LIFE
07/02/2019 12:29 CET | Aktualisiert 07/02/2019 13:03 CET

Wer hat den besseren Alltag? Singles und Paare antworten

Freiheit oder Absprache, Einsamkeit oder Geborgenheit: Das sind die alltäglichen Vor- und Nachteile mit und ohne Beziehung.

KatarzynaBialasiewicz via Getty Images
Allein einkaufen, allein kochen, allein essen: Der Single-Alltag mag vielen zwar entspannter, aber trist vorkommen.

Wenn ich abends von der Arbeit heimkomme, werfe ich schnell meine Tasche in eine Ecke, füttere den Hund und mache mir eine Kleinigkeit zu essen. Oft genug schiebe ich mir einfach eine Tiefkühlpizza in den Ofen – ich muss ja für niemanden mit kochen. Nach dem Essen lege ich mich hin, lese noch etwas oder schaue einen Film. Allein. Denn ich bin Single.

Der typische Single-Alltag mag einem traurig vorkommen. Er ist geprägt von Bildern wie aus einem Bridget-Jones-Film: Dort sehen wir eine Mittdreißigerin, wie sie allein in einer unaufgeräumten Wohnung sitzend Schokolade isst und ihr tristes Dasein betrauert.

Dagegen steht das Bild der Familie, die gemütlich beim gemeinsamen Abendessen sitzt. Oder das des Paares, das sich beim romantischen Dinner über seinen Tag austauscht. 

Der Alltag von Singles ist leer, der von Paaren erfüllt – stimmt das?

Solche Eindrücke entsprechen natürlich nicht immer der Realität. In Paarbeziehungen geht es selbstverständlich nicht immer friedlich zu, nur weil man seinen Alltag und damit vielleicht auch seine Probleme teilt. Und Singles sind nicht immer nur einsam. Dennoch meint Paar- und Sexualtherapeutin Birgit Neumann-Bieneck im Gespräch mit der HuffPost:

“Der emotionale Aspekt des Beziehungsalltags ist natürlich ein sehr wichtiger: Man kommt nach Hause, fühlt sich geborgen, hat einen Gegenüber, mit dem man gemeinsam den Alltag reflektieren kann. Das fällt bei Singles oft weg, je nachdem, wie stark ihr soziales Netz ist.”

Dadurch könnte man meinen, dass Singles einen Nachteil im Alltag erleben – wer auf sich selbst gestellt ist, muss den ganzen Stress und die gesamte Planung, von Einkaufen über Haushalt bis Urlaubsplanung, allein tragen. Dass Alleinstehende das als Belastung empfinden, muss allerdings laut Neumann-Bieneck nicht unbedingt so sein: “Es gibt natürlich auch Menschen, die sehr gerne Single sind und ihre Unabhängigkeit schätzen.”

Schließlich könnte durch eine Partnerschaft auch mehr Stress im Alltag entstehen – denn nun müssen zwei Tagesabläufe aufeinander abgestimmt werden, damit noch genügend Zeit für die Beziehung bleibt. Einen wesentlich höheren Organisationsaufwand bedeutet das, wenn auch noch Kinder mit ins Spiel kommen, merkt Neumann-Bieneck an.

“Vor allem Frauen leiden dann mehr unter einer Doppelbelastung: Der Leistungsdruck ist hoch, man will eine gute Partnerin sein, eine gute Mutter, aber eben auch Erfolg im Beruf haben. Immer wieder berichten mir Frauen, dass sie diesen Spagat im Alltag als sehr anstrengend erleben.”

Wer hat den besseren Alltag – Singles oder Paare?

Um herauszufinden, wer nun den stressigeren Lebensrhythmus hat, hat die HuffPost Menschen mit und ohne Beziehung gefragt, wie sie ihren Alltag empfinden:

► Ist Single-Sein beklemmend oder befreiend?

► Muss man immer alles mit seinem Partner abstimmen?

► Welche Auswirkung haben Kinder auf den Alltag?

Dabei spielt nicht nur der Planungsaufwand eine Rolle, sondern auch, wie emotional ausgeglichen man sich im Alltag fühlt. 

Hier sind die Antworten.

