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29/07/2018 18:16 CEST | Aktualisiert 30/07/2018 17:52 CEST

Ich habe mit 9 die Schule abgebrochen, um ein Nomadenleben zu führen

Was ich aus meinen Erfahrungen in 36 Ländern auf 5 Kontinenten mit unzähligen Menschen gelernt habe.

Privat
Miro Siegel hat schon36 Länder bereist.

Ich bin in Los Angeles aufgewachsen. Mein Horizont war einigermaßen beschränkt. Nur unsere vorwiegend lateinamerikanischen Nachbarn ermöglichten mir einen kleinen Blick über den Tellerrand, und die internationalen Couchsurfer, denen meine Mutter Unterkunft bot.

Meine Neugierde auf die Erzählungen dieser Menschen, die häufig von ihren Heimatländern und von anderen weit entfernten Orten erzählten, war unersättlich. Trotzdem veränderten die Worte nicht wirklich etwas.

Im Jahr 2008 änderte sich schlagartig. Damals war ich neun Jahre alt und die globale Finanzkrise fegte wie ein Sturm über die Vereinigten Staaten hinweg. Ökonomen beschreiben diese Zeit heute als die größte wirtschaftliche Katastrophe seit der Großen Depression in den 1930er-Jahren.

Für meine Mutter und mich war sie allerdings der Katalysator für die Veränderung, die wir so dringend gebraucht hatten.

Weltreise statt Schulbank drücken

Uns ging es damals mehr als schlecht. Ich hasste meine Schule, von meiner Mutter hatte ich mich entfremdet. Ihr ging es dabei ganz ähnlich.

Meine Mutter war alleinerziehend und arbeitete hart, meistens mehr als 80 Stunden pro Woche. Gemessen an den Maßstäben unserer Gesellschaft tat sie damals alles für ihren Sohn, doch fühlte sich dabei auch, als würde sie seine Kindheit in Wahrheit verpassen.

Vor der Wirtschaftskrise waren wir zwar eine reiche, aber auch eine sehr unglückliche Familie. Meine Mutter führte eine Marketing- und Designagentur. Als die Krise begann, liefen ihr schnell sämtliche ihrer Kunden weg. Sie wusste damals bereits früh, dass sie ihre Agentur würde schließen müssen.

Eines Abends, als wir zu zweit in ihrem leergeräumten Büro saßen, sah sie mich an und sagte etwas, das ich so von ihr nicht erwartet hätte: “Lass uns einfach von hier abhauen. Lass uns alles hinschmeißen und ein Abenteuer erleben!“

Und so geschah es auch. Ich war zwar nervös, aber auch unheimlich aufgeregt, denn endlich würde ich die echte Welt dort draußen kennen lernen.

Innerhalb von sechs Monaten hatten wir unser Loft und alle unsere Besitztümer verkauft, unseren Hund an eine neue Familie abgegeben und uns eigene Reisedokumente besorgt.

Es war ganz surreal, mein eigenes Gesicht auf dem Foto meines Reisepasses zu sehen. Es schien mir damals, als wäre mein Passfoto ein kleines Porträt, ein Fenster zum großen Unbekannten, von dem ich immer schon geträumt hatte.

► Ich hatte nie zuvor einen Reisepass besessen, doch nun fühlte ich mich endlich, als läge mir die gesamte Welt zu Füßen.

ferrantraite via Getty Images
In Mexiko warteten viele Abenteuer auf die kleine Familie.

 

Wir wollten eigentlich nur ein Jahr weg sein

Ursprünglich hatten wir vor, ein Jahr lang in Richtung Süden zu reisen, durch Mittel- und Südamerika bis nach Argentinien. Danach wollten wir in unser altes Leben zurückzukehren.

Lateinamerika wählten wir als Reiseziel, weil es unserer Heimat relativ nahe war. Im schlimmsten Fall hätten wir so leicht zurück gekonnt. Zudem kamen die meisten meiner Freunde in Los Angeles aus lateinamerikanischen Ländern. Auch ihre Kultur wollten wir kennen- und verstehen lernen.

Da wir damals noch davon ausgingen, dass wir nur ein Jahr lang reisen würden, meldete mich meine Mutter von der örtlichen Schule ab. Wir hatten keinen Zweifel daran, dass ich auf der Reise mehr lernen würde als im Unterricht der fünften Klasse.

