POLITIK
19/10/2018 16:05 CEST | Aktualisiert 19/10/2018 17:17 CEST

FC Bayern: Wie Rummenigge und Hoeneß Meinungsfreiheit kaputt reden

Über die Demokratie-Verächter von der Säbener Straße.

Im Video oben seht ihr, wie Uli Hoeneß auf der Pressekonferenz des FC Bayern die Berichterstattung von ntv kritisiert. 

Durch Bayern weht momentan ein frischer Wind. Die CSU hat ihre absolute Mehrheit bei der Landtagswahl verloren, die Grünen sind zweitstärkste Kraft geworden. Und die Freien Wähler könnten viele unverbrauchte Gesichter in eine mögliche neue Staatsregierung mit einbringen.

Ganz Bayern könnte ein wenig demokratischer werden.

Halt: ganz Bayern?

Nein. Ein kleiner Kreis von Fußball-Millionären leistet erbitterten Widerstand gegen den Geist der Meinungsfreiheit. Ihre Dienstadresse ist bundesweit bekannt: Die Säbener Straße in München-Giesing. Hier hat die FC Bayern München Aktiengesellschaft ihren Sitz.

Am Freitag kam es dort, in den Räumlichkeiten des deutschen Fußball-Rekordmeisters, zu einer grotesken Pressekonferenz, in der sich die anwesenden Medienvertreter von den Fußball-Bossen gut eine halbe Stunde lang beschimpfen lassen mussten.

 “Die Würde des Menschen ist unantastbar”

Anlass waren die beiden Länderspiele, die in der vergangenen Woche stattgefunden haben. Die DFB-Auswahl hatte mit 0:3 gegen die Niederlande verloren und anschließend mit 1:2 gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich. In der neu geschaffenen UEFA Nations League ist ein Abstieg der deutschen Nationalmannschaft damit kaum noch abzuwenden.

Besonders die Leistung gegen die Niederlande – es war die höchste Niederlage gegen die Oranje Elftal, die der DFB je einstecken musste – sorgte für negative Schlagzeilen.

FC-Bayern-Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge setzte sich vor die Kameras und beschwerte sich bitterlich über die Kritik an den Nationalspielern seines Clubs.

“Was man da lesen musste, hatte nichts mit der Kritik an der eigenen Leistung zu tun, sondern war nur noch eine Abrechnung mit einzelnen Spielern. The trend is your friend, insbesondere natürlich bei Spielern des FC Bayern München”, sagte Rummenigge. Und fand es selbst noch nicht einmal peinlich, Artikel 1 des Grundgesetzes zu zitieren: “Die Würde des Menschen ist unantastbar.”

Einer der Gründe war offenbar, dass den Bayernspielern Mats Hummels und Jerome Boateng nach ihrer sehr mäßigen Leistungen „Altherrenfußball“ vorgeworfen wurde. Rummenigge blieb in seiner Medienschelte bei diesem Punkt unspezifisch und nannte keine Namen.

Doch es war ersichtlich, dass er unter anderem jene Berichte meinte, in denen Zitate des Schalke-Managers Olaf Thon verbreitet wurdenAußerdem sprach Rummenigge auch über die Kritik an der sportlichen Situation des FC Bayern, dessen erste Mannschaft nach vier sehr mäßigen Spielen derzeit nur im oberen Mittelfeld der Bundesliga rangiert – ein ungewohnter Anblick für Fans des Vereins. 

Ende der Häme!

“Es ist ein wichtiger Tag heute für den FC Bayern München”, hob Rummenigge an, “weil wir ihnen mitteilen möchten, dass wir uns das ab sofort nicht mehr gefallen lassen. Sie mögen viel Spaß daran haben, den FC Bayern jetzt endlich mal als Nicht-Tabellenführer zu sehen, aber wir werden mit dem heutigen Tag uns diese herabwürdigende, hämische Berichterstattung nicht mehr bieten lassen.”

Es folgten Breitseiten gegen die Publikationen des Springer-Konzerns: Das Unternehmen habe in der vergangenen Woche bereits zwei Unterlassungserklärungen erwirkt. Und künftig werde der Verein genauer hinschauen, wenn es um Springer-Publikationen geht.

Wohlgemerkt:

► Rummenigge meinte den Verlag, bei dem die einstige Bayern-“Lichtgestalt“ Franz Beckenbauer über Jahrzehnte als Kolumnist wirkte. 

