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06/12/2018 14:53 CET | Aktualisiert 06/12/2018 14:53 CET

Wenn "agile" draufsteht, aber gar nicht "agile" drin ist

metamorworks via Getty Images

Agile ist für viele die Antwort auf die Digitalisierung. “Wir müssen agiler werden”, kommt so schnell über die Lippen. Oft ohne dass die dahinterstehenden Grundannahmen reflektiert sind. Es ist wie eine Medizin, die der Art verordnet hat - sie wird ungefragt genommen. Dabei ist kaum jemand bewusst, was eigentlich in den bunten Pillen steckt, auf denen derzeit allerorten “agile” steht.

Klassische Unternehmensberatungen kleben nun ein Agile-Etikett auf alles, was schneller und noch wirtschaftlicher machen soll. Kamen sie vor 20 Jahren noch im dunklen Boss-Anzug über Hinterzimmer an Effizienzschrauben, mischen sie sich nun im Hoodie ins Management. Es bleiben die gleichen Denkstrukturen wie damals. Im Gepäck sind lediglich andere Worte - als Werte verkleidet.

Immer mehr nutzen das Vakuum, das durch Definitionsschwächen entstanden ist. Was ist denn nun „agile“? Spätestens, wenn der Begriff das Projektmanagement verlässt, wird es schwammig. Da nur wenige Unternehmensbosse Lust haben, sich mit Schwammigkeit intensiver auseinanderzusetzen - denn eine schnelle Antwort gibt es nicht -, suchen sie inspiriert von oberflächlichen Events nach Lösungen und Standards für tiefgreifende Themen. Sie folgen dabei wie eh und je der Frage „wie“ -wie geht das, damit schnell was rauskommt. Besonders wenig interessiert sind sie am „warum“. Sie wollen nicht wissen, was das ganze soll und auf Basis welcher Grundannahmen man sich entscheidet. Entscheidungen im Single Loop: Ich habe ein Problem, ich suche die Lösung in einer “Methode” (die keine ist) oder Organisationsform (die keine Kopie zulässt).

Ich bin von der menschlichen Seite zu „agil“ gekommen bin. Mich treiben humanistische Werte. Ich sehe, dass Menschen viel verloren haben und nun wiedergewinnen können. Ich glaube daran, dass wir die Digitalisierung als Chance nutzen müssen, um die Arbeitswelt besser zu machen. Ich bin überzeugt, dass es grundlegend falsch ist, Menschen zu Robotern machen zu wollen; es gar nie gelingen kann. Dieser Trend macht sie am Ende nur zu Menschen ohne Eigenschaften, frei nach Robert Musil - zu Nichtsen. Für mich ist agiler werden nichts anderes als so beweglich zu werden wie es auch die Märkte sind. Agile ist mehr eine Philosophie als ein "how to". Das allerdings trifft in manchen Umfeldern auf wenig Gegenliebe. Keine Bits Practice? Keine Blaupause? Es kommt besser an, wer diese bieten kann.

Da wird gerade alles verbrannt, was eine Chance hätte sein können. Gute und sinnstiftende Gedanken ins Absurde gezogen werden, wenn das Etikett „agile“ für alles Mögliche gebraucht wird, was überhaupt nicht „agile“ ist - nicht mal im engeren Sinn eines Frameworks. Das betrifft alle Ebenen, die der Unternehmenssteuerung genauso wie die des Projektmanagements. Wenn das Spotify-Modell als Matrix im Bürokratie-4.0-Gewand eingeführt wird, so ist es nicht das Spotify-Modell, sondern irgendwas das dieses Unternehmen tut. Wenn Scrum ohne Scrum Master betrieben wird, so ist es kein Scrum, sondern irgendwas für das man einen Namen braucht. Wenn ein agile Coach nicht coacht, sondern Fachwissen trainiert, so ist er kein Coach, sondern Lehrer Lampe. Persönlichkeits- und Teamentwicklung wird er so sicher nicht anstoßen. Die aber ist nötig, wenn Menschen eigenverantwortlich und intrinsisch motiviert handeln sollen.  Daraus ergibt sich schon die größte Baustelle und entscheidende Unterschiede: Menschen die weder autonom sein können noch wollen, die das nie gewohnt waren, werden nicht zu agilen Persönlichkeiten nur weil sie jetzt Meetings halten sollen.