POLITIK
26/07/2018 19:22 CEST | Aktualisiert 29/07/2018 16:27 CEST

Wer die AfD-Stärke in Bayern verstehen will, muss die CSU-Hochburg Mühldorf besuchen

Die AfD in Bayern lebt nicht von der Angst der Menschen vor der Zukunft – sondern jener um die Vergangenheit.

Im Video oben: CSU fällt in aktuellster Umfrage auf historischen Tiefstwert in Bayern.

Mühldorf am Inn geht es gut. Zu gut. 

Knapp eineinhalb Autostunden östlich von München scheint die Welt in Ordnung. Wer über den geradezu penibel sauberen Stadtplatz in Mühldorf spaziert, sieht schön restaurierte Altbauten und gut besuchte Cafés und Geschäfte. 

Wenige Meter vom Stadtzentrum entfernt fließt der Inn an grünen Ufern und feinen Sandstränden vorbei und erzeugt den Eindruck einer oberbayerischen Karibik; das ganze Umland von Mühldorf hat etwas Naturbelassenes.  

Die Stadt selbst aber wächst. Ein neues Industriegebiet soll entstehen, für das Jahr 2018 wurde ein Rekordhaushalt mit einem Volumen von 69 Millionen Euro beschlossen.  

Josh Groeneveld / Getty
Die CSU-Spitzenpolitiker Markus Söder und Alexander Dobrindt haben vor der bayerischen Landtagswahl ein Problem – und in der Kleinstadt Mühldorf am Inn wird es deutlich. 

Mühldorf am Inn, das ist diese Heimat, von der die CSU immer wieder spricht: traditionell und modern, bayerisch und erfolgreich.

Und doch zeigt sich gerade in dieser idyllischen Kleinstadt mit nicht einmal 18.000 Einwohnern, warum die Christsozialen im Freistaat wohl die absolute Mehrheit verpassen werden. Warum sie Abertausende Wähler an die AfD verlieren. 

Bei der Bundestagswahl 2013 hat die CSU in Mühldorf mit 65,8 Prozent ihr stärkstes Erststimmenergebnis in ganz Bayern geholt. Doch vier Jahre später waren es nur noch 55 Prozent. 

Die AfD hingegen hatte im gleichen Zeitraum ihr Ergebnis von 4 auf 14,5 Prozent verbessert. Sie ist in Mühldorf zweitstärkste Kraft – und könnte dies auch bei der anstehenden Landtagswahl werden. 

Es ist der Ausdruck eines Wandels im konservativen Bayern, den die CSU noch immer nicht zu begreifen scheint. 

“Die können sich nicht mehr rausreden” 

“Wir meinen es ernst, die CSU nicht”, sagt Oliver Multusch. 

Er ist der Vorsitzende des AfD-Kreisverbandes in Mühldorf am Inn.

An diesem Mittwoch im Juni sitzt er in einem Café am Mühldorfer Stadtplatz, im rosaroten Poloshirt, das noch voller Farbspritzer ist. Multusch ist Lackierer, er ist ein kantiger, großer Mann mit schwarzen Haaren und strengen Augen.

Wenn er über Politik redet, dann mit Nachdruck, aber ohne den sonst in seiner Partei so verbreiteten Theaterzorn. Auch wenn es um die Flüchtlingspolitik geht. Sie ist das Kernthema der AfD – in Mühldorf genauso wie in Berlin. 

In den Dörfern um die oberbayerische Stadt gibt es mehrere Flüchtlingsunterkünfte, in einer hat es in der jüngeren Vergangenheit häufiger Randale gegeben.

Für die Menschen sei das unzumutbar, sagt Multusch. Er spricht von Brennpunkten in Deutschland, die oft mit Muslimen “durchsetzt” seien. Von afrikanischen Zuwanderer-Frauen, die sich nur Gedanken übers Kinder kriegen machen würden. Von X-Milliarden, die ja für Flüchtlinge ausgegeben würden und nach denen nichts mehr für die Deutschen übrig bleibe. 

Und er greift die CSU an. 

