LIFESTYLE
16/05/2018 17:47 CEST | Aktualisiert 11/06/2018 17:20 CEST

Wie eine ganze Generation ihr Leben verdirbt, ohne Probleme zu haben

Wir sind gesund und fleißig. Wir sind nahezu perfekt. Wir haben alles, eigentlich.

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Eigentlich haben wir alles.

Wir haben mindestens einen Uni-Abschluss. Viele von uns haben mindestens ein paar Monate im Ausland gelebt oder gleich die Welt bereist. Wir haben den ersten Job in der Tasche. Wir haben gute Karriereaussichten. Wir sind in einer Beziehung. Oder glücklicher Tinder-Nutzer.

Wir sind jung, zwischen 20 und 29 Jahre alt.

Wir mögen unsere Eltern. Und sie unterstützen uns. Wir trinken Alkohol, in einem gesunden Maße. Wir machen Sport, in einem gesunden Maße. Wir nehmen so wenig Drogen wie wohl keine junge Generation seit den spießigen 50er Jahren.

Wir sind gesund und fleißig. Wir sind nahezu perfekt. Wir haben alles, eigentlich. 

Aber sind wir auch glücklich?

Probleme, die eigentlich keine sind

Wenn Menschen mit Mitte oder Ende 20 schon mehr erreicht haben, als die meisten Gleichaltrigen in den Generationen zuvor, stellen sie sich auch früher die Frage, was jetzt noch kommen soll. Die Folge: Ständig fühlen wir uns zerrissen, schwanken zwischen einem guten Leben und unserem Denken, es müsste noch besser werden.

Wir sind vielleicht die erste Generation, die Probleme hat, die eigentlich keine sind. Luxus-Probleme.

Ältere Generationen spotten über uns. Sind wir einfach zu verwöhnt, zu sehr verhätschelte Mami-und-Papi-Kinder, um uns im Leben zurechtzufinden? Verzogen von Helikopter-Eltern, verwöhnt von einem Wohlstandsleben, in dem Krieg und Not in weiter Ferne liegen?

Vielleicht ja. Aber werden Probleme dadurch kleiner, dass sie im eigenen Kopf entstehen? Eher nein.

Zwei Studien der DAK und der Technischen Krankenkasse zeigten schon 2011: Junge Arbeitnehmer und Berufseinsteiger sind doppelt so häufig krank wie ihre älteren Kollegen. Gleichzeitig gehen sie aber öfter krank zur Arbeit – aus Angst vor einer Kündigung, gerade bei einem befristeten Job.

Schon jeder zehnte Berufstätige zwischen 15 und 29 Jahren hat Probleme ohne organische Ursache, oft begleitet von Depressionen. Burnout verbinden viele mit grauhaarigen Topmanagern. Es gibt dieses Ermatten aber erstaunlich oft auch unter jungen Menschen.

Immer jünger in den Beruf 

Nach Berechnungen der Bundespsychotherapeutenkammer hat sich die Zahl der Burnout-Erkrankungen seit 2004 versiebenfacht, die Anzahl der betrieblichen Fehltage sogar um 1400 Prozent. Auffallend häufig sind auch junge Menschen betroffen.

“Wir verzeichnen erstmals eine signifikant erhöhte Anzahl von Schülern und Studenten”, sagte Jürgen Loga, Leiter des Burnout-Helpcenters in Löwenstein bei Heilbronn 2011 dem Sender ntv. Der Experte warnte schon damals vor den Folgen der immer jünger werdenden Berufsanfänger.

Wer 2011 Schüler oder junger Student war, ist jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit unter diesen Berufsanfängern.

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Studenten an der Berliner Humboldt-Universität.

Auf den ersten Blick passt das nicht zusammen: Die perfekte Generation, die Wohlstandskinder, die so jung schon unter Depressionen und Burnout leiden.