► Der langjährige Bild-Sportchef Alfred Draxler ist Autor eines Buches über den Verein mit dem nicht unbedingt hämischen Titel: “Die Rekord-Bayern – Alle Höhepunkte der Vereinsgeschichte von 1965 bis heute”.  

TF-Images via Getty Images
Konstatierte Bayern-Stars im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach, das die "Fohlen" 3:0 gewannen.

Löw muss weg!?

Rummenigge kündigte an, dass sein Unternehmen in Zukunft auf den sozialen Kanälen “Ross und Reiter” nennen werde, wenn es um vermeintliche Falschberichterstattung über de FC Bayern ginge. Mit anderen Worten: Er will unliebsame Journalisten bloßstellen. 

Der Münchner Präsident, Uli Hoeneß, pflichtete Rummenigge bei. Er kritisierte den Nachrichtensender n-tv und die “widerlichen” Versuche, “Jogi Löw abzuschießen”.

Warum die Forderung nach einer Entlassung von Löw nicht legitim sei? “Diesem Mann wurden jetzt zehn Jahre die Füße geküsst”, empörte sich Hoeneß. 

Man kann das auch so verstehen: Medien dürfen nicht die Entlassung eines Nationaltrainers fordern, wenn dieser große Verdienste auf seiner Seite habe. Das ist absurd. Nach dieser Logik hätte auch Angela Merkel nach drei Wahlsiegen einen Job auf Lebenszeit als Bundeskanzlerin.

Die FC Bayern München Aktiengesellschaft hat im Geschäftsjahr 2016/17 einen Umsatz von 640 Millionen Euro erwirtschaftet. Der Fußball-Konzern aus München gehört damit zu den fünf umsatzstärksten Fußballunternehmen in Europa und machte einen Gewinn von 39,2 Millionen Euro.

Alle sind gleich, aber manche sind gleicher

Man stelle sich vor, dass ein beliebiges anderes Aktienunternehmen in Deutschland derart mit der Öffentlichkeit umgehen würde: Daimler, VW oder die Bayer AG. Wahrscheinlich würde man diese Konzerne zu Recht für undurchsichtige Konglomerate halten, in denen die Bosse glauben, über den Dingen zu stehen.

Dass dies für den FC Bayern nicht gilt, ist nur möglich, weil die Fußball-Konzerne immer noch die Liebe ihrer Fans hinter sich wissen. Mit dieser Zuneigung wird in Deutschland ein Milliardenumsatz gemacht. Und es werden auch demokratische Prozesse ausgebremst. Zum Beispiel die öffentliche Kritik an Missständen.

Eine jüngst von der Otto-Brenner-Stiftung veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass gerade Boulevardmedien und private Fernsehsender viel zu unkritisch über den Fußball berichten würden. 

Ein Problem sei, dass die hohen Kosten für die Übertragungsrechte an Sportveranstaltungen mit der Inszenierung von Sport als Event wieder refinanziert werden müssten. Es ist eben jenes Geld, das dazu beiträgt, die Bilanz des FC Bayern so imposant wirken zu lassen.

Lukas Schulze/Bundesliga via Getty Images

Mia san Mimimi

Kaum verlieren der FC Bayern und die deutsche Nationalmannschaft jedoch einige Spiele, und kaum dass es Kritik an der Führung des FC Bayern sowie dessen sportlicher Leitung gibt, reagieren Rummenigge und Hoeneß ganz so, als wären sie Opfer einer Ehrverletzung geworden.

Die Diskreditierung von Journalisten auf Pressekonferenzen und das öffentliche Vorführen einzelner Vertreter der Medien erinnert dabei an die Auftritte von Donald Trump.

Auch hier wird unliebsame Berichterstattung angezweifelt, werden unbequeme Journalisten ausgesondert und abgewatscht. Und auch hier geschieht das mit dem Kalkül, dass die eigenen Anhänger dieses übergriffige Verhalten schon billigen werden. Man steht ja auf der gleichen Seite der Barrikade.

Vielleicht war diese denkwürdige Pressekonferenz aber auch nur ein Zeichen von Angst: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, zwei der führenden Figuren des FC Bayern und auch des deutschen Fußballs, fürchten sich vor Misserfolg und Umsatzrückgang im Zuge der sich anbahnenden sportlichen Krise.

Das jedenfalls wäre noch einigermaßen verständlich.

(mf)