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13/03/2018 20:58 CET | Aktualisiert 13/03/2018 20:58 CET

Was wurde eigentlich aus den Doktortitel-Skandalen?

 Wenn man dereinst die Geschichte der öffentlichen Debatten der 10er Jahre des 21. Jahrhunderts erzählen will, darf jedenfalls für Deutschland eine nicht fehlen: Zu Guttenberg, Koch-Mehrin, Chatzimarkakis, Althusmann, Steinmeier, von der Leyen, Schavan waren nur ein Teil der Politiker, deren lange zurückliegende Doktorarbeiten auf einmal mit höchstem allgemeinen Interesse diskutiert wurden. Alles keine wissenschaftlichen Durchbrüche, diese Werke. Sondern eben das, was ehrgeizige Jungakademiker, die meist schon ebenso ehrgeizige Jungpolitiker waren, so handschriftlich auf Karteikarten oder mit dem Fotokopierer sammeln, um es dann früher mit Schreibmaschine oder seit gut 25 Jahren mit dem Computer zusammenzuschreiben. Und das noch mit formalen Mängeln, mal mehr, mal weniger, manchmal angeblich nur aus Versehen, manchmal angeblich mit Täuschungsabsicht.

Was hat uns das gebracht? Können wir uns jetzt besser auf darauf verlassen, dass jemand einen Doktortitel zu Recht trägt als noch vor zehn Jahren? Ja, insoweit als die Debatte den Fokus auf genaues wissenschaftliches Arbeiten gelenkt hat. Wer schummeln will, ist vorgewarnt, mehr denn je. Und vroniplag, die Plattform, welche so manchen Skandal ins Rollen brachte, untersucht noch immer.

Zumindest auf dem Papier hat sich die Situation der Doktoranden an vielen Universitäten verbessert. Die Hinweise für gutes wissenschaftliches Arbeiten, welche die Deutsche Forschungsgemeinschaft bereits 1998 erarbeitet und 2013 noch einmal ergänzt hatte – sie wurden nach all den Skandalen jedenfalls hier und da stärker umgesetzt. Uni Bonn und Uni München zum Beispiel machen seit 2014 bzw. 2016 wesentlich genauere Vorgaben für die Betreuung einer Doktorarbeit. Dann gab es die Diskussion, ob nicht eine zeitliche Grenze für die rückwirkende Überprüfung von Arbeiten zu ziehen sei – meist war und ist von zehn Jahren die Rede. Maßgeblich angestoßen vom langjährigen Sprecher des Ombudsgremiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Wolfgang Löwer, ist das bis heute in der Diskussion. Allerdings: Die Uni München, bei welcher es eine Verjährungsregelung gab (bereits nach 5 Jahren konnte ein Doktortitel nicht mehr entzogen werden), hat das neuerdings abgeschafft – mit dem skurrilen Ergebnis, dass man bis dahin selbst mit der unterirdischsten Arbeit nach sehr kurzer Zeit davonkam und jetzt auf einmal gar nicht mehr.

Damit kommen wir zum Thema Fairness und gleiche Bewertungsstandards. Der Plagiatsexperte Stefan Weber stellte schon 2011 für die bis dahin von hm untersuchten 80 Arbeiten fest, dass zwar in elf Fällen zu Recht der Titel entzogen worden war – in etlichen anderen eindeutigen Fällen aber nicht. Die Uni Münster kam 2013 auf die kreative Idee, einer Richterin mit fehlerhafter Doktorarbeit eine „Rüge“ auszusprechen – was aber als Alternative zum Titelentzug rechtlich gar nicht vorgesehen war. Bereits damals führten also dieselben Fehler zu ganz unterschiedlichen Beurteilungen, und ich kann nicht erkennen, dass sich nachhaltig etwas geändert hätte. Weil nämlich keine Uni und sich das Recht nehmen lassen will, selbst über ihre Ex-Studenten zu entscheiden – was gut ist im Sinne der Wissenschaftsfreiheit, aber schlecht im Sinne einheitlicher Maßstäbe.

Nehmen wir nur ein Beispiel: Der als „Bauernopfer“ bezeichnete und in vielen damaligen Arbeiten zu findende Fehler: Es wird aus einem anderen Buch zitiert, das andere Buch wird auch in einer Fußnote benannt, aber es fehlen die Anführungszeichen. Da erkennt der Leser nicht ausreichend, was eigener Text des Autors ist und was von anderen übernommen. So etwa bei Jorgo Chatzimarkakis, zur Zeit der Prüfung Europa-Abgeordneter, dem damaligen Niedersächsischen Kultusminister Bernd Althusmann und Frank-Walter Steinmeier, damals zwischen zwei Amtszeiten als Außenminister. Der erste verlor seinen Titel, weil die Bauernopfer angeblich auf Täuschung schließen ließen, die anderen beiden nicht, weil die Bauernopfer angeblich nicht auf Täuschung schließen ließen. Der vroniplag-Aktivist KayH, der den Fall Chatzimarkakis ins Rollen gebracht hatte, zitierte dazu in der Diskussion über Steinmeier aus dem Urteil des Verwaltungsgerichts Köln zu Chatzimarkakis. In dem Urteil, so KayH, finde sich als Grund für die Titelaberkennung bei Chatzimarkakis eine Argumentation, „die sich mE auf den hier diskutierten Fall problemlos übertragen lässt.“ Wohlmöglich wahr, und dann schon hart, wenn man sieht, wie allein aufgrund unterschiedlicher professoraler Auffassungen, was denn vor zig Jahren im Kopf eines Promotionsstudenten vorgegangen sein mag, Karrieren dann ganz unterschiedlich verlaufen können. Zu diesem Punkt – der Frage wirklich gleichlaufender Standards – sollten sich die Unis vielleicht noch einmal und immer wieder zusammensetzen. Der Bürger und Steuerzahler, der das letztlich alles finanziert, hat ein Recht darauf, dass dort, wo dieselben zwei Buchstaben „Dr.“ draufstehen, auch möglichst weitgehend Gleichwertiges drin ist.