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12/08/2018 17:11 CEST | Aktualisiert 12/08/2018 20:20 CEST

Wenn die schwitzenden Deutschen nur mal Wut auf den Klimawandel hätten

... und nicht nur übers heiße Wetter schimpfen würden.

courtneyk via Getty Images

Liebe schwitzende Mitbürger!

Ich weiß. Es ist heiß.

Und auch ich versuche derzeit, mich so selten wie möglich außerhalb meines Hauses aufzuhalten. Denn mit frischer Luft sollte ich draußen vor der Tür besser nicht rechnen.

Wenn mein Körper schlappmacht, probiere ich es mit einem Fußbad. Oder mit einem Kaltgetränk. Oder ich stelle mir vor, dass in vier Monaten schon Nikolaustag ist. Irgendwie halte ich schon durch.

Eure Ausdauer beim Schimpfen habe ich nicht. Und ich bin über eure Wut über die Hitze ziemlich beeindruckt. Ich kenne kein Land auf der ganzen Welt, das sich so über das Wetter aufregen kann wie das, in dem ich lebe.

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Ich meine: Es soll ja immer noch Menschen im Ausland geben, die Deutschland für ein Hort der Vernunft halten.

Da motzt die Mutti und schimpft der Punk

Man sollte jeden einzelnen von ihnen bei dieser Hitze nachmittags in einen beliebigen Linienbus stellen und bis zum nächsten Verkehrsstau warten. Da eskaliert die Mutti, da schimpft der junge Punk und da fächert die Rentnerin voller Zorn ihren schweißigen Abdampf in den Gang.

Nur wenn das Wetter politisch wird, dann bleibt uns die Luft weg.

Natürlich ist diese Hitze unerträglich. Aber haben wir alle den Schuss nicht gehört? Es kommt nicht von ungefähr, dass unsere Flüsse trocken fallen und dass die Straßenbäume schon Ende Juli die trockenen Blätter fallen lassen. Unser Klima ändert sich. Und schuld daran ist zu einem großen Teil die Menschheit selbst.

Verzichtet!

Wir sollten anfangen, unser persönliches Verhalten zu ändern. Ihr ärgert euch über die Hitze? Der salzige Schweiß tropft euch in die Augen und brennt wie Feuer?

Dann verzichtet.

► Zum Beispiel auf den nächsten Urlaubsflug nach Gran Canaria, der euren ökologischen Fußbadruck auf die Größe eines indischen Elefanten anschwellen lässt. Ist es wirklich nötig, dass ihr bei 40 Grad in der Sonne im eingezäunten Karree einer Touristenanlage bratet, während ihr euch an der Ostsee bei 30 Grad im noch relativ kühlen Wasser erholen könnt?

► Müsst ihr zwei Familienautos haben, wenn man den kleinen Einkaufsflitzer auch durch ein Lastenrad ersetzen könnte?

► Habt ihr schon auf Ökostrom umgestellt? Oder seid ihr immer noch Teil der Fraktion jener, die im Sommer fluchen, aber sich im nächsten Februar so unfassbar geizig-geil vorkommen, weil sie durch den Bezug von Kohlestrom jeden Monat fünf Euro sparen?

► Gehört ihr zu jenen, die immer noch jeden Tag Fleisch essen, obwohl es längst bekannt ist, dass die Nutztierhaltung den Treibhauseffekt beschleunigt? So wie der frühere SPD-Politiker Heinz Buschkowsky, der sich allen Ernstes darüber beschwert, dass die bösen Wissenschaftler dem kleinen Mann nicht mehr die Bratwurst gönnen würden?

► Und ist eure Gas- oder Ölrechnung auch deswegen so hoch, weil ihr ab Oktober es gerne wieder muckelig warm habt?

Ich meine das Hier und Jetzt

Keine Bange, ich komme euch jetzt nicht mit den armen Bewohnern auf den Malediven, deren Heimat schon bald im Meer versinken wird. Oder mit apokalyptischen Szenarien von der Überflutung New Yorks und Londons. Da klappen die meisten Deutschen ohnehin gleich die Ohren zu. Ist ja alles Ausland.

Ich meine das Jetzt und Hier. Ihr wisst, dass es zu heiß ist. Ihr regt euch auf, habt aber danach nicht mehr die Energie, etwas gegen den Klimawandel zu tun.

Manchmal scheint es mir so, als ob viele Deutsche immer noch ein Problem damit hätten, diese beiden Dinge zusammenzubringen: Das Sauna-Gefühl im Bus und den Gedanken an den Klimawandel.

Verdammt, meine schwitzenden Mitbürger: Ihr könntet zu Vorbildern für die ganze Welt werden. Ihr könntet zeigen, dass es eine große Industrienation sehr wohl schaffen kann, Treibhausgase zu reduzieren und dabei gut zu leben.

Anfangen, ehe wir das Spiel verloren haben

Und ihr müsstet nicht einmal euer ganzes Leben umkrempeln. Fangt doch dort an, wo es euch am leichtesten fällt. Nur macht es bald. Und schiebt es nicht ewig vor euch her.

Das Problem ist, dass wir derzeit nicht sicher wissen, wann der Punkt beim Klimawandel erreicht ist, an dem wir das Spiel verloren haben.

Vielleicht ist er schon vorbei. Womöglich haben wir noch eine Chance.

Wenn wir aber so weiter machen wie bisher, dann ist es mit den gemäßigten mitteleuropäischen Sommern endgültig vorbei. Und euer Schweiß von diesem Jahr wird dann nur das milde Vorspiel für das gewesen sein, was noch kommt.

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