Nach unserer Rückkehr wollte meine Mutter mich dann an einer anderen Schule anmelden.

Einige der Freunde meiner Mutter unterstützten ihre Entscheidung, doch andere meinten, sich wegen Sicherheitsbedenken oder der angeblichen Verantwortungslosigkeit meiner Mutter in unsere Pläne einmischen zu müssen. Ein Freund schlug uns sogar vor, eine “Entführungsversicherung“ abzuschließen.

Unsere Verwandten jedoch blieben erstaunlich ruhig. Sie gingen wohl davon aus, dass dies nur eine kurze Phase sein würde und wir bald schon nach Hause zurückkehren würden.

Nomadendasein als Lebensentwurf

Als der Abreisetag dann endlich gekommen war und wir in Mexiko aus unserem Flugzeug stiegen, wurde uns dann schlagartig die Tragweite unserer Entscheidung bewusst.

► Auf einmal waren wir dort – in einem fremden Land, von dem uns gesagt worden war, es sei gefährlich. Ein Land, dessen Sprache wir beide nicht beherrschten und in dem zunächst erst einmal alles neu und überwältigend wirkte.

Diese ersten Monate waren eine echte Herausforderung, die wir jedoch mit viel Durchhaltevermögen meisterten. Bald schon merkten wir, dass wir uns an unseren neuen, nomadischen Lebensstil gewöhnt hatten.

In den ersten paar Monaten benahmen wir uns zugegebenermaßen wie Touristen. Wir machten unzählige bezahlte Ausflüge und blieben nie länger als ein paar Tage an ein und demselben Ort.

Im Laufe der Zeit änderte sich dann allerdings auch unsere Einstellung zum Alltag. Wir entschleunigten unser Leben merklich und verspürten auch nicht mehr das Bedürfnis, so schnell wie möglich von Ziel zu Ziel rasen.

Ehe wir uns versahen, waren bereits die ersten acht Monate unserer Reise verstrichen, doch wir hatten es zu diesem Zeitpunkt nur bis nach Guatemala geschafft. Es gab also kein Zurück.

Unsere Ersparnisse hatten wir zwar bereits aufgebraucht, doch wir waren fest dazu entschlossen, unseren neuen Lebensstil beizubehalten. So begannen wir, unsere Reise nicht mehr als Ferien zu betrachten – sondern als neuen Lebensentwurf.

Das Leben ist die beste Schule

Meine Mutter musste also eine unbequeme, aber wichtige Entscheidung treffen. Da wir uns entschlossen hatten, nicht nach Los Angeles zurückzukehren, mussten wir uns eine Alternative zu meiner verpassten Schulbildung überlegen.

Bald schon fanden wir eine passende Methode – das sogenannte Unschooling.

  • Beim “Unschooling” handelt es sich um eine Erziehungsmethode, die vorsieht, dass Menschen sich ihre Lerninhalte in Form von bildenden Projekten und Aktivitäten selbst aussuchen können.
  • “Unschooler“ lernen durch Spielen, Arbeit, Reisen, Bücher und den Umgang mit anderen Menschen.

Was noch verrückter war als die Entdeckung dieser Lernmethode selbst war allerdings die Einsicht, sie bereits seit acht Monaten unbewusst angewandt zu haben.

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Meine Mutter fing an, über unsere Reiseerlebnisse einen Blog zu führen, um Freunde und Verwandte über unser Leben auf dem Laufenden zu halten. Uns überraschte es allerdings schon, als auf einmal Menschen aus aller Welt ihre Posts zu lesen begannen.

Nachdem meine Mutter ihr Interesse am autarken Lernen entdeckt hatte, begann sie verstärkt auch über alternative Erziehungsmethoden zu schreiben (unser Modell tauften wir bald schon auf den Namen “worldschooling“).

► Die Einnahmen aus dem Blog ermöglichten uns vier Jahre lang ein Leben als Dauerreisende.

Reisen hat meine Beziehung zu meiner Mutter gekittet  

In dieser Zeit bereisten wir zahlreiche Länder. In jedem blieben wir mehrere Monate.

Ich ging auf eine zweisprachige Schule in Guatemala, arbeitete in einem Hostel in Kolumbien und lernte Hunderte von Couchsurfern kennen – nur dieses Mal als Besucher und nicht als Gastgeber.

