POLITIK
22/09/2018 15:43 CEST

#WhyIDidntReport: Opfer von Vergewaltigungen antworten auf Trump-Anschuldigung

Es sind emotionale Geschichten, die zeigen, warum viele Opfer es nicht wagen, zur Polizei zu gehen.

Congressional Quarterly via Getty Images
Eine Frau demonstriert während der Anhörung von Donald Trumps Richterkandidat Brett Kavanaugh vor dem US-Senat. 
  • Tausende Frauen und auch Männer in der USA berichten auf Twitter von sexuellen Übergriffen – und warum sie bisher geschwiegen haben. 
  • Sie setzen damit ein Zeichen gegen einen Mann: US-Präsident Donald Trump.

In Bob Woodwards Buch “Fear” findet sich eine Passage, die Donald Trumps Verhalten gegenüber Frauen in einer einzigen Anekdote auf den Punkt bringt. 

Es geht um ein Telefonat, das Trump mit einem Freund geführt haben soll. Diesem Freund wurde ein mit Sex zusammenhängendes Vergehen vorgeworfen – womöglich ein sexueller Übergriff, womöglich nur ein Seitensprung. 

Trump sagte dem Freund laut Woodwards Recherchen: “Du musst es leugnen, leugnen, leugnen und Druck gegen diese Frauen aufbauen. Wenn du auch nur irgendetwas zugibst, bist du tot.”

Trump, dem Zeit seines Lebens insgesamt 20 Frauen vorwarfen und vorwerfen, sie sexuell belästigt, genötigt oder vergewaltigt zu haben, hat also eine simple Taktik, wenn es um ihm kritisch gegenübertretende Frauen geht: Lügen – und sie unter Druck setzen. 

So, wie es Trump nun für seinen Wunschrichter am Supreme Court, Brett Kavanaugh, tut. Am Freitag kritisierte Trump die Psychologin Christine Blasey Ford, die Kavanaugh vorwirft, er habe versucht, sie zu vergewaltigen, als die beiden noch in der High School waren. 

“Wenn die Attacke auf Dr. Ford so schlimm war, wie sie gesagt hat, dann wäre doch sofort von ihr oder ihren liebenden Eltern Anzeige erstattet worden”, twitterte Trump. Und später: “Jetzt wollen linksextreme Anwälte das FBI ins Spiel bringen. Warum hat niemand vor 36 Jahren das FBI gerufen?” 

Antworten auf diese Frage haben Trump nun abertausende Frauen (und auch Männer) gegeben, die Opfer von Vergewaltigungen geworden sind. 

Es sind Geschichten, die erschüttern, die traurig und zugleich wütend machen. 

Frauen antworten Trump: “Darum habe ich keine Anzeige erstattet” 

Da ist Holly Figueroa O’Reilly, die Gründerin der Plattform BlueWave Crowd Source, die demokratischen Kandidaten in den USA im Wahlkampf hilft. Sie schreibt: 

“Da waren noch fünf andere reiche, weiße Jungs im Wohnheim-Zimmer meines Freundes im College. Ich war ein Mädchen aus der weißen Unterschicht mit einem Stipendium. Ich war betrunken, wurde mit Drogen vollgestopft und herumgereicht wie eine Bong. Wie eine heiße Kartoffel. Ich dachte, er liebt mich. Ich war beschämt und verängstigt. Darum habe ich keine Anzeige erstattet.” 

Da ist Abigail Hauslohner, Reporterin bei der “Washington Post”. Sie schreibt: 

“Ich war 17. Ein Freund hat mich vergewaltigt. Ich war verwirrt. Hab es verleugnet. War verängstigt. Seine Eltern waren reicher und besser vernetzt als meine. Er war ein ‘guter’ Schüler, die Leute mochten ihn. Die einzige Freundin, der ich es erzählte, sagte: ‘Das würde er niemals machen.’ Ich dachte mir, dass niemand mir helfen wird. Darum habe ich keine Anzeige erstattet.” 

Da ist die Schauspielerin Pauley Perrette: 

“Warum ich keine Anzeige erstattet habe: Ich war 15, ich wurde von einem betrunkenen Football-Spieler auf einer Party vergewaltigt. Ich war mir sicher, dass mein Vater ihn erschießen würde, wenn er es erfährt, und dass meine Mutter dann alleine wäre. Ich blieb tagelang in meinem Zimmer und weinte mit meiner Katze. Ich hab es Dad erst etwa 20 Jahre später erzählt, nachdem mein Vergewaltiger gestorben war.” 

Da ist Christine Marley-Fredrick, eine Professorin am Union College in Barbourville: 

“Warum ich keine Anzeige erstattet habe: Zwei seiner Verbindungsbrüder tauchten am Tag danach vor meinem Wohnheimzimmer auf und sagten mir, sie würden mich umbringen, wenn ich es jemandem verraten würde.”

Da ist die Autorin Maud Newton: 

“Er war mein Stiefvater. Meine Mutter, seine Co-Pastorin, gab den Dämonen im Bett die Schuld. Ich war 12. Darum hab ich keine Anzeige erstattet.” 

Da ist die freie Journalistin Alicia Hutes: 

“Ich habe nicht verstanden, was da mit mir passiert ist. Ich mochte einen älteren Jungen und er sagte mir, wir müssen da etwas tun, dass uns zu einem Paar macht. Oh, und ich war erst acht. Darum habe ich keine Anzeige erstattet.” 

Da ist die Twitter-Nutzerin Joanna, die schreibt: 

“Ich habe keine Anzeige erstattet, weil ich mich geschämt habe. Ich war bereit, hier zu posten, was passiert ist, aber ich habe es gelöscht. Es ist immer noch zu persönlich und grausam und es ist nun über 32 Jahre her.” 

Da ist der Twitter-Nutzer “Slobryant”, der schreibt: 

“Es ist 20 Jahre her, und das ist das erste Mal, dass ich darüber spreche. Weil ich 11 war, weil ich mich geschämt habe, weil ich mich schuldig fühlte, weil ich nicht wusste, wem ich es sagen soll, weil ich einfach vergessen wollte, dass es passiert ist. Darum habe ich keine Anzeige erstattet.” 

Da ist Meghan Bishop: 

“Es war mein Vater. Ich habe vier Jahre gewartet, bis zur Anzeige – um mein jüngstes Geschwisterkind zu beschützen.” 

Da sind tausende und tausende und tausende mehr solcher Geschichten. Geschichten von Angst, Wut, Verzweiflung. Von Frauen, denen nicht geglaubt wird, Frauen, die missachtet werden, denen gedroht wird. Die schweigen sollen. 

Von tausenden Menschen, die genau dies nun nicht mehr tun: Sie schweigen nicht mehr, sie erzählen ihre Geschichten. Donald Trump sollte ihnen zuhören. Aber er, der sexistische und mehrfach der sexuellen Gewalt beschuldigte Macho, wird genau das nicht tun. 

Die Unternehmerin Elizabeth McLaughlin hat treffend zusammengefasst, warum das so ist: 

“Trump weiß übrigens, warum wir keine Anzeige erstattet haben. Er weiß, warum wir das ALLE nicht getan haben. Er hat sich sein ganzes verschissenes Leben darauf verlassen, dass wir es nicht tun.”