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09/12/2018 14:03 CET | Aktualisiert 10/12/2018 12:03 CET

Wir wollen alle weniger arbeiten – so könnte das bald Realität werden

"Teilzeit liegt europaweit im Trend."

Alex Blajan

Immer mehr Menschen hinterfragen die 40-Stunden-Woche – nicht nur in hippen Start-ups. Um mit weniger Arbeit trotzdem erfolgreich zu sein, kommt es vor allem auf eine Sache an.

Vor einem Jahr machte Lasse Rheingans seinen Mitarbeitern einen ungewöhnlichen Vorschlag. Der Chef einer Bielefelder Digitalagentur wollte die 25-Stunden-Woche einführen. Arbeitszeit: 8 bis 13 Uhr, ohne Mittagspause.

Lasse Rheingans erklärte seinem 13-köpfigen Team, dass er dafür keine Erreichbarkeitsregeln nach Feierabend einführen würde, keine Gehälter kürzen und auch keine Urlaubstage streichen würde. Denn er teilt die Überzeugung seines Vorbildes, des US-amerikanischen Firmengründers Stephan Aarstol: “Wenn wir nur auf das Ergebnis schauen, dann müssten die Stunden egal sein.”

Die Mitarbeiter ließen sich auf den Versuch ein. Und die Agentur wurde so über Nacht zum Pionier in Deutschland. 

Margarete Klenner
Lasse Rheingans hat in seiner Firma den 5-Stunden-Arbeitstag eingeführt.

In den folgenden Wochen erlebte der jetzt 38-Jährige einen ungeahnten Medienansturm. Alle wollten sie über sein radikales Zeitmodell berichten und mit ihm sprechen. Sogar Wissenschaftler wollten sein “Experiment” begleiten. Das Spektakuläre an seinem 60-Prozent-Arbeitszeitmodell: Es funktionierte ausgezeichnet.

Klar ist auch: Spätestens seit dem Riesenerfolg des Bestsellers Die 4-Stunden-Woche des US-amerikanischen Gründers Timothy Ferriss, ist das Thema verkürzte Arbeitszeiten in aller Munde und irgendwie angesagt. Regelmäßig erscheinen neue Studien, die die überdurchschnittliche Produktivität von Teilzeitkräften zu belegen scheinen.

Wenn wir nur auf das Ergebnis schauen, dann müssten die Stunden egal sein.Stephan Aarstol

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Digitalagenturen und hippe Start-ups. Genau das beweist die größte deutsche Gewerkschaft: Ebenfalls unter lautem Mediengetöse verkündete die IG Metall im Frühjahr, auf Wunsch der Beschäftigten ab Januar 2019 die 28-Stunden-Woche einzuführen.

Was also ist dran am Versprechen “Weniger ist mehr” mit Blick auf unsere wöchentliche Arbeitszeit? Und in welchen Branchen kann das funktionieren?

Freizeit schafft Raum im Kopf

Die Gründe dafür, weniger arbeiten zu wollen, sind so unterschiedlich wie die Lebenssituationen der Menschen dahinter. Oft sind es wie beim Bielefelder Agenturchef Lasse Rheingans familiäre Belange. Als Vater von zwei Töchtern und mit einer berufstätigen Frau weiß er die freien Nachmittage zu schätzen. Auch wenn er es als Agenturchef aktuell eher selten schafft, tatsächlich nachmittags zu Hause zu sein.

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Denn das Jahr nach der Einführung der 25-Stunden-Woche hat ihm auch gezeigt: Es klappt nicht immer mit dem Feierabend um 13 Uhr. Eine gute Auftragslage, erkrankte Mitarbeiter im Herbst – manchmal gibt es eben mehr zu tun, als in einen 5-Stunden-Tag passt.

Die wichtigste Eigenschaft ist daher Flexibilität: “Das Modell ist schwer beizubehalten, wenn Unvorhergesehenes passiert”, bringt es Lasse Rheingans auf den Punkt. So stellten die Mitarbeiter früh fest, dass der persönliche Austausch zu kurz kam und manche Dinge nicht ausgiebig genug besprochen werden konnten.

Clique Images CC0
Wer in Teilzeit arbeitet, hat auch mehr Zeit, um sich den Kopf freizulaufen.

Das bedeutet aber nicht, dass Lasse Rheingans den Glauben an das Modell der 25-Stunden-Woche verloren hat: Er will bald mit seinem Team dahin zurückkehren. Auch weil er im vergangenen Jahr eine weitere interessante Beobachtung gemacht hat.

