POLITIK
16/02/2018 16:15 CET | Aktualisiert 03/04/2018 10:24 CEST

Wattenmeerführer zum Klimawandel: Wir können die Natur nicht bezwingen

"Wir sind das hier gewohnt.”

HuffPost/ Uschi Jonas
Johann Franzen
  • Johann Franzen ist seit mehr als 30 Jahren im Wattenmeer unterwegs
  • Der HuffPost erzählt er, wie er täglich den Klimawandel spürt

“Manchmal haben wir im Winter sogar Flamingos hier. Und die kommen nicht aus dem Zoo”.

Der Wind ist eisig, die Hände brennen vor Kälte, die Nase läuft. Unter den Füßen quietscht der Schlick. Doch die Sonne scheint und Johann Franzen lächelt. 

Franzen ist seit mehr als 30 Jahren Nationalparkwattenführer im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer. Er kann wie wenige andere erklären, wie der Klimawandel nach und nach die deutsche Nordseeküste radikal verändert hat. 

Doch anders als viele andere Gegenden der Erde, in denen der Klimawandel durch Stürme, Hochwasser, Hitze, Dürre und Temperaturanstieg die Menschen vor immer mehr Probleme stellt, sieht Franzen die Wetter- und Umweltveränderungen gelassen.

Franzen schildert quasi die andere Seite der Klimawandel-Medaille – eine Seite, über die selten in den Medien zu lesen ist.

 

Dem Wattenmeer und der Nordsee tue der Klimawandel in gewisser Weise sogar gut, meint der 64-Jährige. “Hier kreucht und fleucht es mehr als früher.” 

Es gibt keinen richtigen Winter mehr 

Es ist Februar. Vor zehn Jahren gab es um diese Jahreszeit kaum Tiere an der Nordseeküste. Doch inzwischen ist das anders.

Mehr zum Thema: Wir haben die Klimakrise verursacht – und sind die einzigen, die sie überwinden können

► “Früher hatten wir Vogelarten, die sich im Herbst verabschiedet haben und im Frühjahr wieder kamen. Inzwischen bleiben die meisten ganz hier.” Durch den Klimawandel und die Erderwärmung gibt es keinen richtigen Winter mehr.

Und so passiert es eben auch, dass Flamingos an die Nordsee kommen. Seit Januar sind auch jede Menge Alpenstrandläufer an der Küste aufgetaucht. “Eigentlich lassen die sich erst im April blicken.”

HuffPost / Uschi Jonas
Das Wattenmeer bei Büsum in Schleswig-Holstein

Schlick so weit das Auge reicht. Alle paar Hundert Meter ein natürlicher Wasserlauf im Watt, ein sogenanntes Priel. Mal breiter, mal schmaler. Am Horizont die Silhouetten von Möwen und das 30 Kilometer entfernte Wasser, das in der Nachmittagssonne glitzert.

“Weil es immer wärmer wird, gibt es immer mehr zu fressen”

“Ist es nicht ein tolles Gebiet hier?”, fragt Franzen. “Ist doch total schön, oder? Und ein Eldorado für Vögel.”

Unter den Gummistiefelsohlen knirscht es. Muschelschalen. “Weil es immer wärmer wird, gibt es hier für die Vögel immer mehr zu fressen. Muscheln, Würmer, Bakterien.”

HuffPost / Uschi Jonas
Das Wattenmeer bei Büsum in Schleswig-Holstein

► Die Nordsee erwärmt sich laut Bundesumweltministerium im Zuge des Klimawandels doppelt so stark wie andere Ozeane. Im Mittel ist die Meerwassertemperatur in den vergangenen 45 Jahren um 0,74 Grad gestiegen – in der Nordsee um 1,67 Grad.

Das lockt Fische aus südlicheren Gefilden in den Norden. Streifenbarbe, Sardelle, Roter Knurrhahn oder den Wolfsbarsch. Gleichzeitig werden andere Arten von der Wärme verdrängt. Dorsch und Kabeljau sind nach Grönland gezogen.

Mehr zum Thema: Der Klimawandel findet vor unserer Haustür statt – so können wir dazu beitragen, ihn aufzuhalten

“Das Wattenmeer ist dynamisch, verändert sich immer wieder. Das ist die Natur. Wir sind das hier gewohnt.”

Franzen ist an der Küste aufgewachsen. Geboren auf der Halbinsel Eiderstedt. Zur Schule spazierte er jeden Morgen vier Kilometer den Deich entlang und am Mittag wieder zurück.

Nur war seine Heimat damals noch kein Nationalpark und auch kein Unesco-Weltkulturerbe.

