WIRTSCHAFT
12/04/2018 18:26 CEST | Aktualisiert 12/04/2018 18:45 CEST

Wer sich über Facebook aufregt, aber nicht handelt, hat nichts verstanden

Konsumenten lassen Unternehmen inzwischen alles durchgehen. Mit gravierenden Folgen.

The Washington Post via Getty Images

Jeder Konsument hat Macht. Du, ich, wir alle.

Wir können kaufen, was wir für ethisch vertretbar halten.

Wir können Firmen ignorieren, die uns hinter die Fichte führen wollen. 

Wenn nur genug Leute so denken und handeln, dann ist der Kapitalismus unser Verbündeter. Facebook, VW, Microsoft und alle anderen hätten eigentlich keine Chance, mit ihren Tricks durchzukommen. Denn der Markt wird irgendwann auf die Nachfrage von “guten” Produkten reagieren. So weit die Theorie.

Aber wie so oft: Theorie und Praxis haben in diesem Fall nicht viel miteinander zu tun. Und das ist offensichtlich ein Problem. 

Die drängendsten Probleme von westlichen Gesellschaften

Denn spätestens seit der Studie “Grenzen des Wachstums” von 1972, die der Club of Rome einst in Auftrag gegeben hat, wissen wir, dass die Menschheit mit dem Planeten nicht so weiter machen kann wie bisher. Wir blasen zu viele Abgase in die Luft, produzieren zu viel Müll und essen zu viel Fleisch.

Der Datenschutz ist seit dem Aufkommen des Internets noch als zusätzlicher Aspekt hinzugekommen. Wir geben Dinge preis, die Geheimdienste früher nur durch Dauerbeschattung herausfinden konnten.

Womöglich sind Verbraucherverhalten und Verbraucherschutz zwei der drängendsten Probleme, die es derzeit in den westlichen Gesellschaften gibt.

Wir könnten selbst anfangen, etwas zu ändern

Das liegt natürlich auch an der Politik, die lange Zeit untätig war: Sie hat zu wenige Anreize gesetzt, auf Regulierungen verzichtet. Darüber hinaus hat aber auch jeder einzelne Konsument eine Verantwortung.

Der jedoch kommen nur die wenigsten nach.

Seien wir doch mal ehrlich: Viel zu oft lassen wir uns klammheimlich den Schneid abkaufen. Wir akzeptieren, dass Firmen uns womöglich die Unwahrheit über ihre Produkte sagen, wenn das gegenseitige Schweigeabkommen uns nur so viele Annehmlichkeiten wie möglich bringt.

Die Folge: Unternehmen können sich inzwischen alles leisten, ohne dass Konsumenten sie dafür abstrafen. Donald Trump hat für die Politik in seinem berüchtigten Satz formuliert: “Ich könnte jemanden mitten auf der Straße erschießen und würde trotzdem keine Wähler verlieren.“ Er hatte Recht. 

Insofern sind wir alle ein bisschen wie Trump-Wähler. 

Als Konsument wirkt jeder einzelne von uns dabei mit, diese Welt zu einem schlechteren Ort zu machen. Statt mit dem Finger auf “die da oben” zu zeigen, könnten wir selbst anfangen, etwas zu ändern. Aber wir tun es nicht. 

Bloomberg via Getty Images
Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress. 

► Beispiel Facebook: Bereits seitdem der österreichische Nachwuchsjurist Max Schrems im Jahr 2011 die Herausgabe seiner gespeicherten Daten erstritt, ist bekannt, wie umfassend das Informationsarchiv ist, das Facebook von jedem einzelnen Nutzer anlegt.

Mehr zum Thema: Zuckerberg vor dem US-Kongress: Diese 5 erbärmlichen Sätze werden in Erinnerung bleiben

Wir wissen, dass die auf diese Weise gesammelten Daten Rückschlüsse auf ein sehr umfangreiches Persönlichkeitsprofil zulassen. Und das gilt nicht nur für die Dauerpräsenten in den sozialen Netzwerken. Nur etwa 150 Likes reichen aus, um weitreichende Aussagen über den Nutzer zu machen. Auch das ist publik.