Obwohl er seinen Mitarbeitern anmerkte, dass der verdichtete Arbeitstag sie mehr anstrengte, beobachtete er, dass sie sich mehr Zeit für ihre persönlichen Leidenschaften nahmen. “Diese Leidenschaft ist bei ganz vielen, sich die neuesten Trends anzuschauen, sich weiterzubilden und Wissen zu vertiefen”, sagt der Agenturchef.

Das Modell ist schwer beizubehalten, wenn Unvorhergesehenes passiert.

Sie nutzten die gewonnene Zeit also nicht nur für das Ausleben von Hobbys und als berufsferne Mußestunden, sondern beschäftigten sich freiwillig weiter mit jobrelevanten Themen. Lasse Rheingans selbst hatte nicht nur mehr Zeit für seine Familie, sondern spürte auch einen neuen Freiraum im Kopf: “Ich habe angefangen, intensiver über die strategischen Entscheidungen nachzudenken, die das Unternehmen betreffen.”

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Der Bielefelder weiß, dass das 25-Stunden-Modell nicht auf sämtliche Berufe und Branchen eins zu eins übertragbar ist. Trotzdem verfolgt er ein Ziel, das über die eigene Firma hinausreicht: Er möchte eine Diskussion darüber anstoßen, wie viel Arbeit zu viel ist und wie wenig freie Zeit zu wenig: “Ich bin überzeugt davon, dass die Arbeitszeit in Zukunft weiter zurückgehen wird.”

Mit dieser Prognose ist er nicht allein.

Alexander Dummer CC0
Arbeit und Familie zu vereinbaren ist für viele Beschäftigte nicht leicht. In der Regel reduzieren eher die Mütter ihre Arbeitszeit.

Ist Teilzeit Frauensache? Noch!

In den Buchläden tauchen immer mehr Bücher zum Thema auf. Die titeln dann “Die Drei-Tage-Woche” , “Halbe Arbeit – ganzes Leben” oder “Post Work” vom Aktivisten Tobi Rosswog, der sogar über eine “Gesellschaft jenseits der Arbeit” philosophiert. Der US-amerikanische Ethnologe David Graeber landete mit seinem Buch “Bullshit Jobs” über unnütze Berufe auch hierzulande einen Bestseller. Auch er schlägt vor, die Wochenarbeitszeit massiv zu reduzieren.

Wie vielfältig die Lösungen aussehen können, beschreibt ZDF-Redakteur Axel Mengewein in seinem Buch “Halbe Arbeit – ganzes Leben”. Ganze 19 Teilzeitvarianten stellt er darin vor. Ein einziges Modell für alle ist seiner Meinung nach keine Lösung: “Ich finde, dass jeder für sich selbst herausfinden muss, welches Modell für ihn am besten passt.”

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Er selbst arbeitet derzeit drei Wochen voll und hat dann eine Woche frei. Das entspricht etwa einer 80-Prozent-Stelle. Axel Mengewein ist überzeugt, dass in Zukunft mehr Menschen seinem Beispiel folgen und in einer für sie stimmigen Form der Teilzeit arbeiten werden.

Teilzeit liegt europaweit im Trend. Ich glaube, das liegt daran, dass sich die Einstellung zur Teilzeit geändert hat. Früher sahen viele Teilzeit hauptsächlich als ein Modell für Mütter an, heute ist auch ein Zuwachs bei Männern festzustellen, die die Vorteile von weniger arbeiten und mehr leben schätzen gelernt haben.Axel Mengewein, ZDF-Journalist und Buchautor

Aber stimmt das, was Axel Mengewein sagt? Wollen wirklich immer mehr Menschen immer weniger arbeiten?

Um das zu beantworten, hilft ein Blick in die neue Arbeitszeitbefragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: “Bei den Beschäftigten deutet sich ein gesellschaftlich-kultureller Wandel an, der mit veränderten Bedürfnissen an das Verhältnis von Arbeits- und Lebenszeit einhergeht.”

Die Studie zeigt aber auch, dass der Kulturwandel zwar in den Köpfen passiert, sich aber noch nicht in den Arbeitsverträgen widerspiegelt.

Wenn Beschäftigte in Deutschland laut Vertrag durchschnittlich 35 Stunden arbeiten, sind es in der Realität fast 39 Wochenstunden. Ganz einfach, weil dauernd Überstunden anfallen – meist unfreiwillig. Vollzeit ist also (noch) der Normalfall.