Durch vollständiges Eintauchen in die Kultur meiner Gastländer lernte ich schnell Spanisch und entdeckte meine Leidenschaft für Geschichte und Kunst, Schriftstellerei und Mythologie.

Ich lernte Hunderte neue Menschen kennen und hatte ein blühendes Sozialleben (obwohl ich mich von neuen Freunden häufig wieder verabschieden musste).

Aber das Wichtigste von allem war, dass ich die Beziehung zu meiner Mutter, die lange zerbrochen gewesen war, erfolgreich wiederaufbauen konnte.

In unserem fünften Reisejahr erwischten wir allerdings eine wirklich schwere Zeit.

Mehr zum Thema: Rentner reist mit 5 Fremden um die Welt – seine Begründung rührt zu Tränen

Als ich vierzehn Jahre alt wurde (auch ungeachtet unserer Umstände ein schwieriges Alter), begann ich, mich isoliert und einsam zu fühlen, ganz so, als verstünde niemand, wer ich wirklich war und woher ich kam.

Ich schaffte es kaum, dauerhafte und stabile Beziehungen aufzubauen und verfiel in eine schwere Depression. Ich wollte Teil einer Gemeinschaft sein, doch eine Gemeinschaft war nirgends zu finden.

► Also beschlossen wir, selbst eine neue Gemeinschaft aufzubauen. Meine Mutter und ich gründeten Project World School. Eine Firma, die weltweit zeitlich befristete Bildungsprojekte organisiert.

Das Ziel unserer Firma ist es, die Gemeinschaft der “worldschooler“ auszubauen und miteinander zu vernetzen und ihnen den Austausch ihrer Weltbilder zu erleichtern. Das Projekt wurde ein riesiger Erfolg.

Obwohl sie uns auch eine Menge Arbeit macht, führt uns unsere Firma trotz alledem immer zu neuen Orten und Erfahrungen und ermöglicht uns auch weiterhin unsere vielen Reisen.

Heute bin ich 19 Jahre alt und könnte mit meinem Leben kaum zufriedener sein: Ich bin ausgeglichen, gut angepasst, und allgemein erfüllt. Ich habe einen großartigen Freundeskreis, der die ganze Welt umspannt.

Trotz der Entfernungen zwischen mir und meinen Freunden sind unsere Beziehungen stark und belastbar.

Auch meinen Studien widme ich mich mit großer Leidenschaft. An eine Universität will ich momentan aber noch nicht, denn ich bin bereits jetzt ein erfolgreicher Dichter und Schriftsteller.

Ich arbeite nur für mich selbst und schlage mich alleine durch in dieser großen, bunten Welt.

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Auch in Guatemala haben Miro und seine Mutter eine Zeit lang gelebt.

 

In der Welt zuhause

Obwohl ich gerade dabei bin, mich alleine auf meine nächste Reise zu machen, stehen meine Mutter und ich uns noch immer sehr nahe. Aufgrund unserer gemeinsamen Geschichte wird unsere Beziehung für immer eine besondere bleiben.

► Es ist jetzt zehn Jahre her, dass wir die Entscheidung trafen, Los Angeles zu verlassen.

Sechsunddreißig Länder, fünf Kontinente und unzählige Erfahrungen später sehe ich im Spiegel nun einen jungen Erwachsenen, der sich sein halbes Leben lang durch unsichere Gefilde bewegt und sich mit unzähligen Kulturen auseinandergesetzt hat.

Ich sehe einen Menschen, der zwar nie ein Haus besessen hat, aber auch niemals obdachlos war. Einen Menschen, der Erinnerungen materiellen Besitztümern vorzieht und einzigartigen Wert und Schönheit in allem erkennt und sich mit jeder neuen Perspektive auseinandersetzt.

Ich sehe einen Menschen, der zwar ohne eine Schule aufgewachsen, aber der auf keinen Fall ungebildet ist.

Und das Allerwichtigste ist, dass ich der Welt nach zehn Jahren im Ausland nun nicht mehr als Amerikaner begegne – sondern als Weltbürger.

Und heute, während ich an einem Computer in Peru sitze und diesen Artikel schreibe, weiß ich, dass ich es zwar immer noch nicht bis nach Argentinien geschafft habe – dies aber ohne Zweifel bald schon werde nachholen können.

Dieser Blog erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Lukas Wahden aus dem Englischen übersetzt.

(amr)