und dann erst zu fragen, ob Menschen glücklich sind.

Druck, etwas zu verändern, kann von Kommunen, regionalen Entscheidungsträgern kommen. Wirklich etwas verändern können nur nationale Regierungen. Ein tolles Beispiel dafür ist Neuseeland. Premierministerin Jacinda Ardern hat vieles bewegt.

Grundsätzlich kann das über Nacht geschehen – und würde den Druck von zahlreichen ökologischen, sozialen und migrationsbezogenenen Herausforderungen nehmen.

Sie setzt das politische Rahmenprogramm “Wellbeing Economics” um. Das heißt, Entscheidungen werden künftig in Neuseeland daran gemessen und beurteilt, wie sie sich auf das Wohlbefinden der Menschen und des Planeten auswirken. 2019 wird das Programm in den Staatshaushalt aufgenommen. Das dürfte weitreichende Auswirkungen auf Politik und die Entscheidungsfindung auf allen Ebenen haben.

Das klingt nach großen Entscheidungen, die Regierungen treffen müssen.

Im Grunde ist es einfach, Regierungen können diese Entscheidung von heute auf morgen treffen. Sich zu fragen, kann es uns wirklich weiterbringen, jede Investition, jede Veränderung vor dem Hintergrund des BIP zu bewerten? Oder sollten wir uns besser die Frage stellen, was die Menschen glücklich und zufrieden macht?

Die Entscheidung ist zunächst einfach. Was darauf folgt, sind natürlich viele Veränderungen. Aber grundsätzlich kann das über Nacht geschehen – und würde den Druck von zahlreichen ökologischen, sozialen und migrationsbezogenen Herausforderungen nehmen.