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22/10/2018 10:30 CEST | Aktualisiert 22/10/2018 10:30 CEST

Weckruf der Visionäre und Gestalter

“Wir müssen aus dem Schlafe erwachen und unsere Verantwortung sehen.“ Albert Schweitzer

Aya Jaff, Arne Friedrich und Gordon Weuste sind echte Macher, die den Aufruf von Ranga Yogeshwar sofort unterschreiben würden: „Gestaltet diese Gesellschaft, legt die Hände nicht in den Schoß!“ Sie verstehen ihr Tun als Dienst am Menschen und an der Sache. Dabei geht es nicht um die Inszenierung ihres gesellschaftlichen Engagements, sondern um eine glaubwürdige und ehrliche Vermittlung konkreten und verantwortlichen Handelns. Die überwältigende Resonanz auf ihren Besuch bei den Burgthanner Dialogen am 19. Oktober 2018 zeigt, dass es gelingen kann, sich nicht nur eine bessere Welt vorzustellen, sondern sie schon jetzt nachhaltig zu gestalten und in Konsequenzen zu denken. „Bei den heutigen Problemen unserer Zeit braucht es Menschen, die nicht nur reden, sondern anpacken wollen und kein Weiter-so wollen“, sagte Heinz Meyer, 1. Bürgermeister der Gemeinde Burgthann bei Nürnberg, in seiner Begrüßungsrede.

Gemeinde Burgthann

v.l.n.r. Heinz Meyer, 1. Bürgermeister der Gemeinde Burgthann, Arne Friedrich, Aya Jaff, Gordon Weuste und Moderatorin Dr. Alexandra Hildebrandt

Arne Friedrich, ehemaliger Bundesliga-Spieler von Hertha BSC und dem VfL Wolfsburg, lief zwischen 2002 und 2011 82 Mal für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf. Schon zu seiner aktiven Zeit als Profifußballer beschäftigte ihn der Gedanke, sich aktiv für das Allgemeinwohl einzusetzen. Er möchte seine Zeit sinnvoll nutzen und möglichst vielen Kindern ein besseres Leben ermöglichen. Deshalb engagiert er sich heute u. a. in der Arne-Friedrich-Stiftung (AFS), die im Oktober 2015 gegründet wurde. Sie befasst sich mit der Gesundheit, Bildung und Integration von Kindern und Jugendlichen: Die Kinder sollen ein möglichst besseres Leben führen, indem die Stiftung gezielt Projekte, die dies bewirken, sowohl fördert als auch initiiert.

Vor der Gründung sammelte er zunächst praktische Erfahrungen bei karitativen Einrichtungen (u. a. im Frühling 2015 einige Monate im Rahmen eines Projektes der Bürgerstiftung Berlin). Im Rahmen dieser Zusammenarbeit ist in Kooperation mit der Bürgerstiftung Berlin das Projekt „Verantwortung-Integration-Freundschaft“ (VIF) konzipiert worden. Das Pilotprojekt wird seit Frühjahr 2015 an der Helmuth-James-von-Moltke-Grundschule in Spandau erfolgreich durchgeführt. Es umfasst sieben Module: Sensibilisierung, Sprachförderung, Kunst, Technik, Natur, Sport, Alltagskultur. Kinder aus regulären Klassen treffen in Arbeitsgemeinschaften auf Kinder aus den Willkommensklassen.

Das Integrationsprogramm hat auch die Aufgabe, deutschen Kindern soziale Verantwortung zu vermitteln und somit die Integration für ausländische Kinder zu erleichtern, um Freundschaften aufzubauen und zu intensivieren. Das Projekt soll Kindern zeigen, was es bedeutet, in ein fremdes Land zu kommen in dem man als Flüchtling nicht wirklich willkommen ist.

"Verantwortung - Integration - Freundschaft" nennt sich ein Projekt der Bürgerstiftung Berlin und der Arne-Friedrich-Stiftung (AFS), mit dem Flüchtlingskinder in die Gesellschaft integriert werden sollen. Verantwortlich dafür ist Natascha Salehi-Shahnian, eine junge Frau mit persischen Wurzeln, die gemeinsam mit fünf hauptamtlichen und über 450 ehrenamtliche Mitarbeiter zusammenarbeitet.

Gemeinde Burgthann

Neben dem Integrationsprogramm VIF liegt Arne Friedrich das Wohl kranker Kinder am Herzen. Noch während seiner aktiven Zeit als Fußballer entstand der Kontakt zum Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB). Die Arne-Friedrich-Stiftung unterstützt die Kinder des Herzzentrums.