“Jedes Jahr neue Schalentierarten – wir nennen sie Aliens”

Franzens Augen glänzen, wenn er sagt: “Inzwischen sind wir der größte Nationalpark Europas mit 441.000 Hektar – von der deutschdänischen Grenzen bis hin zum Elbmüdungsbereich.”

► Jedem, der Zweifel am Klimawandel hat, sagt der 64-Jährige: “Wir erleben das täglich. Jedes Jahr haben wir fünf oder sechs neue Schalentierarten hier – wir nennen sie auch gerne Aliens.”

Franzen watet durch ein Priel. “Durch den Klimawandel sind auch die Strömungen stärker geworden. Das macht aber eigentlich nichts.”

Plötzlich bleibt er abrupt stehen. “Da, die musst du mitnehmen! Das ist eine pazifische Auster. Die gab es hier früher nicht.”

HuffPost / Uschi Jonas
Eine pazifische Auster

Vor allem in den vergangenen zehn Jahren haben sich die Dinge massiv verändert.

► “Der Meeresspiegel steigt. Auch das Wattenmeer steigt jedes Jahr um einen bis zwei Zentimeter.” Dadurch verändern sich nicht nur für Tiere die Bedingungen, sondern auch für den Menschen.

Mehr zum Thema:Ihr wundert euch, warum es so heftig stürmt in Deutschland? Forscher haben diese Antwort

Wenn der Meeresspiegel steigt, erhöht sich auch das Ausgangsniveau von Sturmfluten. An der Nordseeküste werden sie bis zum Jahr 2030 zehn bis 30 Zentimeter höher an die Dämme brechen als bislang.

“Wir rüsten uns”

Extreme Hochwasser treten immer häufiger auf. Insbesondere im Winter wird es an der Nordsee stärkere Stürme geben. 

Der steigende Meeresspiegel führt auch zu einer Verschiebung der Mischzone von Süß- und Salzwasser. Das schränkt die Wasserverfügbarkeit und -qualität erheblich ein und verändert Böden und damit auch die Rahmenbedingungen für Forst- und Landwirtschaft.

“Aber wir rüsten uns”, sagt der Wattenmeerführer. Zum Beispiel, indem der Deich angepasst wird. “Wir leben hier nach dem Motto ‘Wer nicht will deichen, der muss weichen’. Wenn wir diese Spielregel nicht beherzigen, haben wir schlechte Karten.”

Höher kann der Deich allerdings jetzt kaum noch werden, denn das würde der Untergrund nicht mehr tragen. Doch Forschern zufolge sollen Sturmfluten im Jahr 2100 sogar 80 Zentimeter höher auf die Küste treffen als heute.

HuffPost / Uschi Jonas
Johann Franzen im Wattenmeer

Der Klimawandel bringt noch eine andere Veränderung mit, aus der die Menschen an der Nordseeküste versuchen, Positives zu ziehen.

► “Wir haben in Büsum 3000 Strandkörbe ab dem Frühjahr stehen. Momentan fehlen uns sogar 20 Prozent Hotelbetten”. Der Tourismus boomt im Norden. 

Urlaubssaison ist das ganze Jahr

Im Süden werden die Sommer immer heißer, das Mittelmeer bietet keine Abkühlung mehr. Gleichzeitig werden die Sommer an der Nordsee wärmer.

Mehr zum Thema: Umweltministerin Hendricks verteidigt die Klimapolitik der GroKo – aber hat auch eine eindringliche Warnung an die Industrie

“Die Menschen fühlen sich wohl bei uns. Wer einmal da war, kommt wieder.” Urlaubssaison ist inzwischen das ganze Jahr, sagt Franzen.

Er nimmt die Dinge, wie sie kommen. Und versucht, das Beste draus zu machen. Man kann das ein bisschen passiv finden. Aber ändern lasse sich die Situation ja eh nicht, sagt er. 

HuffPost / Uschi Jonas
Das Wattenmeer bei Büsum in Schleswig-Holstein

Der 64-Jährige klettert aus dem Watt und läuft über die Wiese auf den Deichsaum hoch. Er zündet sich eine Zigarette an, hält kurz inne und lässt den Blick stolz über das Wattenmeer schweifen.

Dann sagt er noch: “Der Klimawandel findet statt und darauf müssen wir uns einstellen. Die Natur kannst du nicht bezwingen.”

Im Rahmen einer Themenwoche zum Klimawandel in Deutschland spricht die HuffPost mit Stadtplanern, Naturschützern, Klimaforschern und Meteorologen.

Außerdem schauen wir uns vor Ort an der Küste, in den Bergen, Wäldern und Großstädten gemeinsam mit Experten an, wo die Folgen des Klimawandels in Deutschland bereits sichtbar sind.

(jds)