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14/07/2018 14:55 CEST | Aktualisiert 14/07/2018 15:03 CEST

Wegen ihres Kopftuchs durfte meine Schwester nicht ins Fitnessstudio

Wenn ein Hidschab für Olympioniken erlaubt ist, wieso dann nicht auch in deutschen Fitnessstudios?

Malika Fachrou
Um sich trotz ihrer Behinderung fit zu halten, trainiert die 21-jährige Fatima aus Düsseldorf regelmäßig im Fitnessstudio.

Mittwochabend: Mein Telefon klingelt, ich schaue auf mein Display: meine nervige kleine Schwester ruft an. Was sie wohl wieder möchte? Sie ruft mich doch immer nur an, wenn sie gerade etwas von mir braucht, dachte ich mir.

Wie richtig ich mit meiner Annahme lag, war mir da noch nicht bewusst.

“Hey, kannst du mir helfen, eine Kündigung für mein Fitnessstudio zu schreiben?“, sagt die piepsige, traurige Stimme am anderen Ende der Leitung und bringt mich aus der Fassung.

Was hat Fatima bewegt, ihr geliebtes Studio zu verlassen? Und mehr: Was ist der Grund für ihr Betrübnis?

Meine Schwester sitzt seit jeher im Rollstuhl. Um Muskeln aufzubauen und sich fit zu halten, geht sie regelmäßig in ein Fitnessstudio in unserer Heimatstadt Düsseldorf. 

Sie benutzt dort dazu unter anderem ein behindertengerechtes Indoor-Fahrrad. Nach dem Training steht ihr außerdem ein spezieller Duschstuhl zur Verfügung. Zumindest bis vor Kurzem.

Denn da verschwanden plötzlich sowohl das Fahrrad als auch der Duschstuhl – ohne dass jemand meine Schwester darüber informierte oder Auskunft geben konnte, was damit geschehen war. 

Als im Dezember 2017 aus “Fitness First“, “Fitnessloft“ wurde, änderte sich nicht nur der Name, sondern auch die Regeln des Studios. Ein Verbot für Kopfbedeckungen sollte nun für alle Trainierenden gelten – angeblich, weil sie ein Sicherheitsrisiko darstellen.

► Dazu zählen auch Kopftücher, wie meine Schwester Fatima sie trägt.

Kopftuchverbot im Fitnessstudio: Wie sinnvoll ist das?

Tatsächlich wurde Fatima jedoch erst Anfang Juli auf diese Änderung aufmerksam gemacht. Sie hatte eigentlich nur ihre Bankverbindung im Vertrag ändern wollen, als eine Mitarbeiterin sie ansprach: 

Ist der Vertrag deiner? So wie du gekleidet bist, darfst du hier nicht trainieren!”

Für Fatima war klar, dass sich die Mitarbeiterin nicht auf die Jeans und den Pulli, die sie trug, bezog. Es ging um ihr Kopftuch. 

Im Jahr 2013 hatte es einen Rechtsstreit zwischen einer Muslima und einem Studio gegeben, weil der Frau die Teilnahme am Fitnesstraining ebenfalls verwehrt wurde, weil sie ein Kopftuch trug.

Das Landesgericht Bremen hat in diesem Fall zu Gunsten des Fitnessstudios entschieden: Der Hidschab darf aus Sicherheits- oder Hygienegründen verboten werden. Bundesweit gilt jedoch weiterhin: Jeder Fall wird individuell betrachtet.

Und jedes Fitnessstudio entscheidet selbst, ob es diese Regelung einführt.

Mehr zum Thema: Warum wir nie mehr über das Kopftuch sprechen sollten

Nach der Argumentation der Studios bedeutet mehr Fläche mehr Gefahr. Folgt man dieser Logik, könnten jedoch auch lange Haare ein gewisses Gefahrenpotential bergen. Offen getragene lange Haare können sich zum Beispiel in Geräten verheddern.

