POLITIK
17/01/2018 16:25 CET | Aktualisiert 17/01/2018 16:57 CET

Wegen der Arroganz des Jobcenters verliert ein 64-Jähriger jetzt sein Haus

“So ein Fall ist mir in meiner ganzen beruflichen Laufbahn noch nicht untergekommen."

Adam Lister via Getty Images
Das Geld kam zu spät: Durch seine Armut konnte Engel monatelang nicht die Raten für sein Haus zahlen.
  • Helmut Engel konnte ein Jahr lang weder einkaufen gehen noch seinen Strom bezahlen – jetzt wird er wohl sein Haus verlieren
  • Das Jobcenter verlor vor Gericht - gesteht aber keine Schuld ein

 45 Jahre arbeitete Helmut Engel auf dem Bau. Doch irgendwann ging es nicht mehr. Schuld war Engels Gesundheit. Um über die Runden zu kommen und das eine Jahr bis zu seiner Rente zu überbrücken, beantragte er im Sommer 2015 Hartz-IV – doch er sollte ein ganzes Jahr keinen Cent von der Beihilfe sehen.

Engel konnte ein Jahr lang weder einkaufen gehen noch seinen Strom bezahlen – jetzt wird er wohl sein Haus verlieren – und das nur, weil das Jobcenter nicht zahlte.

Rechtens war das offenbar nicht, wie Recherchen des TV-Senders “mdr” zeigen.

Er soll einen wertvollen Oldtimer besitzen 

Der 64-Jährige habe monatelang warten müssen, bis er überhaupt eine Antwort vom Amt bekommen habe, heißt es beim “mdr”. Laut dem zu der Zeit für Engel zuständigen Jobcenter habe das an Hinweisen gelegen, dass Engel noch irgendwo Vermögen verbergen könnte.

“Wenn denn mehr oder weniger mit den sporadischen Unterlageneinreichungen neue  Details aufkommen, wo denn mehr oder weniger auf andere Sachen hingewiesen wird, wo sich Vermögen in dem Sinne verbergen könnte, ist es halt relativ schwierig, das immer sofort  alles gleich abzufragen”, heißt es im Behörden-Geschwurbel der Antwort des Amtes.

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Irgendwann habe das Jobcenter dann geglaubt, den versteckten Geldschatz gefunden zu haben. Engel solle einen wertvollen Oldtimer besitzen, im Wert von 14.000 Euro. Und deswegen wurde der Hartz-IV-Antrag erstmal abgelehnt.

Doch: Bei dem “wertvollen Oldtimer” habe es sich laut “mdr” lediglich um einen nicht fahrtüchtigen Jeep gehandelt. Den hatte Engel von seinem Vater geschenkt bekommen. Der geschätzte Wert: 900 Euro. Doch das Jobcenter interessierte das nicht.

Der Wert des Autos soll geschätzt worden sein, ohne das sich je ein Jobcenter-Mitarbeiter das Fahrzeug angesehen habe.

Ohne Unterstützung hätte er nicht mal etwas zu Essen kaufen können

Engel, der seit Monaten keinen Cent auf sein Konto überwiesen bekam, war mittlerweile völlig mittellos. Er habe sich nicht mal mehr essenzielle Dinge leisten können. Ohne die Unterstützung seiner Mutter hätte er nicht mal etwas zu Essen kaufen können, wie er sagt.

Als Engel überhaupt nicht mehr weiter wusste nahm er sich einen Anwalt. Und der konnte es kaum fassen, wie das Amt mit dem Mann umgegangen ist – obwohl er auf Jobcenter-Fälle spezialisiert ist.

“So ein Fall ist mir in meiner ganzen beruflichen Laufbahn noch nicht untergekommen. Dass ein Jobcenter zuerst gar nicht arbeitet und dann so viele Fehler am Stück produziert”, sagt der Rechtsanwalt Dirk Feiertag.

So sah das wohl auch das Sozialgericht. Denn in einem Eilverfahren bekam Engel Recht und im Sommer 2016 wurde nicht nur sein Hartz-IV-Antrag bewilligt, er bekam auch eine Rückzahlung für die vergangenen Monate.

“Ich kann nachts nicht mehr schlafen”

Doch das Geld kam zu spät: Denn durch seine Armut konnte Engel monatelang nicht die Raten für sein Haus zahlen. Die Bank will es zwangsversteigern, wenn Engel es nicht in nächster Zeit verkauft.

Engel ist am Ende: “Ich kann nachts gar nicht mehr richtig schlafen. Ich bin manchmal morgens um drei noch wach. Fast jede Nacht. Man sitzt abends da und grübelt”, klagt der Rentner.

Doch das Jobcenter wäscht weiterhin seine Hände in Unschuld:

“Die Verschuldung bzw. Zwangsvollstreckung des Eigenheimes ist nicht auf die verspätete Zahlung des Jobcenters zurückzuführen”, sagt ein Sprecher des Jobcenters gegenüber des “mdr”.

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Engels Anwalt will wieder klagen, denn er sieht das vollkommen anders. Die Forderung: Das Amt soll den Restbetrag der Schulden für das Haus zahlen, damit Engel es behalten kann.

Ob er wieder Recht bekommt, ist aktuell noch unklar. Was jedoch klar scheint, ist die Antwort des Jobcenters – egal wie das Verfahren ausgeht: “Uns trifft keine Schuld.”