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22/02/2018 10:50 CET | Aktualisiert 22/02/2018 10:50 CET

Liebe Eltern, der Wettbewerb unter uns macht mich fertig

Lasst uns aufhören, uns zu batteln.

Liebe Eltern,

Montagmorgen – ein sehr früher Montagmorgen. Heute ist Oma und Opa Tag, daher bringt ihr euer Kind zu euren Eltern. Ihr habt wenig geschlafen. Der Kleine wurde insgesamt sechs Mal wach.

Ihr hattet noch keinen Kaffee. Auf der Arbeit erwarten euch Aufgaben, die ihr in der letzten Woche noch auf die lange Bank geschoben habt – unangenehme, nervige To-Dos. Insgesamt also ein typischer Montagmorgen mit einer Extraportion „Meeeeh“.

Ihr öffnet die Autotür und vor euch steht ein anderer Vater, ein ehemaliger Klassenkamerad aus eurem Heimatort, der offensichtlich auf euch gewartet hat, nachdem er euer Auto sah.

Markus Brandl

“Mensch Brandl, lange nicht gesehen!“, plärrt es aus ihm raus, “Ui, was sehe ich denn da für Augenringe?! Da hat aber einer schlecht geschlafen, gell?”

“Bei uns im Hause ist das iPhone tabu”

Euer Nervenkostüm ist so dünn – eure Fähigkeit Situationen richtig einzuordnen, um souverän zu reagieren, ist so aus dem Takt, dass ihr den Ball aufnehmt und ins Jammern geratet:

“Da sagst du was, Jochen! Paul hat mich immer wieder wach gemacht. Mal wollte er einen Mitternachtssnack. Mal bemalte er mit Filzstiften die Wände. Irgendwann habe ich ihm dann das iPhone in die Hand gedrückt und er hat Donald Duck Cartoons geschaut. So konnte ich wenigstens noch zwei Stunden dösen.“

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“Echt?“, runzelt Jochen die Stirn, “Also, unser Jean Maik Pascal schläft immer durch. Kleiner Hinweis unter Freunden: Ernähre dein Kind ausgewogen, dann hat es auch nachts keinen Hunger. Und das dein Kind die Wände bemalt, könnte daran liegen, dass du es zu wenig künstlerisch förderst.

Ach so, und unter uns: YouTube geht gar nicht. Bei uns im Hause ist das iPhone ja grundsätzlich tabu. Es darf höchstens Arte ohne Ton schauen. Aber ey, schön, dass es euch allen gut geht!“

Gebt es zu, da ist nun eine Stimme in euch, die euch sagt “Komm! Wir hauen ihm eine runter!“, oder? Gebt diesem Impuls nicht nach. Stellt euch vor ihn, schaut ihm tief in die Augen und sagt: “Es ist nicht deine Schuld!“

“Wieso meine Schuld?“, wird er erwidern. “Was soll denn jetzt der Quatsch?”
“Es ist nicht deine Schuld!“ Wiederholt den Satz und geht dabei einen Schritt auf ihn zu.

“Brandl, was willst du mir damit sagen?“, er wird sichtlich unruhig werden, “Schuld? Ich weiß, dass ich nicht schuld bin, Mann!“

“Es ist nicht deine Schuld!“ Bleibt jetzt ruhig. Geht vorsichtig weiter auf ihn zu.

Ein simpler Zaubertrick

“Hey! Lass das! Das ist kein Spaß mehr!”, seine Stimme wird brüchig werden, “Ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist, okay? Braucht mir niemand sagen. Hau ab!“

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“Es ist nicht deine Schuld!“ Jetzt ist es wichtig, dran zu bleiben. Lächelt liebevoll. Öffnet langsam eure Arme und umarmt Jochen.

“Es. ist. nicht. meine. Schuld.“ Jetzt bricht es aus Jochen heraus. Er weint bitterlich in euren Armen. “Ja, ich habe heute Nacht auch nicht geschlafen, Markus. Es war der Horror! Mein Sohn hat den Edding entdeckt und all unsere Möbel bemalt.

Danach wollte er Nudeln. Ich musste um halb zwei noch mal den Herd anschmeißen. Ich dachte, danach ist er so satt, dass er endlich einschläft. Denkste, er wollte noch diese bescheuerten Teletubbies gucken. Drei Stunden!“

Den Rest versteht ihr durch das laute Schluchzen nicht mehr.

Ihr habt Jochen gebrochen. Mit einem einfachen simplen Zaubertrick, der garantiert immer funktioniert. Probiert es aus. Teilt diese Methode. So lernen wir Eltern vielleicht fairer und ehrlicher miteinander umzugehen.

Unsere Kinder malen Wände an

Na gut, findige Filmexperten haben es sicherlich schon bemerkt. Meine Zaubermethode ist lediglich das Ende von “Good Will Hunting“. Leider ist das Leben kein Film und in einer echten Situation würde der Satz wenig bewirken.

Aber ist dies nicht ein bedauernswerter Zustand?

Unsere Kinder malen Wände an. Laufen gegen Wände. Holen sich böse Beulen. Jeden Tag. Sie schlafen nicht. Zumindest nicht dann, wenn wir schlafen müssen. Sie schaffen es Dinge kaputtzumachen, die selbst wir als kleine Kinder nicht zerstören konnten.

Unsere Kinder lieben Zeichentrickserien. Sie könnten sie den ganzen Tag schauen. Sie lieben Nudeln – egal ob morgens, mittags, abends – Nudeln gehen immer!

Unsere Kinder können manche Dinge gut, manche Dinge aber auch überhaupt nicht. Unser Alltag ist chaotisch. Überall liegt Spielzeug. Wir kommen zu nichts. 

So geht es allen Eltern. Lasst uns untereinander offen und ehrlich darüber sprechen dürfen. Lasst uns aufhören, uns zu batteln.

Wir müssen niemandem etwas beweisen. So kommen wir nicht nur besser miteinander zurecht, sondern sind auch viel glücklicher. Ganz ohne Zaubertrick.

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