Diese werden jedoch in den Nutzungsbedingungen des Fitnessloft nicht ausdrücklich verboten. 

Wenn von “Kopfbedeckungen” im Fitnessstudio gesprochen wird, schießt jedem regelmäßigen Fitnessstudio-Besucher das Bild des jungen, testosterongeladenen Hechts vor Augen, der mit weit übers Gesicht gezogener Kappe und großen Beats-Kopfhörern seine Gewichte stemmt.

Ein gängiges Bild in vielen Fitnessstudios – nur in wenigen Fällen werden diese Herren gebeten, ihre Kappe abzulegen.

Im Profisport sind Hidschabs längst in den Alltag integriert 

Darüber hinaus: Wagt man, mal über sein Fitnessloft-Düsseldorf-Mäuerchen zu blicken, erkennt man schnell, dass der Hidschab im internationalen Sport längst in den Alltag integriert ist.

Eines der zahlreichen Beispiele ist Ibtihaj Mohammed. Die 32-jährige Muslimin aus den USA ist Säbelfechterin und hat mit Kopftuch an den Olympischen Spielen teilgenommen – unversehrt.

Wenn in internationalen Arenen, wie bei den Olympischen Spielen, ein Hidschab für Hochleistungssportlerinnen erlaubt ist, inwieweit ist diese Begründung von deutschen Fitnessstudios dann gerechtfertigt?

Wenn ein Sportkonzern wie Nike Kopftücher anfertigt, die speziell für Hochleistungssport geeignet sind, inwieweit stellt dieses atmungsaktiv Stück Stoff auf dem Kopf in kleinen Studios, wo Trainierende eher alltägliche Übungen wie Sit-ups machen, eine tatsächliche Gefahr dar?

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Hamad I Mohammed / Reuters
Die Läuferin Ruqaya Al Ghasra startete 2008 bei den Olympischen Spielen in Beijing für Bahrain.

Wer soll durch das Kopftuchverbot eigentlich geschützt werden? 

Nachdem wir den Vorfall via Facebook an die Öffentlichkeit gebracht haben, hat das Fitnessstudio meine Schwester kontaktiert. Ein Mitarbeiter sagte ihr, dass das Personal hinsichtlich des Kopftuchverbots eine Ausnahme gemacht habe (deswegen wusste Fatima wohl auch nicht, dass es das Verbot überhaupt gibt).

Die Mitarbeiterin, die sie an jenem Tag angesprochen habe, sei jedoch davon nicht in Kenntnis gesetzt worden.

Wenn das Kopftuchverbot jedoch mit der “Vorbeugung von Unfällen und zum Erhalt der körperlichen Unversehrtheit” begründet wird, wieso wurde dann für meine Schwester eine Ausnahme gemacht? Wieso wurde sie nicht auf die angebliche Gefahr hingewiesen?

Vielleicht, aber nur vielleicht, sollten wir mal in uns gehen und ehrlich zu uns sein: Ist es wirklich die Kundin selbst, die wir mit einem Kopftuchverbot vor möglichen Gefahren schützen möchten? Wer soll hier wovor geschützt werden?

Malika Fachrou
In dieses Fitnessloft will Fatima keinen Fuß mehr setzen.

Anmerkung der Redaktion: Das Fitnessstudio hat sich inzwischen auf Facebook zu den Vorwürfen geäußert. Der Duschstuhl sei nun doch aufgetaucht und auch beim Fahrrad würde man “versuchen, dies zu finden oder alternativ ersetzen“. 

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels hat Fatima nach eigener Aussage jedoch noch keine Entschuldigung von Seiten des Studios erhalten.

Sie hat darum beschlossen, ihre Mitgliedschaft im Fitnessloft zu beenden und möchte das Studio auch bis zum Auslaufen des Vertrages nicht mehr betreten.

Derzeit ist sie auf der Suche nach einem neuen Studio, einem, das sie als die starke Frau sieht, die sie ist, und ihr die Freiheit gibt, sich anzuziehen, wie sie möchte.

(amr)