“Die tut so, als hätte sie mit dieser ganzen Politik nichts zu tun. Aber sie hat die Entscheidungen seit 2015 mitgetragen, in Berlin und in München”, sagt der 49-Jährige der HuffPost.

“CDU, SPD und CSU: Die haben zu oft versagt”, sagt Multusch. “Die können sich nicht mehr rausreden. Oder sagen, sie machen es beim nächsten Mal besser.” 

Er schimpft über angebliche Amigo-Strukturen in der CSU, die für die kleinen Leute nichts mehr mache. 

Kleine Leute, zu denen Multusch sich und seine Tausenden Wähler zählt. Es sind Menschen, die über mehr verärgert sind, als nur die Flüchtlingspolitik in Bund und Land.  

Mühldorf rückt nach rechts – und das nicht nur wegen der Flüchtlinge

Denn es ist ein Irrglaube, dass die AfD in Bayern nur wegen ihrer rigorosen Asylpolitik Erfolg hat – und Mühldorf am Inn ist dafür der beste Beweis. 

Was die Menschen hier umtreibt, sind eben nicht nur die Flüchtlinge, die in der Region leben oder in der Unterkunft im benachbarten Waldkraiburg in diesem Juni durch Randale für einen Großeinsatz der Polizei sorgten. Dort leben 330 Asylbewerber.

Es sind auch viel lebensnähere Probleme, von denen Politiker und Einwohner immer wieder berichten:

► Da ist der neue Autobahnanschluss an München, den die Stadt plant. Einige Grundstücke in Mühldorf könnten bald an einer Schnellstraße liegen – und die Einwohner fürchten, dass sich bald immer mehr Menschen aus München in die Stadt aufmachen werden.    

► Denn schon jetzt wird die Kleinstadt zum beliebten Ziel für Investoren aus der bayerischen Landeshauptstadt. Die Verantwortlichen in Mühldorf werben sogar aktiv dafür, dass Geld aus München nach Mühldorf fließt. 

► Die Befürchtung vieler Menschen ist, dass dadurch die Immobilienpreise in der Stadt weiter ansteigen könnten. Dass sie sich ihre Mieten nicht mehr leisten können, oder keine Wohnungen mehr finden. Die Obergrenze der durchschnittlichen Kaltmiete pro Quadratmeter stieg im vergangenen Jahr um einen Euro. Im Zeitraum von 2016 bis 2017 fiel die Preissteigerung mit nur knapp 15 Center deutlich geringer aus.

Schon 2017 stellte die Hans-Böckler-Stiftung in einer Studie fest: “Kontrollsorgen, Abstiegsangst, Angst vor Arbeitslosigkeit und Verunsicherung über die Zukunft fördern (...) nachweislich den Zulauf zu Rechtspopulisten.” 

Es sind diese Ängste, die der CSU am rechten Rand Wähler kosten. 

Die AfD, das politische Phantom von Mühldorf

Die Christsozialen in Mühldorf sind sich dessen durchaus bewusst – auch, wenn die Erkenntnis spät kam. 

Lange sei die AfD als Partei in der Stadt nicht richtig zu greifen gewesen, sagt Ilse Preisinger-Sontag der HuffPost. Die CSU-Politikerin ist die stellvertretende Bürgermeisterin von Mühldorf.  

Die Menschen hier interessiere vor allem die Flüchtlingspolitik.

“Ein häufiger Vorwurf ist: ‘Für die Flüchtlinge habt ihr Geld, aber für uns nicht’”, sagt Preisinger-Sontag.

Dazu kämen die Probleme, die im Alter anfielen. Die Sorge, die eigene Wohnung nicht mehr zahlen zu können und die Angst, dass durch den Autobahnanschluss nach München in Mühldorf alles teurer wird. 

Die CSU hat die wichtigen Themen in der Stadt also erkannt. Doch im Gespräch mit Preisinger-Sontag wird klar, welche Fehler die Partei im Umgang mit diesen Problemen macht. 

“Die Fortentwicklung von Mühldorf wird sich nicht mehr aufhalten lassen”, sagt die Bürgermeisterin. “Wir wollen nicht stillstehen, sondern weitergehen.” 