“Was mir als Single fehlt, ist das Gefühl, dass man nicht allein ist”

Hans-Peter (Name von der Redaktion geändert), 28, ist seit eineinhalb Jahren Single.

“Ich glaube, im Alltag von Singles oder Paaren gibt es nicht so viel Unterschied. Natürlich hat man es als Single manchmal gefühlt einfacher, weil man spontaner planen kann oder Treffen mit Freunden nicht mit der Partnerin abstimmen muss. Als Stress hab ich das aber in einer Beziehung nicht empfunden. Außerdem kann man sich in einer Beziehung immer mal Aufgaben teilen, während man als Single den ganzen alltäglichen Rotz alleine bestreitet.

Was mir als Single fehlt, ist das Gefühl, dass man nicht allein ist. Natürlich kann ich immer Freunde anrufen oder mich mit ihnen treffen, aber als Beziehungsmensch fühlt man sich da aufgehobener, wenn es stressig ist im Leben oder man Probleme hat. Besser als Single ist aber definitiv, wie viel mehr Zeit ich für mich habe.”

“Bis man als Paar einen Kompromiss gefunden hat, ist der Abend meist schon gelaufen”

Jessica, 23, ist seit eineinhalb Jahren Single. 

“Als Single ist man flexibler als in einer Beziehung, finde ich. Wenn man zum Beispiel zu seinem Partner heim kommt und noch Lust hat, auszugehen, der Freund oder die Freundin allerdings nicht – dann geht erst mal die Diskussion los. Bis man einen Kompromiss gefunden hat, ist der Abend dann meist schon gelaufen. So was spart man sich als Single natürlich.

In einer Beziehung ist der Alltag völlig anders strukturiert, was natürlich auch schön ist: Man hat vielleicht feste Rituale, wie gemeinsam kochen und essen, man kann sich auf den anderen verlassen. Das nimmt wieder viel Druck raus, selbst wenn man sich häufiger absprechen muss. 

Ehrlich gesagt merke ich den Unterschied zwischen Single und in einer Beziehung sein im Alltag allerdings nicht stark – am Ende hängt wohl alles davon ab, wie dein Sozialleben ist und welche Art von Beziehung du führst, ob sie stabil und ausgeglichen oder voller Krisen ist.”

“Ich genieße es, dass ich meine Tage und Abende nach meinem Geschmack gestalten kann”

Pia, 31, ist seit vier Monaten Single und alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes.

“Ich glaube, der Alltag von Paaren ist stressiger, er erfordert viel mehr Diskussionen und Kompromisse. Single sein ist inzwischen ja zum Glück ziemlich entstigmatisiert worden und zu der Daseinsform der westlichen Zivilisation schlechthin aufgestiegen. Die Paarbeziehung als einzige liebevolle Beziehung wurde von ihrem Sockel gestoßen und durch eine Reihe von Alternativen ersetzt, wie die Nähe einer guten Eltern-Kind-Beziehung oder Freundschaft.

Ich genieße es total, dass ich meine Tage und Abende ganz nach meinem Geschmack gestalten kann. Nirgendwo lauert die Gefahr eines unvorhergesehenen und nervenaufreibenden Streits. Ich muss mich nicht für jemand anderen verbiegen oder mich für meine Entscheidungen rechtfertigen. Muss nicht so tun, als würde mir das selbstgekochte Essen meines Partners schmecken, mich zwingen, mir den Abscheu gegenüber dem Film, den er ausgesucht hat, nicht anmerken zu lassen, muss mich nicht animieren, mir auch in der größten Erschöpfung noch irgendeine Aufmerksamkeit für meinen Freund aus dem Arsch zu ziehen.

Das einzige, was in einer Beziehung leichter zu haben ist, ist Sex. Als Single gibt es den nur nach einem komplizierten digitalen und analogen Balzritual.”

“In der Beziehung muss allein schon beieinander übernachten geplant werden”

Chrissi, 27, ist seit fast zwei Jahren in einer Beziehung.

“Ich glaube, dass der Alltag für Menschen, die eine Beziehung haben, aber nicht zusammen wohnen, am kompliziertesten ist. Schließlich hat jeder seinen eigenen Alltag und man muss trotzdem schauen, wie man alles unter einen Hut bekommt: Beide Partner müssen einkaufen gehen, sich um ihren Haushalt kümmern, Freunde treffen, zum Sport… Allein schon beieinander zu übernachten muss geplant werden.

