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05/05/2018 16:20 CEST | Aktualisiert 05/05/2018 16:20 CEST

Väter wollen Wickeltische auf Männerklos, dabei gibt es andere Probleme

Die Politik soll sich lieber um Alleinerziehende kümmern.

Ja, der Wickeltisch auf der Herrentoilette. In manch schwedischem Schnellmöbelrestaurant bereits Standard, in manch anderem Restaurant ebenfalls so schon zu finden, bleibt es im bundesweiten Vergleich dennoch die absolute Ausnahme.

Ich frage mich nicht, warum dem so ist, sondern viel mehr, ob ich diesen Umstand wirklich ändern wollen würde? Immerhin findet selbst Ashton Kutcher, dass es mehr Wickeltische auf Herrentoiletten geben sollte. Und Schweden ist als Land ja auch gar nicht so uncool eigentlich.

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Das Vatersein macht einen Mann noch lange nicht zum Feministen. Die ewig währenden Diskussionen um Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die letzte Väterstudie “Was Väter glücklich macht“ beweist, dass Väter weitaus weniger bereit sind, für die Familie berufliche Kompromisse einzugehen.

Männer, die sich um Familie kümmern, bekommen kein Ansehen

Dass es überhaupt Kompromisse sein müssen zeigt, dass das Problem nicht ausschließlich bei den Vätern selbst liegt, sondern zum Teil auch an einem wirtschaftlichen System, dessen hauptsächlich männliche Träger den Mann schlichtweg bevorzugen.

Dies bedeutet im Umkehrschluss natürlich auch, dass Männer, die sich von dieser konstruiert männlichen Rolle abwenden, um sich beispielsweise um ihre Familie zu kümmern, wenig bis gar nicht angesehen werden.

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Familienengagierte Väter werden ebenso wie z.B. alleinerziehende Mütter oder alternative Familienmodelle von Gesellschaft und Politik an vielen Stellen zu Unrecht benachteiligt.

Im Westen nichts Neues, es ist also ein langer Weg durch die Schützengräben. Die bundesweite Einführung von Wickeltischen auf Herrentoiletten, ja, das könnte ein politisches Signalfeuer für eine neue Familienpolitik sein.

Auch, um diejenigen Väter, die sich mehr Zeit für ihre Familie nehmen, in ihrem Tun wenigstens symbolisch zu unterstützen.

Vielleicht gibt es wichtigeres als Wickeltische

Ich frage mich aber: Gäbe es an dieser Stelle nicht vielleicht doch auch andere Leuchtfeuer, die viel stärker leuchten könnten, ohne andere, in Familiendingen ebenfalls Benachteiligte auszuklammern?

Sollte man sich als Mann nicht eher für “mütterliche“ Belange einsetzen? Beginnt Familienpolitik nicht bereits dort, wo eine Schwangere nicht mehr frei für sich entscheiden kann, wo und wie sie gebären möchte?

Väter sind für Kinder wichtig. Vielleicht aber gibt es derzeit wichtigeres als Wickeltische. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Fehlende Wickeltische auf Herrentoiletten, ist das nicht allenfalls ein Luxusproblem?

Persönlich wäre mir ein Wickeltisch auf der Herrentoilette oder wenigstens doch im Toilettenvorraum eine eindeutig willkommene Möglichkeit. Wesentlich willkommener, als öffentliche Toiletten in Kaufhäusern, die oftmals zwar keinen Wickeltisch, dafür aber eine schöne blaue Beleuchtung zwecks Junkie-Abwehr haben. Toll.

Aber auch Unisex-Toiletten, wie sie aus LGBT-Zusammenhängen immer wieder mal gefordert werden, könnte ich mir gut vorstellen, zumal sie jedweden Wind aus der Wickeltisch-Frage nehmen würden.

Es gäbe ja schlichtweg keine Herrentoiletten mehr. Fehlt also nur noch der Wickeltisch. Oder mal etwas ganz Verrücktes: Wickeltische ohne Toiletten?

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Politik soll sich lieber um Alleinerziehende kümmern

Aber: Um am Leben meiner Tochter teilzuhaben, hänge ich nicht von Toiletten in der Öffentlichkeit ab. Auch nicht von den hiesigen Wickelmöglichkeiten.

Sicherlich würde mich ein Wickeltisch so manche Situation entspannter angehen lassen, aber: Eine Familienpolitik, die sich stärker um die Rechte von Alleinerziehenden, Getrennterziehenden, Gebärenden und so weiter kümmert, wäre mir deutlich lieber als ein zwangsverordneter Wickeltisch auf irgendeiner öffentlichen Toilette im Park, an der Autobahn oder in einem Restaurant. Außerdem habe ich keine Skrupel, im Zweifel auch mal eine Damentoilette zu betreten.

Wäre ja immerhin nicht das erste Mal.

Der Beitrag erschien zuerst auf Johnnys Papablog

(kap)