Usern ist egal, was mit ihren Daten geschieht

Doch was mit unseren Daten geschieht, ist den meisten von uns, wie der Berliner sagen würde, “ziemlich wumpe”.

Über Facebook lassen sich super Kontakte halten: zu Berufskollegen, zu Schulfreunden. Wer auf einer Party jemanden kennenlernt, kann ihn gleich noch am selben Abend durchleuchten.

Facebook geht unfassbar viele Menschen an. Mehr als 30 Millionen Deutsche sind in dem sozialen Netzwerk aktiv. Aber wie viele haben zum Beispiel schon einmal für die Datensicherheit demonstriert?

Oder: Wie viele haben sich der Sammelklage von Max Schrems gegen Facebook angeschlossen? Für letzteres gibt es Zahlen: Es waren gerade einmal 25.000 Menschen.

Kaum zu glauben, dass die Politik auf den faktischen Monopolisten auf weltweite soziale Interaktion erst jetzt aufmerksam wird. Brauchte es dazu erst die jüngsten Skandale?

Alexander Koerner via Getty Images
Dieselautos von VW und Audi

Haben wir wirklich geglaubt, mit dem Diesel die Umwelt zu retten?

Beispiel Volkswagen: Dass ein Dieselmotor keinen Rosenduft aus dem Auspuff bläst, weiß jeder. Er ist dreckiger als ein Benziner und lauter. Allerdings verbraucht er auch weniger Treibstoff.

Kein Wunder, dass diese Motoren bis vor 25 Jahren vor allem in Nutzfahrzeugen zu finden waren. Das erklärt auch, warum Dieselkraftstoff steuerlich begünstigt wird.

Mehr zum Thema: Diesel-Abgasskandal: Wie VW seine Kunden auch 2 Jahre später noch an der Nase rumführt!

Weil sich viele Deutschen aber für sehr clevere Sparfüchse halten, stieg die Nachfrage nach Dieselfahrzeugen vor etwa 20 Jahren merklich an. Gleichzeitig präsentierte die Industrie eine Reihe von Innovationen.

Später kamen dann Filterzusätze hinzu. Die trugen dann so hübsche Namenszusätze wie “blue“. Ist die Erde nicht auch der “blaue Planet”?

Dass die Konzerne zu tricksen begannen, weil der Gesetzgeber gleichzeitig die technisch fast unmöglich zu beherrschende Senkung von Rußpartikel- und Stickoxid-Ausstoß einforderte, steht auf einem anderen Papier. Das ist für Laien nur schwer durchschaubar.

Aber haben wir wirklich geglaubt, dass wir mit Dieselmotoren die Umwelt retten? Oder war es am Ende doch die Sparsamkeit, die über den Schutz des Planeten siegte?

Wer nur gut kauft, werfe den ersten Stein

Halten wir einen Moment inne. Gerade jetzt, wo Facebook-Chef Mark Zuckerberg sich für die Verfehlungen seines Unternehmens verantworten muss.

Niemand kann wollen, dass der Trump in uns durch einen Konsum-Diktator ersetzt wird.

Barcroft Media via Getty Images
Zwei Jungen in Indien schlachten Elektromüll aus.

Natürlich wird das iPhone unter unzumutbaren Bedingungen hergestellt, der Urlaubsflug ist eine Klimasünde und das Tofu-Schnitzel ethisch vertretbarer als ein Steak. Aber kaum jemand schafft es, einen ethisch voll vertretbaren Konsum durchzuhalten.

Und ehrlich gesagt nerven jene auch gewaltig, die ihren Mitbürgern ein schlechtes Gewissen machen wollen durch ihr eigenes, glänzendes Vorbild. 

Dennoch. Wir Konsumenten sollten unsere Macht endlich ernst nehmen - und nutzen. 

► Denn was wäre, wenn wir einfach damit anfangen würden, den Unternehmen nicht mehr jede Werbelüge abzukaufen, obwohl wir ahnen, was dahinterstecken könnte?

► Was wäre, wenn wir Unternehmen, die lügen und betrügen dafür tatsächlich abstrafen?

► Was wäre, wenn jeder für sich in einem Bereich des Lebens anfangen würde, etwas besser auf sich zu achten?

Dann wären wir einen Schritt weiter, um aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen.