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09/03/2018 21:33 CET | Aktualisiert 11/03/2018 22:31 CET

Werner Boote: Konzerne lügen über Nachhaltigkeit, aber es gibt einen Ausweg

Wir können sie aufhalten.

Screenshot The Green Lie
Regisseur Werner Boote mit Journalistin Kathrin Hartmann und dem Umweltaktivisten Feri Irawan in Indonesien

Konzerne sagen mir immer, dass ich die Welt retten kann. Die Orang-Utans, die Delfine, den Regenwald, ja sogar uns Menschen. Und alles, was ich dafür tun muss, ist nachhaltige und faire Produkte zu kaufen.

Umweltschonende Elektroautos, nachhaltig produzierte Lebensmittel.

Wenn wir den Konzernen glauben, können wir mit Kaufentscheidungen die Welt retten. Aber das ist eine Lüge.

Unser System ist ein Trümmerhaufen und wir stecken alle mit drin. Konzerne beuten Menschen aus, töten Tiere, zerstören die Umwelt. Es geht nur um Profitgier.

All das verstecken sie unter einem grünen Deckmäntelchen. Grüne Logos, grüne Webseiten auf denen es von Bäumen, Wäldern, Wiesen wimmelt. Werbespots mit glücklichen Menschen in der Natur.

Nichts davon ist nachhaltig, umweltschonend oder sozial gerecht. Konzerne zerstören die Welt. Und niemand hält sie auf.

Was kann ein gewöhnlicher Konsument wie ich tun, damit die Zerstörung endet? Und muss ich dafür wirklich nur richtig einkaufen?

Damit habe ich mich die vergangenen acht Jahre beschäftigt und beschlossen, den Film “The Green Lie” zu produzieren.

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Die große Lüge ist, dass wir die Verantwortung tragen sollen

Denn die große Lüge ist nicht, dass wir denken, es wäre gut, Produkte mit Nachhaltigkeitssiegel zu kaufen. Die große Lüge ist, dass uns suggeriert wird, dass wir  Verantwortung tragen.

Es wird behauptet: Jeder einzelne von uns ist dafür verantwortlich, mit seiner individuellen Kaufentscheidung die Welt zu retten oder sie den Bach hinunter gehen zu lassen.

Doch individuelle Entscheidungen sind der falsche Ansatz. Sie bewirken nichts.

Werner Boote ist Regisseur und Autor. Sein Film “Plastic Planet” aus dem Jahr 2009 ist einer der erfolgreichsten Dokumentarfilme des deutschsprachigen Raums.

2013 räumte er in “Population Boom” mit dem festgefahrenen Weltbild der Überbevölkerung auf und forderte Verteilungsgerechtigkeit. In seinem Dokumentarfilm “Alles unter Kontrolle” thematisierte er im Jahr 2015 die Selbstverständlichkeit der allgegenwärtigen Überwachung.

Ab 22. März ist “The Green Lie - Die grüne Lüge” in den deutschen Kinos zu sehen.

Als ich mit Raj Patel, Professor an der Universität Texas, gesprochen habe, habe ich ihn gefragt, wie ich einen Weg finden kann, Produkte zu kaufen, die keinen Schaden anrichten. Seine Antwort darauf hat mir die Augen geöffnet: ‘Sie fragen also, wie können wir alles gleich lassen und trotzdem alles verändern?’

Jeder will faire Produkte kaufen. Aber warum gibt es überhaupt die Option, sich entscheiden zu müssen, ob man Menschen ausbeuten und Tiere töten will oder nicht?

Es müsste im Grundgesetz stehen, dass das keine individuelle Entscheidung ist. Wir müssten als Kollektiv gegen Ausbeutung und Zerstörung des Planeten vorgehen.

Wir sind nicht allein. Wir sind viele

Das ist der bösartigste Effekt der modernen grünen Konsum-Bewegung: Sie verstärkt die Idee, wir seien nur eine Einzelperson. ‘Tut mir leid, du bist allein. Aber wenn du das kaufst, fühlst du dich viel besser.’

Aber das ist falsch. Wir sind nicht nur Einzelpersonen. Wir sind viele.

Die Großkonzerne der Welt versuchen, sich umweltfreundlicher darzustellen, als sie sind. Diesen Green-Washing-Mechanismen bin ich auf die Spur gegangen. Ich hoffe, danach kann jeder die Propaganda der Industrie leichter entlarven.

Beispielhaft für mich ist dafür ein Werbespot von Coca-Cola. Zu sehen ist der ehemalige Geschäftsführer Muhtar Kent, wie er vor einem riesigen Regal voller Plastikflaschen über Nachhaltigkeit spricht. Mich bringt das inzwischen zum Lachen, auch wenn es eigentlich furchtbar traurig ist.

Screenshot The Green Lie
Muhtar Kent war bis 2017 Geschäftsführer von Coca-Cola

Generell habe ich ein Problem mit dem Wort Nachhaltigkeit. Es ist zu einem Gummiwort geworden.

Nachhaltig wird inflationär eingesetzt. Ich kann als Unternehmen auch sagen, ich sorge für nachhaltigen Profit oder ich beute meine Mitarbeiter aus, um nachhaltig in einer fetten Villa zu sitzen. Nachhaltig ist alles und nichts. Mit Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit hat das nichts zu tun.

Sie wollen ein CO2-Siegel? Kostet 3000 Euro

Was fehlt? Gesetzliche Regelungen. Alle Siegel sind nur freiwillige Floskeln, keins davon ist einklagbar, niemand ist gesetzlich verpflichtet, sie einzuhalten oder zu überprüfen.

Vorstände von Konzernen hingegen haben vor allem eine vertragliche Pflicht: Den Gewinn zu maximieren. Dem Gegenüber steht maximal die Hoffnung, dass die Umwelt dabei nicht den Bach runtergeht, Menschenrechte nicht missachtet werden.

Als ich 2010 meinen Film “Plastic Planet” vorgestellt habe, hat mich jemand angesprochen und gefragt, ob ich meinen nächsten Dokumentarfilm nicht mit einem CO2-Siegel ausstatten wolle. Ich hab ihn gefragt: Wie soll das funktionieren? Ich fliege mit einem Filmteam um die ganze Welt. Darauf sagt er: “Kein Problem, das Siegel kostet Sie ungefähr 3000 Euro”.

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Ab diesem Moment wusste ich, was sich da hinter den Kulissen abspielt, ist Wahnsinn.

Weltweit gibt es über 1000 Siegel zu Ökologie, Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit, die zugehörigen Produkte haben ein Handelsvolumen von 37 Milliarden Euro im Jahr.

Nachhaltigkeits-Siegel sind eine Lüge

Die kleingedruckten Informationen auf den Verpackungen sind oft Worte, die wir gar nicht verstehen können. Jeder von uns bräuchte ein Studium in Lebensmittelchemie, Arbeitsrecht, Transportrecht, Thermodynamik, Klimawandel. Das ist absurd.

Die meisten Produkte sind umweltschädigend und menschenverachtend. Ganz egal, welches Siegel sie haben oder nicht.

Nehmen wir zum Beispiel Palmöl. Das ist in jedem zweiten Supermarktprodukt. Und dafür verlieren Menschen in Indonesien ihr Leben. Ich war in Indonesien, habe den Rauch eingeatmet, der durch illegale Waldrodungen entsteht. 120.000 Menschen waren damals wegen Rauchvergiftungen auf Sumatra in Behandlung, Kinder sind tot von ihren Fahrrädern gefallen.

Screenshot The Green Lie
Illegale Brandrodungen verpesten die Luft in Indonesien

Für die Ölpalmenplantagen brennen Firmen den Regenwald nieder, sie roden riesige Flächen. Dabei sterben alle Tiere und Pflanzen, die zuvor dort gelebt haben.

Dennoch sehen die Produkte oft grün aus, aber es ist kein Grün drin.

Für Palmöl gibt es beispielsweise das RSPO-Zertifikat. Dahinter steckt ein Roundtable, der nachhaltige Anbaumethoden von Palmöl fördern will. Ich stand mit dem Umweltaktivisten Feri Irawan auf gebrandrodetem Regenwaldboden. Abgebrannt von einer Tochtergesellschaft der Making Group, die ihr Palmöl an Unilever liefert. Eine Firma, die das RSPO-Zertifikat hat.

Screenshot The Green Lie
Ein illegal gebrandrodetes Stück Regenwald in Indonesien

Feri sagte zu mir: ‘Produkte mit Palmöl werden mit dem Blut der Indonesier gemacht. Ich finde es zum Kotzen. Es profitieren große Konzerne und das Ausland – auf Kosten der Menschen und Umwelt in Schwellenländern wie Indonesien.’

Wenige Wochen nach unserem Treffen wurde auf Feri ein Mordanschlag verübt.

Es ist kein Dritte-Welt-Problem

Indonesien mag für uns weit weg sein. Garzweiler in Nordrhein-Westfalen ist es nicht.

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Dort wird der größte offene Kohletagebau Deutschlands betrieben. Von RWE. Der größte Stromerzeuger Europas stellt an den Rand der Grube ein paar Windräder, um so zu tun, als interessiere sich der Konzern für erneuerbare Energien.

Die Wahrheit ist: Das Hauptgeschäft von RWE ist Kohle und davon will sich der Energieversorgungskonzern auch nicht lösen. Der Feinstaub aus den Kohlegruben verseucht die Luft, sorgt für Atemwegserkrankungen, geht in die Blutbahnen, fördert Krebs und Fehlgeburten und wandert durch die Luft bis nach Schweden.

Screenshot The Green Lie
Der Kohletagebau in Garzweiler in Nordrhein-Westfalen

Das Problem: Hinter all dem steckt ein globales System, das die Konzerne immer mächtiger macht. Und das müssen wir durchbrechen.

Noam Chomsky, einer der bedeutendsten Intellektuellen der Welt, sagt, wir müssen an die Basis des Weltwirtschaftssystems und es verändern.

Wir brauchen Mut

Wir brauchen ein demokratisches Wirtschaftssystem. Das ist nicht leicht.

Aber Chomsky sagt, es ist möglich. ‘Hätte im 16. Jahrhundert in der Kaiserzeit jemand geglaubt, so etwas wie eine parlamentarische Demokratie könnte existieren? Nein.’

Der Moment ist gekommen, dass wir erkennen, wie Natur und Menschen vernichtet werden und dass das so nicht weiter funktionieren kann und darf. Ich will den Menschen vor allem eines mitgeben: Und das ist Mut.

Das Gesprächsprotokoll wurde aufgezeichnet von Uschi Jonas.

(lp)