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08/03/2018 19:21 CET | Aktualisiert 09/03/2018 11:14 CET

Geschwister: Wie meine ältere Schwester unsere syrische Familie geprägt hat

Meine Schwester ist schuld daran, dass ich so bin, wie ich bin.

Im Video oben erzählt euch die Autorin, weshalb sie diesen Text geschrieben hat

Die Farbe meiner Shorts ist ein helles Rosa, das von tiefroten Streifen durchzogen wird.

Ich habe mir so fest auf die Unterlippe gebissen, dass sich ein eigenartiger Eisengeschmack in meinem Mund breitgemacht hat. Meine Arme habe ich hinter meinem Rücken versteckt.

► Ich bin zu spät nach Hause gekommen und befinde mich vor dem mütterlichen Tribunal.

Meine ältere Schwester steht direkt neben mir und redet. Ich verstehe nur Schnipsel davon, weil mein kindlicher Verstand auf Hochtouren daran arbeitet, das umzusetzen, was sie mir sagte, während wir hastig nach Hause liefen: “Bleib einfach ruhig und tu so, als wäre nichts.“

Diese Order führte ich mit derselben Hingabe und Präzision eines Hirnchirurgen aus. Dachte ich jedenfalls. Denn meine Mutter schien irgendwie nicht auf mein ausgebufftes Schauspiel reinfallen zu wollen.

Meine Schwester übernimmt das Ruder

Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ihr die Antwort “Spazieren“ als nachmittagsfüllende Aktivität zu simpel klang oder die an meinen Armen und Beinen entlang rinnenden Blutbahnen nicht zur Aussage passten.

Leider war mir vor dem Aufruf in den Zeugenstand keine Zeit mehr geblieben, um die Spuren des Tathergangs zu verwischen. In Anbetracht der erdrückenden Beweislast sah sich meine Schwester letztlich dazu gezwungen, mit der Justiz zusammenzuarbeiten.

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Sie erzählte meiner Mutter, dass wir auf einem Friedhof rumgespielt hatten und versucht hatten, Blumen von einem Grab zu klauen.

Als der zuständige Hausmeister das sah und sich schnellen Schrittes näherte, kam meiner Schwester die zündende Idee, über den angrenzenden Stacheldrahtzaun zu flüchten.  

Leider war ich im Gegensatz zu meiner Schwester und ihrer Freundin zu klein und zu schwach, um über den Zaun zu klettern.

Daraufhin hatte meine Schwester beschlossen, dass ein etwa 20 Zentimeter großes Loch im Zaun ausreichte, um ein vierjähriges Kind dadurch zu ziehen.

Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit vs. arabisches Frauenbild  

Viele meiner Erinnerungen tragen die Handschrift meiner älteren Schwester. 

Meine Schwester zwang mich immer dazu, Sachen zu hinterfragen und nicht sofort aufzugeben.

In einigen Dingen war sie sogar strenger als meine Mutter. Als ich einmal besoffen nach Hause kam, obwohl ich am nächsten Tag arbeiten musste, erteilte mir meine Schwester den größten Einlauf meines Lebens.

Dagegen erschienen die damaligen Versuche meiner Mutter, mich zurecht zu weisen, wie Belehrungen aus der Sesamstraße.

Dass ich damals frei und liberal aufgewachsen bin, geht vor allem auf das Konto meiner Schwester.

Sie hat sich den Weg frei diskutiert und meine Eltern in vielen Dingen zum Umdenken gezwungen, obwohl diese schon sehr liberal eingestellt waren.

Meine Schwester hatte immer das letzte Wort

Im Grunde genommen gleicht meine ganze Familie einem Wunschkonzert meiner Schwester.

Als sie keinen Bock mehr hatte, Einzelkind zu sein, wünschte sie sich einen kleinen Bruder und dann eine kleine Schwester und dann noch einen kleinen Bruder.

Selbst noch ein Kind, stellte sie sich anstelle meiner Mutter an den Wickeltisch und bereitete unsere Fläschchen zu.

Weil meine Schwester früher als wir in die Schule kam, erhielt sie durch den dortigen Austausch mit ihren Schulfreundinnen schneller Zugang zur deutschen Gesellschaft als meine Eltern.

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Durch ihre kindliche Art, die Dinge als gegeben zu betrachten, brachte sie uns deutsche Traditionen mit so einer Selbstverständlichkeit bei, als würde man hinter den Grenzen Deutschlands direkt von der Erde fallen.