Sie könne die Vorbehalte der Bürger verstehen, sagt Preisinger-Sontag. Aber sie glaubt auch: “Die Wahrnehmung der Menschen ist eine, die nicht den Tatsachen entspricht.” 

Es gibt sie also auch in Mühldorf, die berüchtigten besorgten Bürger. Tatsächlich mögen vieler derer Ängste eher auf gefühlten Problemen basieren, als auf realen – doch es sind Ängste, die in der Politik absolut relevant sind. 

Das glaubt auch Kilian Maier. Der 24-Jährige ist der Spitzenkandidat der SPD im Wahlkreis und will verhindern, dass die AfD bei der Landtagswahl wieder zweitstärkste Kraft wird. 

“Ich kann verstehen, dass sich viele Menschen unzufrieden fühlen, dass sie das Gefühl haben, im ländlichen Raum abgehängt worden zu sein”, sagt Maier der HuffPost. 

Der Eindruck vieler Menschen sei, dass es sich bei der großen Koalition in Berlin nur um die Parteien selbst drehe – und nicht um die Bedürfnisse der Bürger.

“Viele haben deshalb wohl als persönliche Konsequenz die AfD gewählt”, sagt Maier. Er sei besorgt um die Entwicklung der AfD in der Region – und befürchtet: Diese könnte sich bei der Landtagswahl noch verstärken.

Zumal die CSU das Spiel der AfD mitspiele: “Beide Parteien spalten durch ihre populistische Vorgehensweise die Bevölkerung.”

“Nicht wir haben uns verändert, sondern die CSU”

Die politische Entwicklung in Mühldorf zeigt: Die AfD in Bayern lebt nicht von der Angst der Menschen vor der Zukunft – sondern jener um die Vergangenheit.

Der Erfolg der Partei basiert auf einer “Früher-war-alles-besser-Doktrin”. Früher, als es noch Franz Josef-Strauß gab, als Ausländer noch Ausländer waren und gefälligst blieben, als Mia san Mia noch kein Marketing war – so der Blick. 

Die AfD in Bayern ist eine gefährliche Sehnsucht nach der Vergangenheit, ein Aufstand gegen die Moderne – und zu der gehört für viele der Anhänger der Rechtspopulisten im Freistaat auch die CSU. 

Jene CSU, die wegen ihres brachialen Auftretens im Berliner Asylstreit in den Umfragen gerade heftig eingebrochen ist und nun bei der Landtagswahl verzweifelt um ihre alleinige Macht in Bayern kämpft. 

“Nicht wir haben uns verändert”, sagt AfD-Politiker Multusch, “sondern die CSU.” Die sei unter Merkel mit nach links gerückt. “Wir haben die gleichen Werte, konservativ und heimatverbunden.” 

Werte also, für die auch die CSU stehen will und steht. Und in den Augen von Tausenden Mühldorfern: stand. Wählern, die zur rechtspopulistischen AfD abgewandert sind. 

“Was die AfD will, ist mir wurscht”, sagt die CSU-Bürgermeisterin Preisinger-Sontag. 

Doch genau hier macht ihre Partei den größten Fehler. Denn: Die AfD lässt sich in Mühldorf wie in Bayern nicht länger ignorieren. 

Das wird auch auf einer Busfahrt durch die Region deutlich. Der Busfahrer lebt schon seit Jahrzehnten in Mühldorf, er macht sich Sorgen um seine Heimat, über den Immobilienmarkt, die Zerstörung der Umwelt, die geldschweren Zuzügler aus München. 

Mit der Politik hat er abgeschlossen: “Man macht da sein Kreuz und hofft. Aber am Ende kommt es eh wieder anders.”

Früher hat der Mann CSU gewählt. “Der Strauß, der war zwar ein rechter Bazi, aber der hat sich eingesetzt für seine Bayern”, sagt er. “Und dann kam der Stoiber, und von da ging es bergab.” 

Ob er bei der Landtagswahl die AfD wählen werde, will der Mann nicht sagen. Aber er klingt so.