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17/03/2018 17:58 CET | Aktualisiert 17/03/2018 18:02 CET

Wie aus mir ein stolzer und mutiger Mensch wurde, weil meine Mutter lesbisch ist

"Ich weiß jetzt, wie wichtig es ist, das eigene Leben schlicht geschehen zu lassen."

Elizabeth Elford
Elizabeth Elford mit ihrer Mutter im Jahr 1987

Im Frühling 1984 hatte meine Mutter zum ersten Mal einen weiblichen Übernachtungsgast. Ich war damals sieben Jahre alt und wir haben uns zu diesem Zeitpunkt noch ein Schlafzimmer in unserem kleinen Mietapartment geteilt.

Deshalb bemerkte ich sofort, dass sich ein mir unbekannter Mensch zum Schlafen in die untere Koje unseres Doppelbettes gelegt hatte. Sie hieß Carol (Name geändert) und arbeitete als Grundschullehrerin in einer nahegelegenen Kleinstadt in Arkansas.

Im Laufe der folgenden Monate trafen wir uns noch häufiger mit Carol. Als unser Mietvertrag dann auslief, entschloss sich meine Mutter, mit mir in Carols‘ Häuschen am Rande einer von Wasser und Elektrizität abgeschnittenen, isolierten Frauenkommune zu ziehen. Zehn Meilen außerhalb der Stadt Eureka Springs im US-Bundesstaat Arkansas.

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Ich war begeistert von der Vorstellung, in ein Abenteuerland voll endloser Wälder, Schluchten und wilder Tiere zu ziehen.

Erst später wurde mir klar, dass wir uns verstecken mussten

► Erst viel später wurde mir bewusst, was es als Frau Mitte der 1980er Jahre bedeutete mit einer anderen Frau zusammenzuziehen. Und das auch noch in Arkansas, nur eine knappe Autostunde vom Hauptquartier des Ku-Klux-Klans entfernt.

Ich wusste damals nicht, welche Art von Beziehung meine Mutter mit Carol führte. Als der Sommer sich dem Ende zuneigte und Carol bald wieder arbeiten gehen musste, baten sie und meine Mutter mich um ein Gespräch. Falls irgendjemand nach ihrer Wohngemeinschaft fragen würde, sollte ich antworten, sie seien Cousinen. Jede abweichende Antwort könne Carol ihren Job kosten.

Bereits am ersten Schultag fragte der Schulbusfahrer, wieso ich umgezogen sei. Ich gab ihm die Erklärung, die meine Mutter und Carol mir eingebläut hatten Er schüttelte verächtlich den Kopf.

In der Schule wurde ich noch sehr viel häufiger nach meiner Mutter gefragt. Die ständigen Kreuzverhöre schärften meine Wachsamkeit, und obwohl ich damals erst sieben Jahre alt war, wurden meine Antworten mit der Zeit immer spitzfindiger und cleverer.

Ich hatte Angst, gemobbt zu werden

Die homophoben Kommentare und Beleidigungen, die damals bei uns wie auch an vielen anderen amerikanischen Kleinstadtschulen zum Umgangston gehörten, wurden immer häufiger.

Die Wörter “Schwuchtel” und “Tunte”, die mir aus allen Ecken entgegenschlugen, ließen mir das Blut in den Adern gefrieren. Ihrer Boshaftigkeit war ich mir mehr als bewusst.

Obwohl sie es mir gegenüber nie zugegeben hatte, wurde mir nun schlagartig bewusst, dass meine Mutter eine Lesbe war – und Lesben waren in unserer Kleinstadt verhasst.

Meine Mutter teilte sich ihr Bett mit einer anderen Frau und gehörte im Gegensatz zu den Familien meiner Mitschüler keiner der örtlichen baptistischen Kirchengemeinden an.

Sollte irgendjemand jemals von dieser Tatsache erfahren, könnte Carol nicht nur ihre Anstellung verlieren, sondern auch meiner Familie würde Schaden drohen. Was mir fast ebenso viel Angst bereitete war, dass man mich in der Schule hätte mobben können.