Objektiv betrachtet haben wir tatsächlich alles. Aber an uns nagen Zweifel. Zweifel, für die sich keine Statistik finden lässt, aber die die meisten der sogenannten Wohlstandskinder von sich oder ihren Freunden kennen.

Quarter-Life-Crisis als Lebensgefühl

Es sind Fragen wie diese:

Wieso haben wir nichts anderes studiert? Wieso haben wir keinen besseren Job bekommen? Ist der Job überhaupt so wichtig? Machen wir das, was wir immer machen wollten? Sollten wir nicht lieber noch ein bisschen um die Welt reisen, anstatt schon zu arbeiten? Sollten wir statt zu arbeiten nicht gleich die Welt verbessern?

Wir sind noch so jung. Ist das Leben nicht ohnehin kurz genug? Sind wir wirklich so glücklich als Single? Oder: Werden wir jetzt unser ganzes restliches Leben mit diesem Partner verbringen?

“Es sind Kinder aus dem Bürgertum, der Mittel- und der gehobenen Mittelschicht, die jetzt in einer Phase sind, die sich als Quarter-Life-Crisis beschreiben lässt und die sich all diese Fragen stellen”, sagt Rolf Schmiel, Medienpsychologe, Motivator und Redner.

Die Quarter-Life-Crisis bezeichnet die Krise, die Menschen zwischen 21 und 29 ereilt. Neu ist der Begriff nicht: Das erste Mal kam er 1997 in den USA auf. Die Autorinnen Abby Wilner und Alexandra Robbins machten den Begriff 2001 mit ihrem Bestseller “Quarterlife Crisis: Die Sinnkrise der Mittzwanziger” populär. Beide, damals 25, gaben an, unter einer solchen Krise zu leiden.

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Eine junge Frau in der Arbeit.

Wir leben die Krise 

Es sind die Menschen, die gerade ihr Studium abschließen und in den ersten Job starten, die davon betroffen sind. Diejenigen, die nach und nach das Studentenleben ohne große Verantwortung ablegen und sich in der Berufswelt der Erwachsenen, der Welt der Verantwortung, zurechtfinden müssen – und daran verzweifeln.

Bei uns, der sogenannten Generation Y, ist die Quarter-Life-Crisis aber mehr als nur eine Krise. Wir leben die Krise. Die Quarter-Life-Crisis ist zum Lebensgefühl der Ohne-Sorgen-Generation geworden.

Wer nach Ursachen für diese Krise sucht, wird schnell fündig.

Das Durchschnittsalter von Studenten sinkt seit 2003 mit jedem Jahr. Mittlerweile sind Studenten im Durchschnitt 24 Jahre alt, wenn sie ihr Studium beenden, wie das Statistik-Portal Statista zeigt. Zum Vergleich: Im Jahr 2003 waren Hochschulabsolventen in Deutschland beim Abschluss ihres Erststudiums noch durchschnittlich fast 28 Jahre alt.

Auch das durchschnittliche Alter der Studienanfänger ist in den vergangenen 15 Jahren um eineinhalb Jahre gesunken.

Scheidungskinder verzweifeln am Leben

Seit 2001 gibt es für leistungsstarke Schüler in allen Bundesländern die Möglichkeit, schon nach 12 statt nach 13 Jahren Abitur zu machen. 17-jährige Studienanfänger sind dadurch schon lange keine Einzelfälle mehr. Und Studis, die ihren Bachelor mit 19 oder 20 machen und sofort ins Berufsleben starten auch nicht.

Doch die Ursachen für die Krise liegen noch etwas weiter zurück. Nämlich in den  90er Jahren, in denen die twentysomethings aufgewachsen sind. In einer Zeit, in der materialistische Ziele im Mittelpunkt standen und die Scheidungsrate hoch war.

Laut Schmiel ist einer der Hauptauslöser für die Lebenskrise der Generation Y, dass sich so viele ihrer Eltern getrennt haben.

