POLITIK
21/10/2018 15:16 CEST | Aktualisiert 22/10/2018 10:18 CEST

Wie der Tod von Khashoggi den Nahen Osten verändern wird

Auf den Punkt.

Im Video oben: Saudi-Arabien gesteht Tötung von Kritiker Khashoggi

So traurig das ist: Die Ermordung eines Regime-Gegners ist in Saudi-Arabien zumindest statistisch gesehen kein einschneidendes Ereignis.

Allein im ersten Quartal 2018 wurden laut Human Rights Watch 48 Menschen im wahhabitischen Königreich exekutiert.

► Dennoch ist der Fall des getöteten saudischen Journalisten Dschamal Khashoggi ein besonderer. Internationale Medien sind sich einig: Khashoggis Tod könnte den Nahen Osten auf Jahre hinweg verändern.

Australian Associated Press

 

Doch warum eigentlich? Wir haben es auf den Punkt gebracht.

 

1. Die Krise wurde zum Kampf um Einfluss

Dass der Fall Khashoggi zu einer internationalen Krise wurde, hängt auch mit den brisanten Umständen seines Verschwindens zusammen.

Khashoggi lebte seit vergangenem Jahr über weite Strecken im US-Exil und schrieb für die renommierte amerikanische Zeitung “Washington Post”. Auch für die USA besteht daher ein dringendes Interesse an einer Aufklärung.

Dass der Journalist auf türkischem Boden, im saudischen Konsulat in Istanbul, verschwand, ist zudem auch für die türkische Regierung ein Affront. 

ASSOCIATED PRESS
Die Straße zum saudischen Konsulat in Istanbul wird bewacht.

Die Beziehungen zwischen der Türkei und dem saudischen Königshaus sind angespannt, spätestens seit dem Embargo Katars, einem türkischen Verbündeten.

Die wochenlangen Vertuschungsversuche der saudischen Regierung haben großes internationales Misstrauen geweckt und boten der Türkei die Möglichkeit, sich international als Aufklärer zu profilieren und aus dem Würgegriff aus Kritik und Sanktionen zu befreien. 

► Aus dem Kampf um die Deutungshoheit im Fall Khashoggi wurde für Präsident Recep Tayyip Erdogan so auch schnell ein aussichtsreicher Kampf um Macht im arabischen Raum.

2. Tat befeuert Streit zwischen Wahhabisten und Muslimbrüdern

Gewissermaßen ist der Fall Khashoggi gar ein Streit zwischen Muslimbrüdern und Wahhabisten. Obwohl es sich bei beiden Ideologien um streng konservative Auslegungen des sunnitischen Islams handelt, gibt es große Differenzen – vor allem in Fragen der Machtausübung.

Während sich das wahhabitische System, etwa in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, bislang als nahezu reformunfähige Doktrin von oben erwiesen hat, agieren die Muslimbrüder im Kontext gesellschaftlicher, teilweise gar demokratischer Bewegungen. 

► Der ehemalige türkische Abgeordnete Suat Kiniklioglu, der nun in Oxford lehrt, sagte zuletzt:“Es gibt zwei miteinander konkurrierende Visionen für den Nahen Osten, die sich im Falle Khashoggi streiten.”

Es gebe eine Polarisierung zwischen dem arabischen Königreich, das den Status Quo erhalten wolle und den in Saudi-Arabien unterdrückten Muslimbrüdern, die Veränderung wollen. Vor allem aus Angst vor Umstürzen wie in Folge des arabischen Frühlings bekämpft Saudi-Arabien die Muslimbrüder.

Khashoggi, früher selbst aktiver Unterstützer der Gruppe, und Recep Tayyip Erdogan, ausgesprochener Sympathisant der Muslimbrüder, standen so auf derselben Seite. Auch deshalb habe Ankara den Fall von Anfang an zu einem Politikum erhoben, sagt der Experte.

Zwischen Ankara und Riad gehe es um Machtpolitik, um die Auslegung des Islams, um Einfluss bis hin auf den Westbalkan und in Zentralasien. 

Mike Theiler / Reuters
Trump dankte Erdogan für die Freilassung von Brunson.

3. Die Türkei konnte den Fall als Befreiungsschlag nutzen 

Für die Türkei war es zuletzt ein Kampf gegen widrige Umstände. International ist die Erdogan-Regierung zunehmend isoliert, ökonomisch im Sinkflug. 

► Umso wichtiger wurde der Fall Khashoggi.

Der türkische Präsident wusste den Tod des Journalisten geschickt für sich zu nutzen. Die türkischen Geheimdienste gaben wichtige Informationen, angeblich sogar Videoaufnahmen des Mordes, an die US-Behörden weiter.

 

 Damit zwang die Türkei die US-Regierung, sich von der Saudi-Führung zu distanzieren. Es ist kein Geheimnis, dass das Umfeld von US-Präsident Donald Trump um Berater Jared Kushner Saudi-Arabien als wichtigsten Partner in der Region betrachtet.

Die Türkei dagegen konnte die Krise für eine Wieder-Annäherung an die USA nutzen – auch durch die gleichzeitige Freilassung des US-Pastor Andrew Brunson.

