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29/01/2018 17:50 CET | Aktualisiert 29/01/2018 17:50 CET

„Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berge kommen“

Meine Erfahrung als Buchverkäuferin auf den Märkten der Insel Rügen.

Meinen ersten Roman schrieb ich im Jahr 2013. Ich war damals voller Energie und Zuversicht, dass ich mit diesem Buch Erfolg haben werde. Zu dieser Zeit hatte ich keine Ahnung, wie naiv ich in meinen Träumen und Plänen war.

Im Internet fand ich ohne Mühe eine Menge Verlage, an die man ein Manuskript schicken konnte. Von einigen habe ich selbst nach mehreren Jahren keine Antwort erhalten.

Mehrere Verlage haben dennoch geantwortet, jedoch immer mit der klassischen Stereotypantwort: „Leider sehen wir keine Möglichkeit, Ihr Projekt in unser aktuelles Programm aufzunehmen. Aus der Vielzahl der eingereichten Manuskripte und Exposés können wir nur eine sehr kleine Anzahl aufnehmen…“ und so weiter… und so weiter.

Ich habe viele Jahre erfolgreich als Journalistin gearbeitet. Während meiner Arbeit wurden viele Artikel zu politischen Themen geschrieben, viele Lebensgeschichten verfasst. Für mich persönlich bedeutet das auch, dass ich schreiben kann. Und ich habe weiter geschrieben. Die Absagen der Verlage konnten mich in keiner Weise aufhalten. So entstanden meine Bücher. Aus Kurzgeschichten von fünf Seiten habe ich 300-seitige Romane geschaffen.

Einmal war ich auf der Buchmesse in Leipzig. Ich wollte direkt, live, nicht über eine Korrespondenz, mit Vertretern von Verlagen kommunizieren.

„Warum habe ich kaum eine Chance auf die Veröffentlichung meiner Bücher in einem echten Verlag? Was muss ich dafür tun? Oder schreibe ich anders als es die Regeln, die Richtlinien der Verlage verlangen?“, fragte ich, als ich an den Ständen vieler bekannter Verlage stehen blieb und ihnen meine Bücher zeigte.

Nur von einem Verlagsvertreter erhielt ich eine ehrliche und anschauliche Antwort: „Für uns zum Beispiel ist es lohnender, den Roman eines berühmten amerikanischen Autors, dessen Bücher in Millionenauflage verkauft werden, ins Deutsche zu übersetzen und zu veröffentlichen, als das Buch irgendeines unbekannten Autors auf den Markt zu bringen. Sie müssen uns verstehen, wir können kein Risiko eingehen! Sie brauchen es gar nicht erst zu versuchen! Das ist der wahre Grund!“

Was soll’s, danke für die ehrliche Antwort, die keines Kommentares bedarf! Natürlich gibt es auch Ausnahmen, wenn einige Autoren das Glück haben, ihre Bücher in echten Verlagen zu veröffentlichen. Aber das geschieht sehr selten. Normalerweise passiert ein solches Wunder dann, wenn der Autor schon selbst Erfolge auf diesem Gebiet erreicht hat, sein Buch selbst herausgebracht hat. Nur dann kommt ein Verlag mit einem Vorschlag, mit einer Belohnung, usw.

Selbstverständlich gibt es noch eine weitere Möglichkeit. Aber wir gehören nicht zu den Prominenten, deren Bücher angeblich schon am zweiten Tag Bestseller sind, und um die alle Verleger kämpfen.

Jedenfalls habe ich in den letzten Jahren zwölf Bücher veröffentlicht, unter anderem auf Amazon. In den ersten Monaten sah ich noch eine gewisse Bewegung beim Verkauf meiner Produkte. Aber dann wurde es ruhiger, erstarb für immer.

Natürlich war es mit Werbung und Marketing nicht so einfach. Ein Autor hat nicht die gleichen Möglichkeiten wie ein Verlag, wenn es um die Unterstützung von Büchern geht. Facebook, Xing und andere Plattformen bringen für Autoren nicht viel. Alle drücken einfach den "Gefällt mir" -- Button und sie schreiben dir Kommentare, wie schlau und clever du bist.