Ließen sich 1990 etwa 30 Prozent der Ehepaare scheiden, waren es 1995 schon fast 40 Prozent. Erst seit 2005 sinkt die Scheidungsquote wieder. Heute halten die Ehen im Durchschnitt immerhin zwei Jahre länger als in den Neunzigern.

Statistik: Scheidungsquote in Deutschland von 1960 bis 2016 | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

“Die Familien vieler dieser Kinder sind auseinandergebrochen. Oder sie haben miterlebt, wie die Eltern ihrer Freunde sich getrennt haben”, sagt Schmiel. “Sie wissen genau, dass Geld allein nicht glücklich macht. Dass zu viel Arbeit nicht glücklich macht. Trotzdem wollen sie ihr gutes Leben weiterführen – oder möglichst ein noch glücklicheres Leben.” 

Diese Ambivalenz zwischen Wohlstand und einem erfüllten Leben ist es laut Schmiel, die nun so viele von uns in eine Krise stürzt.

Das bezeichnende Gefühl unserer Generation ist die Zerrissenheit.

Die schöne Welt von Instagram

Wir haben fast alle Möglichkeiten, uns steht fast alles offen. Und das überfordert uns. Wir wissen nicht mehr, was wir wollen.

Wir suchen den Luxus des Wohlstands, aber lehnen ihn gleichzeitig ab. Wir wollen erfolgreich sein und Karriere machen, unser Leben aber gleichzeitig nicht an die Arbeit verschwenden. Wir wollen die große Liebe finden und eine Familie gründen, aber unter keinen Umständen unsere Unabhängigkeit und den Kitzel des Frisch-Verliebtseins verlieren.

Und doch beginnen wir so jung wie noch nie zu arbeiten, binden uns früher und stärker in Beziehungen als unsere Eltern. Die Ambivalenz zwischen Wollen und Tun wird größer.

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"Seine Unsicherheiten, den schlechten Sex, die Suche nach einem besseren Job – diese Dinge postet niemand.”

Und dann beginnen wir zu zweifeln. Haben schon mit Mitte oder Ende zwanzig das Gefühl, nicht genug aus unserem Leben gemacht zu haben.

Verstärkt wird dieses Gefühl der ständigen Krise laut Schmiel durch die Digitalisierung.

“Die 20 bis 30-Jährigen leiden ohnehin schon und sehen dann noch jeden Tag in den Sozialen Medien, wie perfekt das Leben anderer ist. Auf Instagram zeigt gerade jeder junge Mensch die schönsten Ausschnitte seines Lebens. Seine Unsicherheiten, den schlechten Sex, die Suche nach einem besseren Job – diese Dinge postet niemand.”

Wir leben in einer Hochglanzwelt, in der immer nur die Sonne scheint.

Hört auf, euch zu vergleichen!

Eine Gefahr besteht laut Schmiel darin, dass es durch Plattformen wie Instagram leichter ist, sich ständig mit anderen zu vergleichen. Dort zeigen sich weitere typische Phänomene unserer Generation: Wir sind vor allem mit uns selbst beschäftigt. Wie wir auf Fotos aussehen, wie wir uns im besten Licht darstellen, wie wir Likes bekommen.

Und: Wir haben einen Reisewahn. 

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“Besonders gut laufen auf Instagram natürlich Reisebilder, weil fast jeder junge Mensch sich heute danach sehnt, die Welt zu sehen”, sagt Schmiel. “Dass ein Großteil dieser Reisen von den Eltern der jungen Menschen bezuschusst oder sogar ganz finanziert wird, darüber spricht niemand.”

Wer nicht so gut verdienende Eltern hat – oder sich nicht mehr von den Eltern finanzieren lassen möchte – kann sich einen ähnlichen Lifestyle nicht leisten und stürzt möglicherweise in eine noch tiefere Krise.

Was aber kann unsere Generation tun, um sich aus dem Gefühl der Lebenskrise zu befreien?

Laut Schmiel gibt es vor allem drei Möglichkeiten.