Auch wenn nicht nur Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten, hängt die wachsende Anzahl von “Teilzeit-Männern” vor allem damit zusammen, dass die Zahl der Jobs insgesamt gestiegen ist.

Perspective Daily / Bundesagentur für Arbeit

Nicht immer ist die Wahl, keine 40 Stunden zu arbeiten, freiwillig: Laut einer Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung gibt jede zehnte Frau und jeder fünfte Mann an, nur deshalb in Teilzeit zu arbeiten, weil sie keine Vollzeittätigkeit fänden. Die meisten Befragten führen aber andere Gründe für ihre Teilzeitbeschäftigung an: Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Aus- und Weiterbildungen oder gesundheitliche Probleme.#

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Mal abgesehen von solchen Gründen, die Menschen durch bestimmte Lebensumstände mehr oder weniger auferlegt werden, bleibt die Frage: Wie sehr wollen Menschen denn nun weniger arbeiten? Hat das Modell vom fleißigen Deutschen wirklich ausgedient?

Häufig geht es den Beschäftigten darum, selbstbestimmter zu sein.Julian Tesche

Um das herauszufinden, müssen Mitarbeiter in 90 deutschen Unternehmen regelmäßig Fragen wie diese beantworten: Wie zufrieden sind sie mit der Homeoffice-Regelung? Ist der Arbeitsplatz ablenkungsfrei? Bekommen sie genügend Wertschätzung?

In einer App geben sie auf einer Skala von 1 bis 10 ihre Einschätzung dazu ab. Entwickelt wurden die digitalen Mitarbeiterumfragen vom dänischen Unternehmen Peakon.

Große Firmen wie BMW, Metro und Babbel nutzen das Tool bereits. So liegen inzwischen Daten von 10.000 Mitarbeitern in Deutschland vor. Aus dem gesammelten Material lassen sich die größten Wünsche der Beschäftigten ablesen. Und was die Menschen wollen, sind neben besserer Kommunikation und flacheren Hierarchien vor allem eins: andere Arbeitszeiten.

Peakon copyright
Julian Tesche leitet in Deutschland den Ausbau des dänischen Unternehmens Peakon.

“Häufig geht es den Beschäftigten darum, selbstbestimmter zu sein”, sagt Julian Tesche, der für den Ausbau des Unternehmens in Deutschland zuständig ist. Wie sehr eine Landeskultur die Arbeitskultur beeinflusst, hat Tesche während seiner Zeit in Kopenhagen gelernt. In Dänemark sei es selbstverständlich, nachmittags nach Hause zu gehen. “Um 17 Uhr war das Büro leer”, sagt er.

Beim nördlichen Nachbarn stelle niemand seine Arbeitskraft durch die Dauerpräsenz am Schreibtisch unter Beweis.

3 Umfragen, ein Wunsch: weniger arbeiten

1.) Mehr Autonomie: Bei den Peakon-Umfragen geben Mitarbeiter regelmäßig und anonym an, wie ihre Arbeit noch besser werden könnte. “In den Umfragen äußern viele Beschäftigte den Wunsch nach Teilzeitstellen, einer 4-Tage-Woche oder einer autonom gestalteten Arbeitszeit”, sagt Julian Tesche.

2.) Zeit statt Geld: Die Hans-Böckler-Stiftung wollte vor 2 Jahren wissen, wie viele der rund 30 Millionen Vollzeitbeschäftigten weniger arbeiten möchten, auch wenn das Gehalt entsprechend sinkt. Das Ergebnis: Mehr als eine Million Menschen würden gern auf eine Dreiviertel-Stelle wechseln. Und das waren nicht nur Frauen: Mehr als die Hälfte (rund 600.000) waren Männer mit Vollzeitjobs.

3.) 35-Stunden-Woche – oder weniger: Auch die Umfrageergebnisse der IG Metall sind eindeutig: 68 Prozent der 680.000 Beschäftigten, die im Jahr 2017 an der Befragung teilgenommen haben, wünschen sich eine 35-Stunden-Woche oder kürzere Arbeitszeiten. Jeder Fünfte will die Arbeitszeit auf weniger als 35 Stunden reduzieren. 82 Prozent finden es gut, wenn sie ihre Arbeitszeit für Kindererziehung oder Pflege vorübergehend absenken können.