Deshalb stellte ich mir die Frage: „Wie kann ich meine Bücher direkt zum Leser bringen?“

Ein seltsamer Gedanke schoss mir durch den Kopf: „Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berge kommen!“

Ich beschloss, meine Bücher auf verschiedenen Märkten hier auf der eigenen Insel, auf Rügen, wo ich lebe, zu präsentieren. Ich muss sagen, dass dies für mich keine leichte, keine einfache Entscheidung war. Schließlich hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Erfahrung als Verkäufer. Ich habe selbst noch nie etwas verkauft. Und schon gar nicht auf dem Markt!

Aber zu jener Zeit schien mir, dass meine Idee gar nicht so schlecht war. Also kaufte ich einen Pavillon, mehrere Tische, bestellte Plakate „Meine Bücher“ und reservierte einen Platz auf mehreren Märkten der Insel.

Sehr schade, aber nur auf einem Markt konnte ich den magischen, anmutigen Gesang einer Nachtigall genießen. Aus diesem Grund habe ich mich für den Rügen-Markt in Thiessow am Hafen entschieden.

Aber das war noch nicht alles. Ich musste meine Bücher dort verkaufen, nicht, wann ich es wollte, sondern den ganzen Sommer über. Meine Arbeitszeit begann im Mai und endete im November.

Nun, dachte ich, einmal kann man sich auf so ein ungewöhnliches Experiment einlassen.

Man kann sich kaum vorstellen, wie viele Menschen angenehm überrascht waren, dass der Autor höchstpersönlich auf dem Markt steht und seine Bücher verkauft!

Natürlich kauften sie meine Bücher nur mit Autogramm und Widmung. Ich habe ihre Wünsche voller Freude erfüllt!

„Es ist wunderbar, dass Sie den Mut haben, hier Ihre Bücher zu präsentieren!“, „Sie haben schon so viele Bücher geschrieben, und sogar in zwei Sprachen! Ich ziehe den Hut vor Ihnen!“, „Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg!“, „Sie schreiben genau so, wie ich es gerne lese!“, „Ich komponiere Musik. Ich könnte ja auch, genau wie Sie, auf dem Markt dem Zuhörer mein Schaffen vorstellen und anbieten!“, „Darf ich ein Bild von Ihnen für meine Schwester machen? Ich möchte ihr zeigen, dass ich dieses Buch direkt vom Autor gekauft habe!“.

Und so fragte ich mich nach solchen guten Wünschen und anerkennenden Worten: „Ist das nicht die ehrliche Meinung des Lesers und seine aufrichtigen Wünsche nicht eine echte Wertschätzung meiner Arbeit?“

Ich zweifelte nicht daran. Und es war für mich wertvoller als all die 4- oder 5-Sterne auf Amazon, um die so viele Schriftsteller kämpfen. Schließlich schreibe ich nicht für die Vertreter von Verlagen, die unter einer großen Anzahl ausländischer Autoren auswählen können. Ich schreibe genau für die einfachen Menschen, wie auch ich einer bin, die nicht lesen wollen, was ihnen angeboten, was hartnäckig aufgezwungen wird. Sie wollen lesen, was ihnen gefällt, worauf sie Lust haben.

Ich werde nie das 13-jährige Mädchen vergessen, das vor meinem Büchertisch stehen blieb. Sie mochte meine kleinen Märchenbücher sehr, und so legte sie ein paar Cents als Trinkgeld vor mich auf den Tisch. Ich konnte solch einen jungen Leser nicht ignorieren, konnte sie nicht ohne eine Belohnung gehen lassen. Sie bekam von mir ein Buch geschenkt - ein Märchenbuch. Natürlich mit dem Autogramm des Autors.

Einige Käufer erzählten mir bereitwillig ihre Lebensgeschichten. Andere interessierten sich für die politische Situation in der Ukraine, aus der ich komme.

