POLITIK
29/07/2018 15:06 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 13:39 CEST

Wenn Deutschland eine eigene Atombombe baut, steht Europa in Flammen

Was ein Politikwissenschaftler in der "Welt" vorschlägt, ist erwiesenermaßen falsch.

Im Video oben seht ihr was passiert, wenn eine Atombombe über Ihrer Heimatstadt explodiert

Die Welt im Jahr 2018 ist ein bizarrer Ort geworden.

Auf dem Mittelmeer ertrinken jeden Monat Hunderte Menschen, und wir diskutieren darüber, ob man diese Menschen retten soll. In gut einem Viertel der EU-Länder sind demokratiefeindliche Populisten bereits an der Regierung beteiligt.

Und in den USA amtiert ein Präsident, der die gesamte weltpolitische Ordnung infrage stellt. Einfach nur, weil er es kann. Ein Plan ist hinter der Politik von Donald Trump nur schwer zu erkennen, sehr wohl aber ein stets bis zum Bersten aufgeblasenes Ego.

Reuters/Welt

 

Keine Frage, es sind gefährliche, angespannte Zeiten, in denen wir leben. Und trotzdem herrscht immer noch Frieden in Europa. Denn von einer aus nationalistischen Motiven betriebenen Militarisierung Europas sind wir noch weit entfernt.

Politikwissenschaftler fordert Nuklearwaffen für Deutschland

“Hold my beer!“, dachte sich da wohl der Politikwissenschaftler Christian Hacke, der bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 als Professor an der Uni Bonn geforscht hat. In einem Gastbeitrag für die “Welt” fordert er die nukleare Bewaffnung der Bundeswehr.

Atomsprengköpfe für das Heer und für die Luftwaffe – darauf muss man selbst im Sommerloch erst einmal kommen.

Die Bundesbombe soll laut Hacke helfen, den sicherheitspolitischen Rückzug der Amerikaner zu kompensieren. Früher nämlich habe der amerikanische Nuklearschirm die Mitte Europas beschützt. Angesichts der Rhetorik Trumps könnte dies jedoch bald Geschichte sein.

Wo Hacke Recht hat

In einem Punkt hat Hacke Recht: Wir müssen über eine neue Verteidigungspolitik in Europa diskutieren. Die amerikanische Regierung ist keine verlässliche Partnerin mehr, und in sicherheitspolitischen Fragen ist die Abhängigkeit von den USA viel zu groß.

Das Zauberwort lautet Europa

Aber das Zauberwort lautet eben: “Europa“. Unsere Kinder und Enkel würden es uns nie verzeihen, wenn wir aus Angst vor der Zukunft auf einmal anfangen, die Fehler der Vergangenheit zu reproduzieren. Zum Beispiel, dass jede Nation für sich selbst aufrüstet und damit das Misstrauen der Nachbarländer erregt.

Eine deutsche Atombombe wäre der finale Tritt in die europäische Sicherheitsordnung. Noch im Jahr 1990 war das Misstrauen gegenüber der Macht eines wiedervereinigten Deutschlands groß. In wirtschaftlicher Hinsicht haben wir in den vergangenen zehn Jahren nicht viele Argumente geliefert, die dem widersprechen würden.

Und gerade jetzt, wo überall in Europa Nationalisten auf dem Vormarsch sind, sollen die Deutschen anfangen, Atombomben zu bauen?

Eine deutsche Atombombe wäre erst der Anfang

Dann wäre es nur noch ein kurzer Weg, bis auch die Regime in Polen und Ungarn anfangen, an eigenen Nuklearwaffen zu arbeiten. Und irgendwann würden wohl auch San Marino und Luxemburg anfangen, nach der eigenen Bombe zu forschen.

Der amerikanische Satiriker Tom Lehrer, der vor einigen Monaten seinen 90. Geburtstag feierte, hatte diese Logik sehr treffend bereits in den 1960er-Jahren vorhergesehen:

Und was wäre eigentlich, wenn die AfD eines Tages mal an der Bundesregierung beteiligt wäre? Wäre es wirklich wünschenswert, wenn ein rechtsradikaler Politiker dann die Verfügungsgewalt über die deutsche Bombe hätte?

Die Geschichte zeigt uns, dass Atomwaffen bleiben, wenn sie erst einmal in der Welt sind. Außer der Ukraine und Kasachstan – die ihr aus Sowjetzeiten geerbtes Arsenal vernichteten – gibt es keinen Staat auf der Erde, der sich jemals wieder zur atomwaffenfreien Zone erklärt hätte.

Unsere Nachfahren müssen mit der Bombe leben und sterben

Was auch immer die Zukunft an Wendungen und Ereignissen für Deutschland bereit hält: Unsere Nachfahren werden mit der Bombe leben und sterben müssen.

So gefährlich jedoch Atomwaffen sind, sie erfüllen auch einen Abschreckungszweck – solange es jedenfalls anderswo noch Atomwaffen gibt. Russland hat beispielsweise während der Krimkrise im Jahr 2014 mit einem Nuklearschlag gedroht. Wie weit wäre Putin wohl gegangen, wenn Europa dem nichts entgegenzusetzen gehabt hätte?

Wir sollten nach einer europäischen Lösung streben. Frankreich könnte hier eine Führungsrolle übernehmen, schließlich ist das Land bereits Atommacht.

Wir Deutschen sollten derweil besser darüber nachdenken, was wir in eine europäische Sicherheitsgemeinschaft einbringen können. Das wäre allemal besser, als mit dem Wunsch nach einer eigenen Atombombe zu zündeln.

(sk)