Integration durch die Familie

Erst durch meine Schwester habe ich beispielsweise Bibi Blocksberg kennengelernt.

Denn während meine Mama mich mittels arabischer Schlaflieder in den Schlaf sang, bevorzugte meine Schwester das Ritual, ihre Lieblingskassetten abzuspielen, wenn sie uns bettfertig machte.

Das führte dazu, dass meine Geschwister und ich die Regel aufstellten, dass alles, was meine ältere Schwester tat und für gut befand, auch für uns galt.

Dies übertrugen wir automatisch auch auf alle anderen Menschen in unserer Umgebung.

Als Kind irritierte es mich beispielsweise zutiefst, wenn die Kinderzimmer der Freunde meiner Schwester nicht mit “Caught In The Act”-Postern zugepflastert waren.

Selbstverständlich war ich auch in der Lage, jeden “Caught In The Act”-Song mitzusingen, ohne ein Wort Englisch zu sprechen oder zu wissen, warum Benjamin Boyce & Co. bauchfrei auf Viva tanzten wie Primaten auf LSD.

► Die ganze Nachmacherei fand allerdings ihr jähes Ende, als ich in der Pubertät zum Parade-Kotzbrocken mutierte.

Anders als meine Schwester fand ich Rockmusik und alles toll, was mit Ablehnung und Rebellion zu tun hatte.

Meine Schwester, inzwischen zum Studieren aus dem Elternhaus gezogen, musste im Zuge dieser Veränderung viele sorgenvolle Anrufe meiner Mutter über sich ergehen lassen.

Als ich einst nicht von einem “DVD-Abend“ zurückkehrte – ich befand mich bis in die frühen Morgenstunden auf einer zugekifften Jamsession in einem Keller irgendwo in der Nachbarstadt – reagierte ich erst auf den 49. Anruf in Abwesenheit. Er stammte, anders als die 48 davor, von meiner Schwester.

Verwirrung im Großstadtdschungel

Aufgrund meiner Zuhause angezettelten Dauer-Mini-Revolution, glaubte ich, ganz anders als meine Geschwister zu sein. Ich freute mich auf mein Abitur, weil ich danach endlich ein Leben gemäß meines Möchtegern-Freigeists leben konnte.

Mit dem Schulabschluss in der Tasche fühlte ich mich unglaublich frei und erwachsen. Wie weit Annahme und Tatsache auseinanderlagen, merkte ich erst, als ich meinen Studienort auswählte.

All die Jahre charakterlicher Reifung verabschiedeten sich innerhalb von Millisekunden, als ich mich an der Uni Bonn einschrieb. Wie von Zauberhand, wählte ich zwischen all den Zusagen für mein Germanistik-Studium genau diese Stadt aus.

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Eigentlich hatte ich mich dazu entschlossen, nach Münster zu ziehen. (Im Nachhinein bin ich froh, nicht in die langweiligste “Metropole“ Westfalens gezogen zu sein.)

Die Uni Bonn habe eine guten Ruf und die Größe der Stadt sei gut für den Anfang, rechtfertigte ich meine Entscheidung vor meinen Freunden.

Insgeheim wusste ich, dass ich Bonn ausgewählt hatte, weil Köln nur ein Katzensprung entfernt war und den damaligen Studienort eines Menschen darstellte, von dem ich dachte, dass er keine Rolle mehr in meinem Leben spielen würde: von meiner Schwester. 

► Im Großstadtdschungel half mir meine Schwester tatsächlich wieder, die Orientierung zu behalten.

Ohne sie wäre ich nicht hier

Das machte sie, indem sie mich oft bis zur Grenze meiner Belastbarkeit damit nervte, alles besser zu wissen. Gnadenlos setzte sie mich Situationen aus, in denen ich lieber meinen Kopf in den Sand gesteckt hätte.

Als wir in eine WG in Köln zusammenzogen, ließ sie mich beispielsweise ausnahmslos alle Behördengänge machen, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie ich von mir Zuhause zum nächsten Rewe kam. Und in Köln wimmelt es nur so von Rewes.

Meine Schwester hat mir ein unabhängiges und starkes Frauenbild vermittelt, indem sie sie selbst war.

► Sie hat das Klischee der devoten arabischen Frau erfolgreich dekonstruiert und mich mit reingezogen.

Denn ohne meine Schwester wäre ich nicht hier und ohne meine Schwester würden diese Zeilen nicht geschrieben worden sein.