Der Kinderhospizdienst der Caritas in Berlin wird ebenfalls unterstützt. Dazu gehören auch der kleine, an Leukämie erkrankte Louis und seine Familie. Arne Friedrich betonte auf den der Burgthanner Dialogen, wie wichtig der Aspekt des Zuhörens ist. Es ist im dauernden medialen Reproduktionswahn selten geworden, sich wirklich – ohne Ablenkung oder Unterbrechung – andere Menschen zuzuwenden. Zuhören bedeutet, von ihnen zu lernen und sich vorbehaltlos auf sie einzulassen. Doch ein reines Ohr erfordert Feingefühl, Offenheit und ein tiefes Empfinden - eine Innigkeit, die aus der Seele geschöpft wird. Wer verstehen will, muss zuhören können.

Während des Treffens mit der Familie machten sich die ehrenamtlichen Helfer ein Bild davon, was die schwere Erkrankung des Jungen für die ganze Familie bedeutet. Der Vater erzählte beispielsweise, wie die Eltern ihre berufliche Tätigkeit für die Pflege aufgeben mussten und welche finanziellen Konsequenzen damit verbunden waren. Erschwerend kam der tägliche Kampf mit den Behörden und der Krankenkasse hinzu.

Build & Grow

Aber auch der Verein Build & Grow e.V. liegt Arne Friedrich persönlich am Herzen – und er unterstützt ihn, wann immer es möglich ist. Er wurde von Gordon Weuste aus dem Bewusstsein für die Not von Menschen (insbesondere in Osteuropa) gegründet, die nicht über lebenswerten Wohnraum verfügen. Der Verein führt humanitäre Hausbauprojekte durch. Die unterstützten hilfsbedürftigen Menschen erhalten durch die Schaffung von lebenswertem Wohnraum eine Lebensgrundlage, die ihnen einen Weg aus der Armut und zu sozialem Aufstieg ebnet. Sie werden in die Lage versetzt, ihr neues familiäres Wohnumfeld als eine Kultur der Gastfreundschaft, des Austauschs und der Gemeinschaft mit anderen Menschen in ihrer Umgebung zu nutzen und werden ermutigt, die Gesellschaft in positiver Weise zu verändern, indem auch sie sich anderen Menschen zuwenden, die sich in Not befinden und benachteiligt sind, sodass auch diese indirekt von dem Projekt profitieren können.

Gleichzeitig sollen die durchgeführten humanitären Projekte im Nebeneffekt auch dazu beitragen, dass die an den Projekten beteiligten Mitarbeiter einen Blick über ihren eigenen Horizont hinaus für die Situation Not leidender Menschen erhalten - durch die besondere Art von Teamarbeit. Statt in „Personalentwicklungsmaßnahme“" zu investieren, die oft nur Beratern und Coaches zugutekommen und kaum eine nachhaltige Wirkung haben, ist dies wirklich nachhaltig, weil die Mitarbeiter eines Unternehmens vor Ort etwas Bleibendes mit ihren Händen schaffen. Gordon Weuste, der an der Universität Mannheim BWL studierte, arbeitet hauptberuflich als Unternehmensberater bei Deloitte Consulting im Bereich Strategy & Operations. Ehrenamtlich organisiert er in seiner soziale Teambuilding Events für Geschäftsleute in Osteuropa: Ein Team baut dort ein Haus für eine arme Familie innerhalb von nur drei Tagen und verändert damit Leben.

Gemeinde Burgthann

Es geht nicht um die „großen Ereignisse“, sondern um die Mikroperspektive: Jeder ist Teil des Projekts und leistet einen Beitrag. Weuste motiviert sein christlich geprägtes Wertebild. Ihn begeistert dieser einfache Ansatz, welcher eine Win-Win-Win Situation bietet für die bedürftige Familie, das Unternehmen und auch für die Mitarbeiter. Unternehmen, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen, fördern nicht nur Werte, sondern auch ihre Wertschöpfung.

Es werden Kurzzeiteinsätze durchgeführt, in denen die Mitarbeiter – insbesondere aus wirtschaftlich weiter entwickelten Ländern oder Gesellschaftsstrukturen – vor Ort Kultur und Lebensumfeld sozial schwacher und Not leidender Menschen kennen lernen, an humanitären Hausbauprojekten mitwirken, dadurch Verständnis für die Förderung der Lebensumstände hilfsbedürftiger Menschen erhalten und dies als ein persönliches Anliegen empfinden. Wer dies erlebt hat, lernt zugleich Demut und wird dies ein Leben lang nicht vergessen.

Davon sehr berührt war die dritte Referentin der Burgthanner Dialoge: die gebürtige Nordirakerin Aya Jaff. Sie zeigte auf, welche enormen Möglichkeiten die Digitalisierung bietet, auch soziale Projekte wie diese zu unterstützen. Die macht der Influencer lässt sich auch dafür nutzen. Sie räumte mit dem Vorurteil auf, dass sie sich ausschließlich der Produktwerbung widmen. Viele von ihnen seien Mentoren (u.a. bei STARTUP TEENS) oder engagieren sich für Initiativen und Projekte, die identitäts- und gemeinschaftsstiftend sind.

