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08/03/2019 11:47 CET | Aktualisiert 08/03/2019 11:47 CET

Weltfrauentag: Hört auf, mir mit euren Blumen zu meiner Vagina zu gratulieren

Aber wenn ich eine Rose bekomme, dann bitte aus Platin – damit das die Gehaltslücke zu Männern ausgleicht.

urbazon via Getty Images
Nett gemeint, aber leider fehl am Platz: Rosen zum Weltfrauentag.

Gerade auf dem Weg zur Arbeit ist mir einer Gruppe von Frauen entgegengekommen, alle verschmitzt lächelnd, mit einer Rose in der Hand. Blumenkinder auf dem Weg ins Büro? Oder hat der diesjährige Bachelor-Kandidat vielleicht ordentlich ausgemistet?

Nein, ich erinnere mich: Es ist Weltfrauentag. Und wie jedes Jahr hat anscheinend irgendein Supermarkt, ein Café, eine Marketingagentur oder wer auch immer sich gedacht, Rosen wären eine adäquate Geste, um Frauen Wertschätzung entgegenzubringen (ich stelle mir vor, wie eine Gruppe Männer zusammensitzt und überlegt: “Was mögen Frauen denn gerne?” – “Wenn Männer im Haushalt mithelfen?” – “Nee, ich glaub Blumen sind cooler.”)

Rosen sind gut – an jedem anderen Tag des Jahres

Bevor jetzt verunsicherte Männer (oder auch Frauen) wieder losschreien – “Was?! Erst darf ich keine Komplimente mehr machen, jetzt nicht mal mehr Blumen schenken?!” – kleine Gesten und Geschenke sind meistens nett. Jeder freut sich über Blumen, Schokolade, Nippes – alles schön und gut. An jedem Tag des Jahres.

Aber vielleicht gerade nicht ausgerechnet an dem, der als Anlass genommen werden sollte, um auf die nach wie vor herrschende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen hinzuweisen. 

► Immer noch verdienen Frauen hierzulande im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer. Damit hat Deutschland laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im europäischen Vergleich “eine der größten Verdienstlücken zwischen Männern und Frauen”.

► Immer noch übernehmen vorrangig Frauen Aufgaben im Haushalt. Auf die Frage “Wer putzt bei Ihnen zu Hause” antworteten in einer Umfrage von YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur 84 Prozent der Frauen mit “Ich selbst”. Bei den Männer betrug der Anteil lediglich 58 Prozent.

►  Neben ökonomischen Ungerechtigkeiten und veralteten Rollenbildern sollten wir auch nicht die Selbstverständlichkeit vergessen, mit der Frauen regelmäßig ungewünschte Berührungen oder blöde Sprüche erleben: Bei einer weitere Umfrage von YouGov im Auftrag der dpa gaben 43 Prozent der Befragten an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein.

Mehr zum Thema: Aktivistin: “Die Periode ist politisch – Zeit, das Tabu zu brechen”

Gratuliere, dass du mit einer Vagina geboren wurdest

Schöne, kitschige Gesten am Weltfrauentag, rote Rosen vom Italiener um die Ecke, jedes “Alles Gute zum Weltfrauentag”, das ich heute höre, täuschen leider nicht über einen Fakt hinweg, den ich schon längst weiß: Ich bin eine Frau, herzlichen Glückwunsch. Gratuliere dazu, dass du mit einer Vagina geboren wurdest. Danke, dass du alle Nachteile erträgst, die du deswegen erlebst. 

Und bevor jetzt irgendwer aus den hinteren Reihen wieder schreit: “Hör auf zu heulen! Frau-Sein ist nicht nur negativ!” Natürlich, das stimmt, Frau sein ist nicht nur schlecht – schließlich werden wir von sinkenden Schiffen mit als erstes gerettet, Türen werden uns aufgehalten und Drinks ausgegeben.

Aber wenn ich die Auswahl habe, möchte ich sagen: Anstatt euch bei mir mit Blumen zu bedanken, liebe Männer, sorgt doch dafür, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen genauso viel verdienen, im Haushalt genauso viel arbeiten, wie ihr. Dann kann ich mir meine Drinks auch selbst kaufen. Hat den Vorteil, dass ich meine K.O.-Tropfen dann auch selbst dosieren kann. 

Schenkt jedem Rosen, dem ihr wollt – ob Männern oder Frauen

Die Dankbarkeit für meine Leistungen würden wir Frauen wahrscheinlich lieber das ganze Jahr lang spüren – in Form von echter Wertschätzung. Und die wollen wir Frauen nicht, weil wir eure Dankbarkeit prinzipiell scheiße finden oder Blumen hassen oder Männer hassen oder Frau-Sein hassen. Sondern einfach nur, weil wir gerne auf Augenhöhe mit euch zusammenleben und euch genauso wertschätzen wollen. Unabhängig davon, was sich zwischen unseren Beinen befindet. 

Deswegen: Schenkt mir Rosen. Schenkt jedem Rosen, dem ihr Rosen schenken wollt. Schenkt auch jedem Mann, Bruder, Cousin zweiten Grades Rosen. Aber schenkt uns Frauen nicht Rosen, weil Weltfrauentag ist. 

(ll)