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17/02/2019 16:03 CET

Das große Heulen: Was tun, wenn der Partner plötzlich weint? Experten geben Rat

“Andere Menschen weinen zu sehen, lässt uns selten völlig kalt”

fizkes via Getty Images
“Wenn sie weinen, brauchen viele Frauen eine schwierige, ganz individuelle Mischung aus Empathie und Perspektiven.”

Gefühle zeigen fällt nicht jedem Menschen leicht – zu hoch ist doch die Gefahr, dass andere sich in emotionalen Situationen überfordert fühlen oder uns gar für unsere Gefühlsausbrüche verurteilen. Während ein strahlendes Lächeln oder schallendes Lachen positiv wahrgenommen werden, reagieren wir bei negativen Regungen wie Weinen oft hilflos. 

Weil uns der eigene Partner natürlich mit am nächsten ist, ist er häufig bei uns, wenn der emotionale Staudamm bricht und wir unseren Tränen freien Lauf lassen. Jedoch sind gerade viele Männer – und wohl auch manche Frauen – mit ihren weinenden Partnern oft überfordert. Sie fühlen sich hilflos und reagieren sogar verständnislos und genervt. 

Deswegen haben wir von der HuffPost bei Paar-Experten und erfahrenen Tröstern nachgefragt: Wie geht man eigentlich am besten mit seinem weinenden Partner um?

Männer sind häufig überfordert, wenn die Partnerin weint

Jeder Mensch weint anders – während die einen leise vor sich hinschluchzen oder gar reglos Tränen vergießen, geben andere wahre Sturzbäche von sich. Auch gibt es beim Weinen tendenziell Unterschiede zwischen Frauen und Männern: Während Frauen laut einer Studie der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) wesentlich häufiger, länger und und heftiger die Tränen fließen lassen, sind Männer in dieser Hinsicht eher zurückhaltend und weinen seltener.

Wohl auch deswegen sind Männer häufiger überfordert, wenn die Partnerin weint, als umgekehrt. So empfindet das wohl auch Theresas Freund. Sie sagt im Gespräch mit der HuffPost über ihn: “Wenn ich weine, ist mein Freund oft hilflos und sagt mir, ich solle nicht weinen.”

Die 25-jährige Studentin überkommt es mehrmals am Tag. “Am schlimmsten ist, wenn ich weiß, dass ich eigentlich nicht weinen sollte, weil es meinen Freund so sehr stresst.”

Mehr zum Thema: Job: So solltet ihr damit umgehen, wenn ihr im Büro weinen müsst

”Dabei ist Trösten ganz einfach”, sagte Theresa. “Alles, was man braucht, ist jemand, der einfach nur da ist.” 

Doch “einfach Dasein” fällt den überforderten Partnern nicht leicht. 

Weinende Menschen zu trösten, kann so einfach sein – und so schwer

“Andere Menschen weinen zu sehen, lässt uns selten völlig kalt”, sagt die Paartherapeutin Manuela Komorek zur HuffPost. Das trifft wohl auf beide Geschlechter zu. Besonders, wenn es um den eigenen Partner geht.

Beim Trösten verhalten sich Frauen und Männer oft unterschiedlich: “Frauen spüren oft intuitiv, was sie tun müssen, wenn jemand weint”, sagt die Paartherapeutin Christiane Salomon aus Remscheid zur HuffPost. Eine weinende Freundin in den Arm zu nehmen, ist für sie meist eine Selbstverständlichkeit.

So ist es auch für Clara: Die 26-Jährige ist Theresas beste Freundin, wohl auch weil Theresa besonders oft Trost bei ihr findet. Weil Clara ihr einfach am besten helfen könne.

″Über die Jahre bin ich sehr gut im Trösten geworden. Dabei ist es meiner Erfahrung nach immer unterschiedlich, was Weinende brauchen.  Von Situation zu Situation und von Mensch zu Mensch”, sagt Clara zur HuffPost. “Wenn sie weinen, brauchen viele Frauen eine schwierige, ganz besondere Mischung aus Empathie und Lösungsvorschlägen, habe ich gemerkt.

Sie warnt, dass viele Männer den Fehler machen, verhindern zu wollen, dass ihre Partnerinnen weinen. Das kann sich für die Frau dann so anfühlen, als würde der Partner ihnen ihre Gefühle nicht zugestehen.

Ihrer Erfahrung nach sei es am besten, einfach zu fragen, warum es dazu kommt. Auch Körperkontakt helfe oft. Bei besonders hysterischem Weinen sei ruhiges Atmen wichtig. 

