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12/08/2018 12:53 CEST | Aktualisiert 12/08/2018 12:53 CEST

Weltreise mit 43: "Ich kündigte den Job und lebte 18 Monate aus dem Koffer"

Ich wollte die Orte kennenlernen, die kaum in den Top-10-Listen zu finden sind.

Kristin Amico
Kristin Amico in Indien

Ich bin traditionell erzogen worden. Mir wurde beigebracht, dass das Erwachsenenleben so abläuft: College, Job, Ehe, Haus und dann Kinder.

Ich war die erste in meiner Familie mit Hochschulabschluss. Ich habe ein Semester im Ausland studiert und danach in klassischen Bostoner Unternehmen im Marketing und in der PR gearbeitet. Ich wurde ein Profi, wenn es darum ging, Urlaubstage zu horten, um Reisen in Länder wie Marokko und Indien zu machen – Orte, für die man weit mehr als vier oder fünf Urlaubstage benötigt.

Mit 20 und auch noch mit 30 Jahren verbrachte ich mein Leben traditionell mit arbeiten und träumte doch tagsüber immer noch vom Abenteuer. Ich war unglücklich damit, jeden Tag ins Büro zu gehen. Aber ich ignorierte meinen Wunsch, einen unüblichen Weg einzuschlagen, weil es beängstigend und unverantwortlich schien.

40 Jahre und glücklich allein beim Wandern

Spulen wir vor zum Jahr 2014. Ich war ein kinderloser Single und feierte meinen 40. Geburtstag, während ich glücklich und alleine im Joshua Tree Nationalpark in Kalifornien wandern ging. In dieser Woche begann ich offiziell meine Reise von einem sesshaften Leben zu einem Nomadendasein.

Ich hatte mir in nur etwas mehr als zwei Jahren einen Notgroschen von 25.000 Dollar angespart, indem ich nur wenig Geld ausgab. Und ich hatte mir einen Plan zurechtgelegt, wie ich während meiner Reisen freiberuflich arbeiten konnte. Ich bin extrem gut organisiert, angesichts der vielen Jahre, die ich in der Geschäftswelt gearbeitet habe.

Ich dachte, ich sei gut vorbereitet

Als ich Anfang 2017 mein Sparziel erreicht und meinen Arbeitgeber über meinen Weggang informiert hatte, war ich zuversichtlich, so ziemlich jede Eventualität meines neuen Reiselebens bedacht zu haben. Ich hatte ein monatliches Reisebudget, eine Liste mit Wunschzielen in ganz Europa und Indien und unzählige gespeicherte Links zu Seiten mit Expertentipps und anderen Quellen, die mir unterwegs helfen sollten.

Wenn du googelst, “wie kündige ich meinen Job, um zu reisen”, bekommt man mehr als 110 Millionen Treffer. Eine wahre Fundgrube an Informationen, könnte man meinen.

Nach eineinhalb Jahren unterwegs habe ich allerdings gemerkt, dass die meisten Blogger, die länger unterwegs sind oder die USA verlassen haben, um digitale Nomaden zu werden, viel über die technischen Aspekte ihres Lebens reden. Also zum Beispiel darüber, wie man das schnellste WLAN findet.

Viele andere Alltagsprobleme aber lassen sie aus. Zum Beispiel, wie man neue Freunde findet, wenn man 43 ist und aus dem Koffer lebt.

So hatte ich mir das ungefähr vorgestellt

Mein Plan war, gemächlich durch Ost- und Westeuropa zu reisen und später durch Indien. Ich wollte mir ungefähr jeden Monat eine neue Stadt suchen, in der ich mich hoffentlich zuhause fühlen würde. Und ich wollte Orte kennenlernen, die kaum in den Top-10-Listen zu finden sind.

Kristin Amico
Amico in der ehemaligen Bobbahn in Sarajevo in Bosnien-Herzegowina.

Ich dachte, ich könnte mich mit anderen Von-Unterwegs-Arbeitern in schmucken Cafés oder in Co-Working Spaces treffen, um so Anschluss und eine Gemeinschaft zu finden.

Als einzige Frau in einem dubiosen Hostel

Ich begann meine Reise, indem ich mich einer Reisegruppe anschloss, um die weniger bekannten Ecken Osteuropas zu besichtigen. Danach fühlte ich mich bereit, alleine loszuziehen und machte mich für einen zweiwöchigen Aufenthalt auf den Weg nach Riga in Lettland.