All das zeigt also tatsächlich, dass sich eine große Zahl der Beschäftigten eine reduzierte Arbeitszeit wünscht. Doch wie geht das? Welche Lösungen muss die Politik anbieten?

Der Wunsch nach neuen Arbeitszeitmodellen scheint bei der großen Koalition jedenfalls angekommen zu sein. Im Koalitionsvertrag deuten sich kleine Schritte hin zu mehr Selbstbestimmung an. So wurde das Gesetz zur Brückenteilzeit Ende November vom Bundesrat gebilligt.

Brückenteilzeit

Die Brückenteilzeit gibt Beschäftigten die Möglichkeit, für einen befristeten Zeitraum in Teilzeit zu arbeiten. Anschließend haben sie das Recht, wieder zur früheren Arbeitszeit zurückzukehren. Das Gesetz sieht aber mehrere Einschränkungen vor: So profitieren davon fast nur Beschäftigte in Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern. Das Gesetz zur Brückenteilzeit soll am 1. Januar 2019 in Kraft treten.

 Andere Vorschläge der Bundesregierung, etwa “Experimentierräume” im Arbeitszeitgesetz und neue Modelle für “mehr Familienzeit”, sind bisher nicht mehr als vage Versprechen.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil von der SPD stellt den 8-Stunden-Arbeitstag jedenfalls (noch) nicht infrage. Der müsse die Regel bleiben, sagte er im Frühjahr dieses Jahres.

Die 28-Stunden-Woche wird Realität

Ausgerechnet die bodenständige Gewerkschaft IG Metall ist da schon ein ganzes Stück weiter. Sie hat der Mitgliederbefragung Taten folgen lassen. Ab 2019 können Beschäftigte eine “verkürzte Vollzeit” wählen und so ihre wöchentliche Arbeitszeit für maximal 2 Jahre auf 28 Stunden reduzieren. Wer kleine Kinder hat oder Angehörige pflegt, kann außerdem einen Teil seines Gehalts in 8 zusätzliche freie Tage im Jahr umwandeln.

Diese Regelungen geben den Beschäftigten mehr Zeitsouveränität, um Arbeit und Leben besser in Einklang zu bringen. Kindererziehung und Pflege, aber auch der Erhalt der Gesundheit sind gesellschaftlich notwendige Aufgaben, denen Unternehmen sich nicht verschließen dürfen.Hartmut Steiger, Sprecher IG Metall
IG Metall Jugend Bayern
8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Schlaf, 8 Stunden Freizeit – diese Formel ist 100 Jahre alt. Für die Gewerkschaft IG Metall ist sie nicht länger zeitgemäß.

Die IG Metall nimmt damit die Arbeitgeber in die Pflicht und verlangt ihnen eine vorausschauende Personalpolitik und neue Lösungen ab, wie etwa die Einführung von Arbeitszeitkonten.

Da ist sie wieder, die Flexibilität, von der auch der Digitalagentur-Chef Lasse Rheingans gesprochen hat. Die müssen beide Seiten, Beschäftigte und Arbeitgeber, mitbringen und anbieten.

Noch nicht alle profitieren, aber ein Umdenken setzt ein

Die Gewerkschaftsmitglieder wissen das Angebot zu schätzen. Kürzlich hat die IG Metall ihre Mitglieder zu ihrem Interesse am 28-Stunden-Modell befragt. Die Antworten sprechen für sich: 200.000 der 2,2 Millionen Beschäftigten haben einen Antrag auf die verkürzte Vollzeit oder die zusätzlichen acht freien Tage gestellt. Und noch sind nicht alle Betriebe eingerechnet – die Zahl der Anträge wird vermutlich also weiter steigen.

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Noch profitieren längst nicht alle Beschäftigten von den Initiativen der Gewerkschaften, Unternehmen oder von ersten politischen Ansätzen.

Die Vorstöße zeigen aber, dass ein Umdenken einsetzt. Viele Menschen wollen oder können das klassische 9-to-5-Modell nicht (mehr) leben. Sie wollen nicht mehr nur flexibel auf die Bedürfnisse ihres Arbeitgebers reagieren, sondern selbst flexibel sein und souveräner mit ihrer Zeit umgehen.

Die Beispiele der IG Metall und von Lasse Rheingans’ Agentur zeigen, dass das in ganz unterschiedlichen Branchen möglich ist, wenn es gewollt ist.

Dieser Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.