POLITIK
07/03/2019 23:44 CET

Weltfrauentag: Keinen Bock auf Feminismus? Nach diesen Zahlen schon

Auf den Punkt.

dpa
Weltweite Proteste zum Internationalen Frauentag.

Am heutigen Tag, den 8. März, findet zum 100. Mal der Internationale Frauentag statt. Weltweit nehmen Menschen diesen Tag zum Anlass, um für die Gleichstellung der Geschlechter einzutreten.

Klar, in den vergangenen Jahrzehnten hat sich einiges getan. Frauen wählen, machen Karriere, sie sind emanzipiert. Ihr habt es also satt den x-ten Text zur Gleichberechtigung von Frau und Mann zu lesen?

Tja, wir haben satt, wie es auch nach hundert Jahren Frauenwahlrecht um die Gleichstellung in Deutschland bestellt ist. Warum weiterhin akuter Handlungsbedarf herrscht – davon zeugen die folgenden Zahlen und Fakten.

Weniger Frauen in der Politik

Nach der Bundestagswahl 2017 hat sich in Deutschland nicht nur die Parteienlandschaft verändert. Seit dem Einzug der AfD und dem Wiedereinzug der FDP ist der Frauenanteil im Parlament gesunken.

► 31 Prozent zeugen von einem “unterdurchschnittlichen Anteil an Parlamentarierinnen”, wie es in einer Studie der Heinrich Böll-Stiftung heißt. Von insgesamt 709 Abgeordneten stellen 490 Männer – nur 219 sind Frauen

Wie drastisch sind diese Zahlen? 

In der vorherigen Legislaturperiode lag der Frauenanteil noch bei 37 Prozent. So gering wie jetzt fiel der Frauenanteil zuletzt im Jahr 1998 aus. 

► Als einen Grund für den Rückgang macht die Stiftung aus, dass durch AfD und FDP das Parlament noch stärker von “männlich geprägten Mitte-rechts-Parteien” vertreten wird.

Wie unterschiedlich der Frauenanteil innerhalb der Parteien im Bundestag verteilt ist, zeigt eine Grafik der Heinrich Böll-Stiftung:

  • Deutlich die Nase vor allen anderen Parteien haben demnach die Grünen mit einem Frauenanteil von 58,9 Prozent.

  • An zweiter Stelle steht die Linke, die einen weiblichen Anteil von 53,6 Prozent in ihren Reihen hat.

  • Die SPD wird zu 41,8 Prozent von Frauen repräsentiert.

  • Bei den übrigen Parteien folgt ein starker Abfall des Frauenanteils: Die FDP steht mit 31,8 Prozent vor der CDU mit 20,5 und der CSU mit 17,4 Prozent.

  • Den deutlich geringsten Frauenanteil hat die AfD mit lediglich 10,9 Prozent.

Wo steht der Bundestag im internationalen Vergleich?

► Weltweit sind nur in Ruanda, Kuba und Bolivien die Parlamente mit mehr Frauen als Männern besetzt – Deutschland liegt derzeit ziemlich abgeschlagen auf Platz 47.

► Auch im Vergleich mit anderen EU-Ländern schneidet der deutsche Bundestag mittelmäßig ab. Spitzenreiter sind Schweden mit 43,6 und Finnland mit 42 Prozent Frauen.

► Von den 28 EU-Staaten haben nur zehn gesetzliche Regelungen zur Geschlechterparität in ihren nationalen Parlamenten. 

 

Soweit die Politik. Aber wie weiblich sind deutsche Unternehmen?

Wenige weibliche Chefs

Ein geringer Frauenanteil ist nicht nur ein Problem politischer Berufsfelder. Auch in den Vorständen deutscher Unternehmen zeigt sich die Benachteiligung von Frauen bei der Besetzung von Führungspositionen.   

► Nach wie vor ist nur jede sechste Position in der obersten Führungsriege bei Mittelständlern mit einer Frau besetzt. Laut einer Analyse der Förderbank KfW wurden 2017 nur 15,4 Prozent der Firmen von einer Frau geführt.

Demnach nimmt der Anteil der Mittelständler mit weiblicher Spitze sogar ab: Ein Jahr zuvor war noch bei 16,4 Prozent der rund 3,7 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen eine Chefin angestellt.

► Das ist immer noch weiblicher als die Vorstände der börsennotierten Unternehmen in Deutschland: Trotz der Einführung einer Frauenquote im Jahr 2017 finden sich dort nur 15 Prozent Frauen, wie eine Umfrage der Wirtschaftsprüfgesellschaft Ernst & Young ergab.

Der Gender-Pay-Gap

Frauen sind nicht nur in den Führungsriegen deutlich unterrepräsentiert, sie bekommen im Schnitt auch weniger Gehalt als Männer.

► Mit aktuell 21 Prozent hat Deutschland laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im europäischen Vergleich “eine der größten Verdienstlücken zwischen Männern und Frauen”.

► Ende 2017 lag das mittlere Einkommen von vollzeitbeschäftigten Frauen laut Bundesagentur für Arbeit bei 2920 Euro brutto, das der Männer bei 3372 Euro brutto.