Man muss sich einfach mehr Mühe geben, seinen Alltag so zu organisieren, damit man seinen Partner auch regelmäßig sieht. Vielleicht kann man als Single in seiner Alltagsplanung etwas spontaner sein, weil man sich von niemand anderem abhängig machen muss.

Auch wenn mich der Aufwand, meinen Alltag mit meinem Freund mehr planen zu müssen, manchmal stört: Ich freue mich abends jedes Mal, wenn ich ihn nach der Arbeit treffen kann und ich bin auf jeden Fall glücklich in meiner Beziehung.”

“Ich bin Nachtmensch, sie Frühaufsteherin – das ist manchmal problematisch”

Veit, 34, ist seit zwei Jahren in einer Beziehung. 

“Ich finde, der Alltag als Single ist meist einfacher zu planen – zum Beispiel, was das Essen angeht: In einer Beziehung spricht man sich schon öfter ab, wann gegessen wird, wer nun einkaufen geht, wer kochen kann. Als Single war das weniger kompliziert: Da komme ich heim, wann ich will, mach mir etwas im Ofen warm oder bestell etwas.

Trotzdem finde ich den Alltag in einer Beziehung weniger stressig. Schließlich gewährt einem das Leben mit einem Menschen an deiner Seite viele Vorteile, die man allein nicht hat: Der Partner oder die Partnerin hilft dir dabei, zu entspannen, nach einem hektischen Tag wieder runterzukommen – der emotionale Austausch ist einfach viel wert.

Das einzige, was in meinem Alltag mit meiner Freundin manchmal etwas problematisch ist: Ich bin ein Nachtmensch, während sie eher Frühaufsteherin ist. Aber ich versuche mich, ihrem Rhythmus anzupassen. Auch wenn das nicht immer klappt, vermisse ich eigentlich nichts am Single-Leben.”

“Mit Partner und kleinem Kind kommt das Alleinsein manchmal zu kurz”

Gina, 30, ist seit acht Jahren mit ihrem Partner zusammen und hat eine zweijährige Tochter.

“Der Vorteil daran, Single zu sein, ist: Man trifft jede Entscheidung nur für sich und muss sich mit keinem Partner abstimmen. Am meisten wird mir das beim Thema Essen bewusst:

Natürlich ist es schön, gemeinsam mit dem Partner zu kochen und zu essen – gleichzeitig lasse ich mich von meinem Freund häufiger dazu verführen, mich ungesünder zu ernähren, als es mir eigentlich lieb ist. Dann gibt es zum Beispiel häufiger deftige Gerichte oder Süßkram.

Was unsere Tochter betrifft, ist natürlich ein besonders großer Vorteil, dass wir zu zweit sind – alleinerziehend zu sein stelle ich mir im Alltag wesentlich schwieriger vor. Man hat ja eine unglaublich große Verantwortung für sein Kind, und es ist leichter, wenn man sich diese teilen kann.

Trotzdem würde ich manchmal gerne etwas mehr Zeit für mich haben – gerade mit Partner und kleinem Kind kommt das Alleinsein manchmal zu kurz.”

Wie man seinen Alltag empfindet, hängt auch vom sozialen Netzwerk ab

Die Antworten der von uns befragten Menschen zeigen: Singles genießen durchaus ihre Freiheit, auch bei alltäglichen Dingen – sei es die Freizeitgestaltung oder auch nur die Frage, was abends gegessen wird. 

Dafür finden Paare Unterstützung bei ihren Partnern: Der emotionale Austausch nach einem anstrengenden Tag sorgt für Geborgenheit und Entspannung.

Wie Menschen ihren Alltag erleben, hängt laut Neumann-Bieneck übrigens auch mit dem Alter zusammen:

“In den 20ern und 30ern hat man in der Regel noch mehr Freunde, mit denen man sich spontan verabreden kann. Das nimmt mit dem Alter in der Regel ab, weil viele Menschen einen Partner finden und Familien gründen.”

Je nachdem wie ausgebaut das soziale Netzwerk dann ist, können Singles ihren Alltag mit zunehmenden Alter als mehr oder weniger belastend empfinden. 

(vw)