Wie der Historiker Daniel Rivers in seinem Buch Radical Relations: Lesbian Mothers, Gay Fathers, and Their Children in the United States since World War II überzeugend darstellt, gehörte die ständige Angst, das Sorgerecht über die eigenen Kinder verlieren zu können, in den 1970er und 1980er Jahren fest zum Leben homosexueller Elternpaare.

Ich ließ mir zahllose Ausreden einfallen

► Die Eltern wurden meist vor die Wahl gestellt, sich entweder öffentlich gegen die Vorwürfe zu wehren, dass das Aufwachsen in homosexuellen Haushalten ihren Kindern Schaden zufüge. Oder in den Untergrund abzutauchen und ihre Kinder dort in geheimen Wohngemeinschaften großzuziehen.

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In den weniger liberalen Teilen der USA konnte diese Entscheidung tödliche Folgen haben. Wir mussten uns glücklicherweise keine Sorgen machen, dass mein Vater versuchen könnte, mich meiner Mutter wegzunehmen. Er war ein Jahr vor ihrem ersten Treffen mit Carol unerwartet verstorben und bereits zuvor von ihr getrennt gewesen.

Doch meine Mutter wusste, dass es andere Menschen in unserem Umfeld gab, die versuchen würden, mich von ihr zu trennen. Sollten sie jemals von ihrem Lebenswandel erfahren.

Also verbarrikadierte ich mich in meiner Geheimniskrämerei und wickelte mich in einen Kokon der Einsamkeit.

Um meine Deckung aufrecht zu erhalten, musste ich mir zahllose Ausreden einfallen lassen. Zum Beispiel, um meinen Freunden zu erklären, warum ich sie nie zu mir nach Hause einlud, obwohl ich sie doch so häufig besuchen kam. So warnte ich sie beispielsweise vor unserem Rudel bissiger Kampfhunde, die Fremde hassten und nicht zurückgerufen werden könnten, wenn sie einmal Blut geleckt hätten.

Ein tiefes Schamgefühl, das sich nicht unterdrücken lässt

Irgendwann hörten meine Freunde dann auf zu fragen, ob sie zum Spielen zu mir kommen könnten, und auch Jahre später beschwerte sich mein damaliger Freund kaum jemals darüber, dass er sich meinem Zuhause nicht mehr als eine halbe Meile nähern durfte.

Aber das große Problem mit einem Geheimnis dieser Größenordnung ist, dass es ein tiefes Schamgefühl hervorruft, das sich nicht unterdrücken lässt, sondern ständig weiter wächst, sich wie ein Krebsgeschwür im Körper ausbreitet und alle Bereiche des Lebens infiziert.

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► Die ständige Geheimniskrämerei um die Beziehung meiner Mutter lehrte mich vor allem eines – dass es schlecht war, homosexuell zu sein. Es dauerte Jahrzehnte, bis ich mich von diesem Gefühl befreit hatte.

Ich lernte, sämtliche auch nur im Ansatz romantischen Gefühle, die ich weiblichen Freunden gegenüber vielleicht empfand, zu unterdrücken, einen klaren Kopf zu bewahren, mir nichts anmerken zu lassen.

Elizabeth Elford
Elizabeth und ihre Mutter 1986

Erst als ich Arkansas in Richtung liberalerer Gefilde verlassen hatte, habe ich Freunden anzuvertraut, dass ich mit einer homosexuellen Mutter groß geworden war.

Doch die meisten dieser Gespräche kamen erst nach mehreren Gläsern Wein auf, und ich schäme mich bis heute dafür, viele von ihnen mit Bemerkungen über “meine Mutter und ihre Lesbe” beendet zu haben. Statt Carol als das zu bezeichnen, was sie war – die Lebenspartnerin meiner Mutter.

Doch es war so viel einfacher, ein unangenehmes Gespräch durch grobe Witze frühzeitig zu beenden, als mich meinen Freunden zu öffnen, und ihre Fragen ehrlich zu beantworten.

Die Homophobie wurzelt, wie andere Vorurteile auch, zu großen Teilen in reiner Angst. Sie ist ein Generationenproblem und lässt sich nur durch langwierige, gezielte Bildungsmaßnahmen abbauen.

Das Geheimnis hüten zu müssen, war Fluch und Segen zugleich

Viel hängt davon ab, welche Ideen wir unseren Kindern an die Hand geben und mit welchen Konzepten diese sich die Welt erschließen und mit Gleichaltrigen kommunizieren.

► Wenn Eltern ihre Kinder nicht dabei unterstützen, ein eigenes Sprachgefühl zu entwickeln, werden diese sich dazu gezwungen sehen, ihr Umfeld zu imitieren. Sie machen nach, was sie von Altersgenossen und Fremden hören.

Mein eigenes imitiertes Sprachgefühl hatte sich widerstandslos in mir festgesetzt, da ich mich mit niemandem ungezwungen über meine Probleme unterhalten konnte.

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Die Identität meiner Mutter sah ich als soziales Hindernis und ihre Homosexualität nahm ich ihr deshalb übel. Mehrmals flehte ich sie an, ihre Beziehung mit Carol zu beenden und in unsere Kleinstadtwohnung zurückzuziehen. Sich einen Mann zu suchen.  

In einem so jungen Alter ein so großes Geheimnis hüten zu müssen, war Fluch und Segen zugleich.

Ich entwickelte ein Empfinden für Andersartigkeit und für all die vielen Unsicherheiten, die Leute davon abhalten, sich besser in Gruppen zu integrieren.

Ich entwickelte ein tiefes Einfühlungsvermögen gegenüber Menschen in fast jeder denkbaren Lebenslage. Eine Fähigkeit, die mir bei der Erziehung meiner beiden Kinder häufig zu Gute kam.

Heute schäme ich mich für mein Verhalten

Nur meiner eigenen Mutter blieb meine Empathie für viele Jahre versagt. Als ich in die Pubertät kam, wurde ich grob, gab widersprach viel und zeigte weder meiner Mutter, noch Carol Respekt.

Ihre Geheimniskrämerei interpretierte ich als Schwäche, eine Schwäche, die ich nach Belieben ausnutzen konnte. Heute schäme ich mich für mein Verhalten.

► Inzwischen verstehe ich, was ich auch damals im Ansatz bereits verstand: Warum meine Mutter sich vor der Welt verstecken musste.

In Eureka Springs lebt ein bunter Mix aus Künstlern, Schriftstellern und anderen Kreativen, viele davon aus New York oder Kalifornien. Aber diese Gruppen hatten damals kaum Einfluss auf das Geschäftsleben oder die Regierungsgeschäfte der Stadt.

Der Bankdirektor, der meiner Mutter und Carol den Kredit gab, um sich ein Grundstück zu kaufen und ein Haus zu bauen, durfte um keinen Preis von ihrer Beziehung erfahren.

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Bei jedem Ausflug ins nahe gelegene Kino in Berryville musste ich zwischen meiner Mutter und Carol sitzen, da die beiden in der Öffentlichkeit weder Händchen halten, noch sich jemals küssen durften.

An der Schule, an der sie als Lehrerin arbeitete, war Carol ständigen Nachfragen zu ihrem Privatleben ausgesetzt – von Kollegen, aber auch von Eltern und der Schulleitung.

Inzwischen begreife ich ihren Mut

Heute verstehe ich, dass auch Carol ein Doppelleben führen musste, in der ständigen Angst davor, dass jemand ihr die eine, fatale Frage stellen würde. Als Paar hatten sie und meine Mutter keine Existenzberechtigung.

Vor kurzem bin ich 40 Jahre alt geworden und bin damit nun älter, als es meine Mutter war, als sie ihre Beziehung mit Carol begann, und als ihr Leben eine so drastische Wende nahm.

► Inzwischen begreife ich, wie viel Mut ihr diese Entscheidung abverlangt haben muss.

Die Vorstellung, dass die beiden in einem so jungen Alter bereits solche Risiken auf sich nehmen mussten, berührt mich zutiefst und ich frage mich jeden Tag erneut, welche Opfer sie erbringen mussten, um miteinander leben zu können.

Wie häufig sie gezwungen waren, sich für die schlechteste aus mehreren Varianten zu entscheiden. Welche Zinsrate erhielten sie wohl auf ihren Hauskredit, und berechnete der örtliche Holzhändler ihnen wohl einen fairen Preis für die Baumaterialien?

Wie muss sich Carol, die nie eigene Kinder hatte, gefühlt haben, als ich mich weigerte, sie zu meinen Schulveranstaltungen kommen zu lassen?

Ich würde mir wünschen, dass Kinder, die heutzutage von homosexuellen Eltern erzogen werden, nicht dieselben Schmerzen erleiden müssen, die wir in unserem Leben im Versteck erleiden mussten.

Heute ist vieles besser

Vielleicht wäre meine Kleinstadtkindheit in Arkansas einfacher gewesen, wenn ich, so wie heute, Unterstützung im Internet oder an anderen Orten hätte finden können.

Wenn ich nur den Hastag #gaymom bei Instagram hätte suchen müssen und dort Freunde hätte finden können, die mich verstanden hätten. Mit denen ich mich über unsere Eltern lustig machen und Geschichten austauschen hätte können, wie es Kinder eben tun. Normale Kinder zumindest.

Im Laufe des letzten Jahrzehnts habe ich die Formierung inspirierender Massenbewegungen miterleben dürfen, die sich für Gleichberechtigung und die Ehe für Alle einsetzen.

Ich durfte die Werke von Schriftstellern und Künstlern bewundern, die so einfühlsam und regelmäßig die Leben alternativer Familien in ihren Werken porträtieren.

Sprache ist der wichtigste Einfluss, den wir auf unsere Kinder haben

Ihre Arbeit gibt Kindern heute die Möglichkeit, sich und ihre Familien in Kunst und Kultur wiedererkennen zu können. Und sie hilft, die vermeintliche Andersartigkeit von Kindern homosexueller Eltern nach und nach abzuschaffen.

Mir ist klar geworden, dass der größte Einfluss, den ich auf meine Kinder habe, die Sprache ist, mithilfe derer ich ihnen die Welt erkläre. Es mag sogar sein, dass meine Kinder es heute als völlig normal ansehen, drei Großmütter zu haben. Schließlich unterhalten sich mein Mann und ich über meine beiden Mütter nicht anders, als über seine heterosexuellen Eltern.

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Klarheit, Verständnis und eine präzise Sprache sind viel wichtiger als Kinder nur über andere sexuelle Orientierungen aufzuklären.

Kinder, die früh über all das Bescheid wissen, sind widerstandsfähiger, toleranter, selbstbewusster und stolz auf ihre eigene Individualität.

Ich wünschte mir heute, all das als Kind gezeigt bekommen zu haben. Dann hätte ich mich für meine Familie und mich selbst nicht schämen müssen.

Stolz und keine Angst

► Ich werde versuchen, meinen Kindern ehrlichere Antworten zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu geben. Die Welt der Homosexuellen steht ihnen weit offen, ganz ohne Scham. So wie es auch sein sollte.

Die Beziehung meiner Mutter mit Carol endete, als sie Rebecca kennenlernte, die sie vor 23 Jahren heiratete – entschlossen, ihre zweite Liebesbeziehung mit einer Frau in aller Öffentlichkeit auszuleben.

Mit Stolz und ohne Angst. Ich war damals 17, und mir war die Zeremonie so peinlich, dass ich die Hochzeitsringe “aus Versehen” in den Rasen fallen ließ.

► Ich musste meine eigenen Kinder bekommen, um zu verstehen, welche Opfer meine Mutter für mich gebracht hatte. Welchen Mut sie bewiesen hat, unseren Alltag zu meistern.

Heute bin ich unermesslich stolz auf sie.

Elizabeth Elford
Elizabeth und ihre Mutter im Jahr 2016

Im Laufe der Jahre haben wir uns viel darüber unterhalten, wie sich ihre Lebensführung auf mich ausgewirkt hat, und ich versuchte stets, ihr einzureden, dass es nicht schlimm war, obwohl das zu dieser Zeit eine glatte Lüge war.

Sie hat sich häufig bei mir entschuldigt, aber ich sehe keinen Anlass für Vergebung, da es an ihrem Verhalten nichts zu vergeben gibt.

► Das mutige Leben meiner Mutter hat mir beigebracht, wie wichtig es ist, das eigene Leben schlicht geschehen zu lassen.

Der Artikel ist zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost erschienen und wurde von Lukas Wahden übersetzt.

(ujo)