Als Aya Jaff ein Jahr alt war, kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Vater erklärte ihr schon früh die Möglichkeiten eines Computers. Von ihrer älteren Schwester erhielt sie Publikationen zum Thema Wirtschaft. Auch die Lektüre des Buches „Rich Dad, Poor Dad“ von Robert Kiyosaki prägte sie. Obwohl sie in der Schule nie Informatik belegte und der Mathematiklehrer ihr wegen zu schlechter Noten davon abriet, lernte sie coden. Mit 16 wurde sie auf einen Ideenwettbewerb aufmerksam: Sie wollte eine App entwickeln, durch die Schüler wissen, wann Schulstunden ausfallen, damit sie länger schlafen können. Nachdem sie für diese Idee 400 Euro gewonnen hatte, fragte sie bei verschiedenen Softwareentwicklern an, was eine solche App kostet. Das Vorhaben war kompliziert und teuer. Deshalb gründete sie Programmierclubs, um gemeinsam mit Gleichgesinnten an ihren Fähigkeiten zu arbeiten. Ihr erstes Projekt war dann (statt einer App) das Online-Börsenspiel „Tradity“, das sie mitentwickelt und dessen Technik-Team sie geleitet hat.

Gemeinde Burgthann

Es folgte ein Studium der Wirtschaftsinformatik am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, um zu lernen, wie Tech-Unternehmen erfolgreich wurden. DIE ZEIT nannte sie „Mrs Code“ und das t3n Magazin stellte sie auf einem Cover als Digitalrevolutionärin vor. Nach dem Abitur wollte sie unbedingt ins Silicon Valley. Im Newsletter von „Women Who Code“ entdeckte sie ein Angebot für einen siebenwöchigen Kurs der Draper University. Ein Stipendium ermöglichte ihr die Finanzierung des 9.600 $ dieses teuren Kurses. Die meisten Teilnehmer, die nach Kalifornien anreisten, kamen wie Aya Jaff aus dem Ausland. Universitätsgründer und Investor Tim Draper setzte alle fünf Tage lang herausfordernden Bedingungen aus: Zelten, Bogenschießen, in eiskaltem Wasser schwimmen, Schießen und Wandern in der nordkalifornischen Natur. Im Laufe des weiteren Aufenthalts arbeiteten die Teilnehmer an ihren Soft Skills und an ihrem Fachwissen.

Aya Jaff und die anderen Teilnehmer wurden von vielen renommierten Unternehmensberatern unterstützt, beispielsweise bei Themen wie Recht, Patente oder Buchhaltung. Nach sieben Wochen fand ein „Pitch Day“ statt, an dem die Teilnehmer ihre Idee für ein eigenes Unternehmen vortragen und Investoren von sich überzeugen mussten.

Einer der Speaker während des Kurses war Dirk Ahlborn, Chef von Hyperloop Transportation Technologies, mit dem sich Aya Jaff intensiv über das Thema Transport austauschte. Das Unternehmen entwickelt Transportmöglichkeiten, mit denen Menschen mit mehr als 1.000 km/h durch Unterdruckröhren befördert werden können. Das Unternehmen beschäftigt sich damit, Passagiere mit sehr hoher Geschwindigkeit mittels großer Röhren zu transportieren. Nach dem „Pitch Day“ bot Ahlborn der Studentin Aya Jaff einen Job an, um weiter an ihrer vorgestellten Idee zu arbeiten. Dafür nahm sie sich ein Urlaubssemester.

Vor einiger Zeit gründete sie ihr eigenes Startup. Mit der Codesign Factory möchte sie eine Alternative zur typischen Unternehmensberatung schaffen und setzt dabei auf Methoden wie Design-Thinking und digitales Projektmanagement. Sie begreift die Herausforderung der Gegenwart als Chance und schafft sich die Rahmenbedingungen selbst, die sie braucht, um nachhaltig voranzukommen.

Verantwortung leben ist für alle drei nicht nur ein Bekenntnis, sondern auch eine Haltung und ein Lebensgefühl: „Ich tue es!“ Es geht um Selbstverantwortung statt passiver Verdrossenheit, darum, das eigene Handeln nicht als Last, sondern als Lust zu empfinden.

Der Weckruf an uns alle lautet:

Verantwortung ist der Ton in unseren Händen, dem jeder eine einzigartige Form geben kann.

Weiterführende Informationen:

Visionäre von heute – Gestalter von morgen. Inspirationen und Impulse für Unternehmer. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Neumüller. Verlag SpringerGabler, Heidelberg, Berlin 2018.

Gruppenfoto aller Springer-Autoren, die u.a. an diesem Buch mitgewirkt haben. (Copyright: Nicole Simon)

Nicole Simon