4. MBS droht in Saudi-Arabien ein Machtkampf

Auch innerhalb Saudi-Arabiens haben sich Machtverhältnisse verschoben – davon ist zumindest auszugehen.

Für den jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman (MBS), der nach außen bislang einen Reformkurs verkörperte, innerhalb des Landes aber autoritär herrschte, glich der Fall Khashoggi einem PR-Desaster.

Ein Mitarbeiter einer regierungsnahen Organisation in Riad sagte der HuffPost zuletzt: “Es ist unglaublich frustrierend. Wir arbeiten seit Monaten daran, das Image des Landes aufzubessern und die Regierung hat die Arroganz und Dummheit so etwas zu tun. Was ein Albtraum.”

MBS hat nach seinem überraschenden Aufstieg zum Thronfolger im vergangenen Sommer viel Macht an sich gezogen und politische Gegner aus dem Weg geräumt. 

► Insider berichten von einem Klima der Angst in Kreisen der Saudi-Führung.

► Sicher ist: Der einerseits autoritäre und andererseits modernisierungswillige Kurs des jungen Prinzen erzeugt Reibung innerhalb der Führungsriege. Unwidersprochen dürfte MBS dieser Tage nicht bleiben.

Zuletzt war erkennbar, dass der Vater des Kronprinzen, König Salman, die Geschäfte wieder verstärkt in die eigene Hand nahm – etwa durch ein Telefonat mit Erdogan. Vielleicht wittern die Gegner von MBS bereits die Chance, aus dem Schatten zu treten.  

Zum Hintergrund: Eine Chronik der Ereignisse

2. Oktober: Khashoggi, Kritiker des mächtigen Kronprinzen Mohammed bin Salman, betritt das saudische Konsulat in Istanbul, um Dokumente für die Hochzeit mit seiner türkischen Verlobten abzuholen. Diese wartet vergeblich auf seine Rückkehr.

3. Oktober: Die Verlobte und die “Washington Post”, für die Kashoggi als Kolumnist schrieb, melden ihn als vermisst.

4. Oktober: Saudische Behörden behaupten, Khashoggi sei verschwunden, nachdem er das Konsulatsgebäude verlassen habe. Das türkische Außenministerium beruft den saudischen Botschafter wegen des Verschwindens ein.

5. Oktober: Die “Washington Post”, in der Kashoggi regelmäßig schrieb, druckt aus Solidarität eine leere Kolumne auf der Meinungsseite, mit der Überschrift “Eine Stimme, die fehlt”.

6. Oktober: Die Türkei leitet formelle Ermittlungen zum Verschwinden Khashoggis ein. Prinz Mohammed bin Salman gibt an, Khashoggi sei nicht im Konsulat, und bietet den türkischen Behörden an, das Gebäude zu durchsuchen. “Wir haben nichts zu verbergen”, sagt er in einem Interview.

7. Oktober: Ein enger Freund Khashoggis sagt der Deutschen Presse-Agentur unter Berufung auf vertrauliche Informationen der türkischen Polizei, der Journalist sei im Konsulat getötet und zerstückelt worden.

9. Oktober: US-Präsident Donald Trump sagt, er sei “besorgt”. US-Außenminister Mike Pompeo ruft Saudi-Arabien auf, eine “gründliche Untersuchung” durchzuführen.

SIPA USA/PA Images

10. Oktober: Türkische Medien veröffentlichen Material über ein angebliches saudisches Mordkommando, das nach Istanbul gereist sei, um Khashoggi umzubringen.

12. Oktober: Ein Team aus Saudi-Arabien kommt in Ankara an, um zusammen mit türkischen Ermittlern das Verschwinden Khashoggis zu untersuchen. Das Königreich gerät immer stärker unter internationalen Druck, sich zu erklären.

14. Oktober: Trump kündigt eine “harte Bestrafung” an, sollte sich herausstellen, dass die Führung in Riad hinter Khashoggis Verschwinden stecken.

15. Oktober: Türkische Ermittler beginnen, das Konsulat in Istanbul nach Beweisen für das Verschwinden des Journalisten zu durchsuchen.

16. Oktober: US-Außenminister Pompeo trifft König Salman in Riad. Der US-Diplomat fliegt danach in die Türkei und trifft Präsident Recep Tayyip Erdogan.

17. Oktober: Türkische Ermittler durchsuchen die Residenz des saudischen Botschafters in Istanbul.

18. Oktober: US-Finanzminister Steven Mnuchin sagt seine Teilnahme an einer großen Investoren-Konferenz in Riad ab. Er reiht sich damit in eine große Zahl von Politikern und Wirtschaftsvertretern ein, die die Veranstaltung boykottieren.

20. Oktober: Saudi-Arabien gesteht den Tod Khashoggis im saudischen Konsulat ein. Er sei bei einem “Faustkampf” im Konsulat ums Leben gekommen, heißt es offiziell. Salmanentlässt mehrere Mitarbeiter des Geheimdienstes und einen Hofberater, der dem Kronprinzen nahesteht.

Chronik von der dpa.

(jkl)