Dort erlebte ich mein erstes Snafu (Situation Normal, All Fucked Up). Das Hostel, das ich gebucht hatte, wirkte eher wie ein Männergefängnis – ich war die einzige Frau an einem Ort, der nach kaltem Zigarettenrauch stank und an dem die dunklen Treppengänge von leeren Wodkaflaschen gesäumt waren.

Wie konnten so viele Fünf-Sterne Bewertungen auf “Trip Advisor” falsch sein?

► Das war meine erste Lektion, wenn es um das Reisen abseits des Massentourismus geht – glaube niemals den glänzenden Kritiken.

► Die nächste Lektion für die Weltreise war das, was ein Langzeit-Reisender, den ich traf, als “Verwaltungsaufwand” bezeichnete: Dinge von der Flugbuchung bis zum Entziffern von Zugplänen in Fremdsprachen.

Ich zerriss mein Liste mit den Reisezielen

Nachdem ich mich die ersten zwei Tage in meinem Hostel in Riga verschanzt hatte, verbrachte ich die nächsten zwei Tage damit, meine Wunschliste mit den Reisezielen zu zerreißen, meine Pläne umzuwerfen und mir Flüge, Züge und Unterkünfte durch Mitteleuropa bis zum Balkan zu buchen.

Eine Region, die ich noch nicht einmal auf dem Schirm hatte, bis die Leute auf meiner Tour anfingen von Bosnien, Serbien und Montenegro zu schwärmen. Ich fühlte mich der Gegend sofort verbunden und auch den Leuten, die ich traf.

Wo es das beste WLAN gibt

Wenn aber alles um einen herum immer neu und ungewohnt ist, kostet es viel Zeit, banale Dinge zu erledigen. Also einen Lebensmittelladen zu finden, Wäsche zu waschen (nicht an jeder Ecke gibt es einen Waschsalon) oder zahlreiche Cafés zu besuchen, um herauszufinden, welches guten Kaffee und schnelles Internet anbietet. Das bedeutet, jeden Tag mehrere Stunde Verwaltungsarbeit leisten.

Und Achtung, ich verrate es jetzt: 

► Abgesehen von ein paar Ausnahmen gibt es das bei weitem zuverlässigste und schnellste WLAN bei Ketten wie McDonald’s.

Von Bukarest bis Belgrad habe ich dort unzählige Stunden kampiert.

Mein Traum von Paris und der Reinfall bei Tinder

Nach einigen lohnenden, aber etwas einsamen Monaten in Osteuropa hatte ich einen einmonatigen Aufenthalt in Paris geplant – es war schon immer mein Traum, diese Stadt mein “Zuhause” nennen zu können, auch wenn es nur für kurze Zeit ist.

Freunde zu finden, war schwieriger, als ich es erwartet hatte. Und aus irgendeinem Grund hatte ich gedacht, dass es gerade hier einfacher wäre. 

Auf meiner Suche nach sozialem Anschluss entschied ich, Tinder auszuprobieren. Gut, wenn ich ehrlich bin, war ich auf der Suche nach etwas zwischen einem Date, oder wenigstens jemandem, mit dem ich ein Glas Rotwein trinken und mich unterhalten konnte und einem süßen Typen, der mich in seine kleine Wohnung einlädt.

Als ich noch in Boston gelebt habe, war mein Dating-Leben nicht existent. Hinzu kam, dass es schwierig ist, jemanden zu treffen, wenn man alle paar Wochen weiterzieht. Und ich tue das seit Anfang 2017. Das letzte Mal, als mich jemand nackt gesehen hat, war Barack Obama noch im Weißen Haus.

In Paris sollte sich das alles ändern, richtig? Falsch.

Es stellte sich heraus, dass französische Männer sich nicht anders verhalten als Amerikaner, wenn es ums Kennenlernen bei Tinder geht. Die meisten Antworten waren nicht länger als ein oder zwei Wörter. Wenn sie sich keine Mühe geben wollten, wollte ich das auch nicht. Wieder einmal löschte ich Tinder von meinem Handy.

Zu Hause wäre ich mit meinen Single-Freundinnen ausgegangen. Aber da ich Tausende Meilen entfernt war, nutzte ich mein Dating-Versagen als Vorwand, um meine Komfortzone zu verlassen.

► Anstatt zu Hause zu sitzen und Netflix zu schauen, suchte ich nach kostenlosen Veranstaltungen und Treffpunkten für Fremde. Irgendetwas, wo ich für einige Stunden wieder Englisch sprechen konnte, ohne mich schuldig zu fühlen, und wo ich andere abenteuerlustige Leute treffen konnte.