“Viele Weinende atmen nach einiger Zeit dann im gleichen Tempo und beruhigen sich”, sagt Clara.

Männer sind mit weinenden Frauen oft überfordert

Im Gegensatz zu Clara wissen Männer oftmals nicht, wie sie sich angesichts des Gefühlsausbruchs einer ihnen nahestehenden Frau verhalten sollen. Salomon erklärt: “Männer machen oft den einen gravierenden Fehler, das Problem ihrer weinenden Partnerin lösen zu wollen. Dabei weinen Frauen oft einfach, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.” 

So sollen überforderte Männer laut Salomon vor allem Ruhe ausstrahlen, der Partnerin in die Augen schauen, gar nicht so viel sprechen, nicken, sie gegebenenfalls in den Arm nehmen ab und zu beruhigend zustimmen.

Komorek rät vor allem tröstenden Männern, sich bewusst mit ihren eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen und sich selbst zu fragen: “Was macht es mit mir, dass meine Frau oder Freundin weint? Fühle ich mich schuldig, ohnmächtig, provoziert oder bin ich selbst traurig und möchte am liebsten mitweinen?”

Erst wenn man sich seiner eigenen Gefühle bewusst sei, könne man angemessen reagieren, meint Komorek: “Ich kann mich dann entweder entschuldigen, genauer nachfragen, ob ich etwas für sie tun kann oder wirklich mitweinen.”

Weinen ist nicht schlimm

Es kann auch hilfreich sein, sich einmal bewusst zu machen, dass Weinen an sich eigentlich nicht schlimm ist. So rät auch Sabine Weiss, Paar-Therapeutin aus Österreich, überforderten Partnern, sich zu vergegenwärtigen, dass Weinen an sich “nichts Tragisches” sei. “Im Grunde passiert dabei nix. Das Gesicht wird halt nass”, sagt sie der HuffPost.

Auch Theresa sagt: “Männer bewerten Tränen manchmal einfach über.”

Weiss erklärt, dass besonders viele Männer beim Anblick der Tränen sofort die Probleme ihrer Partnerin lösen wollten, aber im Grunde hilflos seien.

Das versetzt weinende Menschen in Stress. Lösungsvorschläge brauchen sie überhaupt nicht. Die sind erst eine halbe Stunde später nützlich, wenn sie aufgehört haben, zu weinen.”

“Starke Emotionen dauern nie länger als 15 Minuten”

Paaren, die im Streit weinen, rät sie, die Diskussion zu unterbrechen, bis sich die Wogen geglättet haben. “Es geht ja wieder vorbei”, sagt auch Theresa. “Nach einer gewissen Zeit hat man gar keine Kraft mehr zu weinen und ist einfach zu erschöpft.

Komorek bestätigt: “Starke Emotionen dauern nie länger als 15 Minuten.”

Nach dem Weinen kann dann darüber gesprochen werden, welche Art der Unterstützung sich der andere wünscht, meint die Expertin. Dann gilt es, gut zuzuhören und zu entscheiden, ob man diese Unterstützung geben kann und will.

Weiterhin rät Komorek, dass wenn es wunde Punkte in einer Beziehung gibt, also Themen, die immer wieder zu Tränen führen, man den Gesprächen einen anderen Rahmen geben sollte: “Gemeinsame Spaziergänge eignen sich besonders gut. Da kochen die Emotionen meist nicht so stark hoch.”

Doch wenn jemand regelmäßig und wegen Kleinigkeiten weint, rät Komorek zu professioneller Hilfe oder Therapie.

“Männer brauchen auch jemanden, der sie hält”

Dass Männer und Frauen sich allerdings ganz ähnlich verhalten, wenn sie weinen müssen, glaubt auch Clara – und dann wünschen sich auch beide dieselbe Art von Unterstützung: “Männer brauchen auch jemanden, der sie hält. Vielleicht muss man weniger sagen als bei Frauen. Und meistens sprechen sie danach weniger darüber.” Doch am Ende gehören sie dazu.

Tränen lassen sich nicht immer zurückhalten – und das muss auch nicht sein. Lieber sollten wir, vor allem in einer Paarbeziehung, zu unseren Gefühlen stehen und ihnen freien Lauf lassen, solange wir dem anderen nicht schaden. Auch wenn voreinander Weinen erst einmal befremdlich für beide Partner sein kann: Am Ende ist es nur eine Art der Kommunikation, Tränen fließen zu lassen, sagt Komorek. “Je mehr Raum für Tränen ist, desto heilsamer sind sie für ein Paar.” 

(kiru)