Tradierte Rollenbilder: Noch 1977 mussten deutsche Frauen eine Erlaubnis ihres Mannes vorweisen, um arbeiten zu dürfen. Absurd genug. Doch obwohl Frauen seither immer häufiger erwerbstätig werden, kümmern sie sich weiterhin mehr um Kinderbetreuung und Hausarbeiten als Männer.

Auf die Frage “Wer putzt bei Ihnen zu Hause” antworten in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die Deutsche Presse-Agentur 84 Prozent der Frauen mit “Ich selbst” – aber nur 58 Prozent der Männer.

Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit: Frauen üben also häufiger unbezahlte Arbeiten aus. Um diese überhaupt zu bewerkstelligen, verzichten viele Frauen auf eine Vollzeitstelle, wie aus einer DIW-Studie hervorgeht. 48 Prozent der abhängig beschäftigten Frauen arbeiten in Teilzeit – nur elf Prozent sind Männer.

Niedrigere Stundenlöhne: Dies wirkt sich natürlich auf das Endgehalt und die spätere Altersvorsorge aus, da Teilzeitarbeit meist auch mit einem niedrigeren Stundenlohn einhergeht. Die Argumentation, dass Männer weniger im Haushalt arbeiten, weil sie im Gegenzug häufiger Erwerbsarbeiten nachgehen, lässt DIW-Genderökonomin Aline Zucco nicht gelten:

Während laut Studie die Erwerbsbeteiligung von Frauen seit Jahren konstant steigt, bleibt die Beteiligung von Männern an Hausarbeit und Kinderbetreuung auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau.

► Die Forscherin stellt aber fest, dass die Lohnlücke auch berufsspezifisch zu betrachten ist. Bei Berufen, die typischerweise häufiger von Frauen ausgeübt würden, wie zum Beispiel Gesundheitsberufe, sei die Lohnlücke niedrig. Besonders groß seien die Gehaltsunterschiede in Branchen, in denen jeweils ungefähr gleich viele Männer und Frauen arbeiten. 

Gender Pricing: Frauen zahlen mehr 

Und wenn ihr dachtet, mehr Ungleichheit geht nicht, dann lasst uns noch einen Blick auf die Preisdiskriminierung werfen. Ob Parfüm, Rasierer oder Schaum, Frauen müssen laut einer Untersuchung der Verbraucherzentrale Hamburg für nahezu gleiche Produkte oft sehr viel mehr zahlen als Männer.

► Wie die “Welt” berichtet, fand die Verbraucherzentrale bei elf untersuchten Rasierprodukten für Frauen einen Preiszuschlag von im Durchschnitt 38 Prozent im Vergleich zum Männerprodukt.

► Auch eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2017 nahm laut der Zeitung 1682 nahezu identische Produkte in den Blick. Das Ergebnis: 3,7 Prozent (62 Produktvarianten) unterschieden sich im Preis. Während 2,2 Prozent der Frauenprodukte teurer ausfielen, waren es bei jenen für Männer 1,4 Prozent.

► Auch bei weiteren Frauen-Hygieneartikel, wie Tampons und Binden werden Frauen nach Ansicht des CDU-Familienpolitikers Marcus Weinberg benachteiligt. Für diese Produkte falle der hohe Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent an.

Weinberg beklagte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur:

Damenhygiene gehört zum Grundbedarf von 50 Prozent der Bevölkerung und wird besteuert wie ein Luxusartikel. (...) Das ist eine Benachteiligung von Frauen, die wir abschaffen sollten. Daher lasst uns über die Reduzierung der Mehrwertsteuer für Tampons, Binden und ähnliches sprechen.”

Frauen sind öfter von Armut bedroht

All die oben genannten Fakten ziehen herbe Konsequenzen nach sich. So sind Frauen in Deutschland häufiger von Armut bedroht als Männer.

► Nach Angaben des europäischen Statistikamts Eurostat waren 2017 in Deutschland rund 7,1 Millionen Frauen und 6,1 Millionen Männer armutsgefährdet (17,1 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer).

► Darauf machte jüngst die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann aufmerksam. Als armutsgefährdet gelten Personen mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens.

► Der Anteil der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen im Niedriglohnbereich ist laut Bundesagentur für Arbeit deutlich höher als der der Männer: Waren Ende 2017 27,1 Prozent der Frauen in Vollzeit betroffen, waren es nur 16,2 Prozent der Männer.

Wir müssen handeln

Anstatt sich also einmal im Jahr auf die Schulter zu klopfen, muss uns bewusst sein, dass die Gleichstellung eine Aufgabe ist, die uns nicht nur am heutigen Tag traktiert. 

Angesichts der Zahlen wird deutlich, dass noch ein weiter Weg bis zum Erreichen der vollständigen Gleichberechtigung von Frau und Mann vor uns liegt. Statt nur darüber zu sprechen oder es gar schönzureden, müssen wir endlich handeln.

Nicht nur heute. Sondern an jedem einzelnen Tag des Jahres. 

Mit Material der dpa.

(jg)