An meinem kleinen Stand bleiben auch Männer stehen, die wollten, dass ich ihnen vor dem Schlafengehen höchstpersönlich aus dem einen oder anderen Buch vorlese. Andere teilten ihre Geheimnisse mit mir und verrieten, warum sie bestimmte Zeichen gegen den bösen Blick, den Hexenzauber, auf ihre Unterhosen malen. Aber darüber mehr in meinem nächsten Buch!

Ehrlich gesagt war es eine sehr schwierige Zeit für mich. Auf unserer Insel Rügen war der Sommer 2017 sehr kalt, mit starken Winden und Regen. Das war vor allem dann spürbar, wenn man den ganzen Tag auf dem Markt stehen musste.

Ich sah, wie die Möwen im Sturm ihre Orientierung verloren und einfach hilflos in der Luft hingen. Ich beobachte Krähen, die durch den starken Wind den Rügener Insel-Walzer tanzten ... Und, das kann ich Ihnen sagen, war sehr interessant! Das war unvergesslich! Das war schön!

Mein Pavillon wurde vom starken Wind mehrmals in die Luft gehoben. „Mein Schatz, nur noch ein Moment, und ich werde mit dem Zelt davonfliegen! Bitte komm schnell und rette mich, sonst wirst du lange nach mir suchen müssen!“, rief ich in Panik meinen Mann an.

Es gab Tage, an denen ich in der Ecke meines Zeltes saß, und vor lauter Kälte und Wind zu mir selbst sprach: „Nein, ich kann nicht mehr! Ich will hier nicht mehr sitzen! Ich halte das nicht aus! Genug, es reicht, ich breche mein Experiment ab!“

Doch kaum kommt der nächste Kunde, und du vergisst das schlechte Wetter, die schlechte Laune. Alles passt wieder zusammen. Alles ist an seinem Platz. Das Leben geht weiter.

Ich muss ehrlich sagen, dass es – unabhängig vom Wetter - nicht so einfach ist, acht Stunden auf dem Markt zu stehen. Hier braucht man vor allem Geduld, Ausdauer, Liebe für diesen Beruf. Und etliche Verkäufer sind seit vielen Jahren auf dem Markt. Allen Umständen zum Trotz scherzen sie, sie freuen sich mit ihrem Nachbarn, der endlich seine überlagerte Ware verkaufen konnte. Sie spielen Gitarre, um sich die Zeit zu vertreiben. Sie singen vor sich hin, wenn der Markt schließt. Da kann man sagen, was man will, das hat etwas Magisches und Unvergessliches!

Im Großen und Ganzen bin ich mit meinem ungewöhnlichen Experiment zufrieden, es war ein Erfolg. Ich habe bis zum Ende der Saison durchgehalten. Darauf bin ich stolz. Ich habe dort viel mehr Bücher verkauft als in den letzten Jahren über das Internet.

Ich lernte viele nette Kollegen-Verkäufer kennen, traf dort neue Freunde. Das Wichtigste ist, dass ich unschätzbare Erfahrungen über echtes Buch-Marketing gesammelt habe, die man so in keinem Autorenratgeber findet.

Darüber hinaus gibt es noch einige andere wichtige positive Aspekte meines Sommer-Experiments. Ich nahm etwas ab, ohne irgendwelche Promi-Diäten. Mein Gesicht erhielt durch die frische Seeluft eine angenehme Farbe, einen frischen Teint und ein kostenloses Naturwind-Lifting.

Im Moment habe ich begonnen in einer Art Tagebuch aufzuschreiben, wie ich meine Bücher auf dem Markt verkauft habe. Es hat sich genügend Material für ein nächstes Buch angesammelt, ich habe etwas zu erzählen. Aber vielleicht werde ich noch weiter sammeln!

Jetzt bin ich fest davon überzeugt, dass mein Experiment noch nicht vorbei ist. Ich bin mir sicher, dass ich auch 2018 meine Bücher wieder auf dem Rügen-Markt in Thiessow präsentieren werde.

Außerdem werde ich einige meiner neuen Bücher dem Urteil der Leser anvertrauen. Ich weiß, dass sie sich freuen werden, mich zu treffen. Sie werden auf meine Werke warten, auf die Möglichkeit, Bücher direkt beim Autor, bei mir, zu kaufen!