► Erstens: Wir müssen aufhören, uns zu vergleichen.

“Sich mit anderen zu vergleichen ist menschlich”, sagt Schmiel. “Wer aber merkt, dass ihn Plattformen wie Instagram unglücklich machen, sollte überlegen, sich ganz daraus zurückzuziehen oder weniger Zeit darauf zu verbringen.”

Der unaufhörliche Vergleich mit anderen, egal ob auf Instagram oder im Berufsleben, erhöhe unsere Unsicherheit und stürze uns damit nur tiefer in die Quarter-Life-Crisis.

Lernt, euch zu entscheiden!

► Zweitens: Wir müssen lernen, uns wieder zu entscheiden.

In Zeiten der gefühlt unendlichen Möglichkeiten in allen Bereichen ist das besonders schwer.

“Ein junger Mensch, der heute jemanden kennen lernt, den er mag, weiß: Auf Tinder braucht er nur dreimal wischen und findet im Zweifelsfall ein noch hübscheres Gesicht”, sagt Schmiel.

Genauso wüsste auch jeder, der einen guten Abschluss und einen guten Job hat: Es gibt vermutlich noch bessere Jobs.

“Die heute 20-29-Jährigen müssen sich bewusst machen, dass es die perfekte Entscheidung nicht gibt. In dieser Hinsicht müssen sie mutiger werden: Entscheidungen treffen und dann auch dazu stehen. Nicht immer zweifeln. Sich nicht immer wieder fragen: Was wäre, wenn…?”

Wir müssen herausfinden, was wir wirklich wollen und realistisch umsetzen können und dann auch dazu stehen, sagt Schmiel.

“Junge Menschen müssen lernen, sich festzulegen. Das gilt im Arbeitsbereich, aber auch im Privaten.”

Legt euren Perfektionismus ab!

Denn sogar auf unser Sexleben wirkt sich unsere große Unsicherheit und unsere Entscheidungsproblematik aus, glaubt Schmiel.

Tatsächlich haben britische Forscher gerade erst herausgefunden, dass wir immer später Sex haben.

Demnach hatte sogar jeder achte 26-jährige Befragte noch gar keinen Sex. In früheren Generationen gab nur einer von 20 Befragten an, noch nicht mit jemand anderem geschlafen zu haben.

► Drittens: Wir müssen unseren Perfektionismus und unseren Endlichkeitsgedanken ablegen.

“Mit 30 ist das Leben nicht vorbei”, sagt Schmiel. “Aber diesen Gedanken haben die meisten jungen Menschen. Deshalb versuchen sie, vor ihrem 30. Geburtstag so viel wie möglich zu erreichen. Aber kein Auto kann dauerhaft mit Vollgas fahren. Irgendwann ist es verbraucht”, warnt der Psychologe.

In den Schwächen liegen auch Stärken

Stattdessen sollten wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass das Leben auch in unseren Dreißigern weitergeht. Dass wir nicht perfekt sein müssen. Dass wir scheitern dürfen.

Verloren ist unsere Generation aber nicht, sagt Schmiel.

Denn in unseren Schwächen liegen gleichzeitig Stärken.

“Die heute 20-29-Jährigen sind extrem offen. Sie wollen die Welt sehen. Sie sind mutig, sie achten auf sich selbst, sind sehr gesund und haben einen Aufbruchsgeist”, sagt der Psychologe. “Das ist auch für das Unternehmertum wichtig.”

Und:

Wenn sie das Krisengefühl, dieses ständige Gefühl der Überforderung, ablegen und lernen, sich wieder auf Dinge einzulassen, werden diese jungen Menschen noch einen enorm wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten. Davon bin ich überzeugt.”

Jede Generation habe gedacht, dass mit 30 das Leben vorbei ist, sagt Schmiel. “Und jede Generation war auf ihre Art merkwürdig. Aber bisher hat jede Generation einen Weg gefunden, das Leben zu meistern.”