POLITIK
29/05/2018 14:25 CEST | Aktualisiert 29/05/2018 14:29 CEST

Wie die Politik bei der Vermittlung des größten Wandels unserer Zeit versagt

Der technische Fortschritt ist keine Naturgewalt.

Suhaimi Abdullah via Getty Images
Eine interaktive digitale Kunstinstallation in Singapur. 

Eine sehr gefährliche Angst geht um in Deutschland. Die Angst vor der Zukunft.

Fast 90 Prozent der Deutschen fühlen sich der Digitalisierung ausgeliefert, wie jüngst eine Studie im Auftrag der Körber-Stiftung ergab.

Und eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung zeigte, dass drei Viertel aller Deutschen keine “Roboter-Entscheidungen“ akzeptieren würde, die ohne menschliches Zutun zustande kommen. 

Aus der Zukunftsforschung ist bekannt, dass sich das Verhältnis der Menschen in der westlichen Welt zu Technik in Wellenbewegungen entwickelt.

Mal sind die Menschen optimistischer, wenn es um den technologischen Fortschritt geht – und manchmal macht er ihnen Angst.

Die Begeisterung für das Netz ist uns abhanden gekommen

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dauerten diese Wellen jeweils etwa zwei Jahrzehnte an.

In den 1950er- und 1960er-Jahren gab es durch die Technologiesprünge in der Raumfahrt einen weit verbreiteten Technikoptimismus. Die zunehmende Umweltverschmutzung sorgte dann jedoch in den 1970er-Jahren dafür, dass sich ein Technikpessimismus durchsetzte.

Mit zunehmender Verbreitung des Internets ab Mitte der 1990er-Jahre schlug die bisher letzte Stunde der Optimisten: Die Möglichkeiten digitaler Massenkommunikation waren Grundlage für revolutionäre Geschäftsideen, kulturelle Innovationen und nicht zuletzt auch politische Umstürze.

Es spricht viel dafür, dass uns die Begeisterung für das Netz irgendwann zwischen dem Scheitern der arabischen Facebook-Revolten, dem NSA-Skandal und dem Aufkommen rechter Troll-Attacken im Gefolge der Ukraine-Krise abhanden gekommen ist.

Wie negativ technologischer Fortschritt mittlerweile wieder besetzt ist, zeigt sich in der Angst vor der “vierten industriellen Revolution“. Und das ist nicht die “Digitalisierung“, wie oft behauptet wird.

► Die derzeit laufende “vierte industrielle Revolution“ heißt eigentlich “Vernetzung“.

Die existenzielle Angst vor der Digitalisierung wird nicht ernst genommen

Sie folgt auf die ersten drei industriellen Revolutionen: Die Erfindung der Dampfmaschine und die “Industrialisierung“ der Wirtschaft; die Erfindung des Fließbands und damit die “Automatisierung“ in den Fabriken; und die Einführung vom Computertechnologie in den 1960er- und 1970er-Jahren, die “Digitalisierung“.

Im Zeitalter der “Vernetzung“ geht es nicht mehr nur um mechanische Arbeitskraft durch Roboter, so wie das in den Autofabriken der 1970er-Jahren der Fall war.

► Computer dringen nun in Kernbereiche des menschlichen Selbstverständnisses vor: Sie agieren intelligent und kreativ.

Maschinen lernen untereinander zu kommunizieren. Kühlschränke können heute mit Lagerrobotern Kontakt aufnehmen, Heizungsanlagen mit dem Rechenzentrum des Wasserwerks.

Es gibt Computerprogramme, die mittlerweile ganze Kunstmagazine automatisch gestalten. Und die künstliche Intelligenz von IBM soll mittlerweile so weit sein, dass Studienanfängern in Amerika davon abgeraten wird, Jura zu studieren. Rechtsberatung können Maschinen mittlerweile besser.

► Das macht vielen Menschen Angst. Verständlicherweise. Und doch wird kaum über diese existenzielle Angst geredet.

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Das Denken über künstliche Intelligenz steckt in einer Klischeelandschaft fest, die von amerikanischen Science-Fiction-Filmen und den Alpträumen der technologischen Endzeiterzählungen geprägt ist: K.I.T.T. und R2D2 treffen den Terminator und Mad Max im Jahr 1984. Und vielleicht schaut noch Will Smith zum Tee vorbei.

Ab und zu zeigt uns eine amerikanische Firma einen neuen Roboter, der schon wieder ein paar Dinge mehr kann. Und währenddessen herrscht in der Politik eisiges Schweigen darüber, wie wir Menschen diesen Fortschritt selbst gestalten können.

Wir wiederholen die immer gleichen Fehler

Leider wiederholt sich mit der Wortlosigkeit angesichts der Fortschritte im Bereich der Vernetzung der gleiche Fehler, der auch schon bei der Globalisierung und der europäischen Integration gemacht wurde: Wichtige Dinge, die das Leben von vielen Millionen Menschen verändern, werden weder erklärt noch vermittelt.

► Und am Ende bleiben jene, die den Fliehkräften der Vernetzung eher hilflos gegenüber stehen, mit einem Gefühl von ohnmächtiger Wut zurück.

In einer Demokratie darf keine einzige Entscheidung alternativlos sein. Sobald sie das wird, ist sie per Definition nicht mehr demokratisch. Genau das haben die Rechtspopulisten in Deutschland sehr richtig erkannt: Dass viel zu lange in der deutschen Politik, wenn es um Europa und Globalisierung ging, von “Alternativlosigkeit“ die Rede war.

Der amerikanische Historiker Timothy Snyder hat genau darüber in seinem neuen Buch “Road to Unfreedom“ geschrieben. Die EU sei auch deswegen in eine Krise gerutscht, weil der Prozess der europäischen Integration lange Zeit als etwas Unaufhaltbares gegolten habe.

Politiker hätten sich erst gar nicht die Mühe gemacht, nach dem Ende der großen Europa-Euphorie in den 1990er-Jahren neue Argumente dafür zu finden, warum das Zusammenrücken Europas ein sinnvolles Projekt ist.

► Es schien historisch unvermeidbar – so war es zumindest in den Sonntagsreden zu hören.

Der Technikpessimismus ist ein Instrument der Populisten

Erst entstand dadurch dröhnendes Schweigen. Dann ein Ideenvakuum. Und schließlich tauchten nach der Finanzkrise Probleme auf, für die Europa keine schlüssigen Lösungen mehr bot.

Die Krise der EU wurde schließlich zum Karrierebeschleuniger für Europas Populisten, die auf das Reden über die Zukunft vor allem eine Antwort hatten: die Rückkehr in eine vermeintlich glorreiche Vergangenheit.

Genau das droht uns auch, wenn wir den technischen Fortschritt als Naturgewalt hinnehmen. Das ist er nämlich nicht. Allein schon deswegen, weil er von Menschen gemacht und gestaltet wird.

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Deswegen sollten wir dringend anfangen, den Technikpessimismus zu bekämpfen. Wir müssen erklären, wo die Chancen der Zukunftstechnologien liegen. Und wir müssen wirksame Gesetze entwickeln, mit denen sich die Schattenseiten bekämpfen lassen.

Und wir sollten möglichst schnell damit anfangen. Denn die Zukunft hat bereits begonnen.

(jg)