Einsamkeit und Verkehrschaos in Indien 

Erst in Indien verstand ich, was es heißt, einsam zu sein. Tausende Meilen entfernt von den Freunden, der Familie und von den Annehmlichkeiten seines eigenen Zuhauses.

Im Mai und Juni 2018 reiste ich durch Rajasthan und arbeitete währenddessen an einem Reiseführer. In dieser Zeit wurden in der Region die höchsten Temperaturen seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen. Morgens um zehn Uhr hatte es meist schon über 43 Grad. Und nicht alle Zimmer sind klimatisiert.

Meine Reise nach Südindien für ein Blogger-Projekt fiel mit der Monsunzeit zusammen. Stromausfälle waren an der Tagesordnung. 

Kristin Amico
Amico im indischen Jaipur.

Wenn ich nicht mit den Abgabezeiten zu kämpfen hatte, musste ich dafür sorgen, dass ich genügend Wasser und Snacks hatte, damit ich nicht auf die überteuerten Hotel- und Touristenrestaurants zurückgreifen muss. Trotz allem wollte ich mein Budget nicht sprengen. Aber selbst in den größeren Städten in Indien ist das nicht so einfach. Es gibt wenige kleine Geschäfte.

Und wenn du auf die Straße gehst, dann musst du mit Lärm, zickzack-fahrenden Autos, Tuk Tuks und Kühen rechnen. Es fühlt sich an, als wäre man im Videospiel “Frogger” gefangen. Weil es keine Stopp-Schilder und nur wenige Ampeln gibt, kann ein Spaziergang drei oder vier Häuserblocks weiter – nur um sich eine Flasche Wasser, Limo oder eine Mahlzeit vom Straßenhändler zu besorgen – locker 45 Minuten bis zu einer Stunde dauern. Viel Verwaltungsaufwand also.

Die Realität hat wenig mit den Fotos auf Instagram zu tun

Auch wenn dieses Abenteuer absolut unglaublich ist, so hat es doch wenig mit den schillernden Erfahrungsberichten auf den Instagram-Kanälen zu tun, wo junge Frauen mit Sommerhüten und wallenden Kleidern durch die Straßen flanieren.

Weil viele fälschlicherweise annehmen, ich hätte ein episches Indiana-Jones-Abenteuer erlebt, fühle ich mich nicht wohl dabei, mich vor den meisten meiner Freunde und meiner Familie zu Hause darüber zu beklagen. (Indiana Jones mag zwar gegen Schlangen gekämpft haben, aber vermutlich musste er sich nie in einem billigen Hotel in eine Ecke quetschen, die vor Ameisen nur so wimmelt, weil es nur dort Internetempfang gibt.

An manchen Tagen sind die Kunden schwierig, das Wetter fordert einen im biblischem Ausmaß, man findet keine Diät-Cola (mein einziges Laster) und man wünscht sich einen verständnisvollen Zuhörer. Seinem Unmut bei einem 15-Dollar-Cocktail oder einem - Dollar-Happy-Hour-Bier Luft zu macht, wie es täglich in US-Städten passiert, fühlt sich im Ausland falsch an und stinkt nach der Arroganz der Privilegierten.

Meine Freundschaft zu den Leuten, die ebenfalls häufig reisen, ist enger geworden. Sie verstehen, dass es weitestgehend kein schillernder Lebensstil ist. Es ist ein Leben mit ganz normalen Ansprüchen. Nur dass es sich eben zufällig in einer Stadt wie Belgrad abspielt und nicht in einem pastellfarbenen Büro in Boston.

Online-Freundschaften mit anderen Reisenden und Freiberuflern sind mittlerweile zu Freundschaften im echten Leben geworden. Ich habe mich mit den Gleichgesinnten und neugierigen Charakteren getroffen, die ebenfalls einen Rucksack einer Wohnung mit zwei Schlafzimmern vorziehen.

Ich kann eine wütende Kuh aufhalten

► Ich bin mir nicht sicher, wann diese Reise enden wird. Aber auch nachdem ich nun 18 Monate dieses Leben geführt habe, entdecke ich immer wieder neue Herausforderungen, die mich letztendlich zu einem viel stärkeren und unabhängigeren Menschen werden lassen.

Wenn ich eine wütende Kuh in Indien aufhalten kann, indem ich sie anstarre, dann kusche ich bestimmt nicht vor den Leuten, die mich in den Staaten wegen eines freien Platzes in einer überfüllten U-Bahn wegschubsen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt.

(sk)