LIFE
11/03/2019 16:23 CET | Aktualisiert 11/03/2019 16:24 CET

Was wir Krebspatienten nicht sagen sollten – und welche Worte stattdessen helfen könnten

“Man will diesen Dämon Krebs automatisch besiegen – ihn eliminieren.”

SLAVICA VIA GETTY IMAGES
Für manche Lebenssituationen scheint es nicht die richtigen Worte zu geben (Symbolbild). 

Mein Vater starb an Prostatakrebs, als ich 18 war. Obwohl seine Prognose von Anfang an nicht gut aussah, versuchte ich, optimistisch zu bleiben.

Ich erinnere mich, wie wir beide nur kurze Zeit, nachdem er mir von seiner Diagnose erzählt hatte, in einem Restaurant warteten, und ich zu ihm sagte: “Papa, es ist okay, du bist stark, du kannst den Krebs besiegen.”

Mein Vater – ein Allgemeinmediziner – nahm meine Worte mit Fassung auf, nickte meiner kleinen Schwester und mir wohlwollend zu. Aber er wusste, dass es schon zu spät war. 

13 Jahre später bereue ich diesen Moment immer noch. 

Ich mache mir immer noch ein schlechtes Gewissen wegen der Worte, die ich meinem Vater damals gesagt hatte – denn sie unterstellten, dass eine Krebserkrankungen einem Kampf gleichkomme, den man gewinnen oder verlieren könne. Dass du “verlierst”, wenn der Krebs nicht heilbar ist.

Wer den Krebs nicht “besiegt”, scheint zu versagen

Der Gedanke, dass du eine so heimtückische Krankheit wie Krebs “besiegen” kannst, stärkt den Mythos, dass allein der Patient verantwortlich sei für seine Genesung. Dass er nicht einfach nur ein Mensch ist, der in einem endlosen Kreislauf aus Operationen, Chemotherapien, Bestrahlungen und Rückfällen gefangen ist. Und wenn du den Krebs nicht besiegst? Dann hast du eben versagt.

Für mich als Tochter eines Krebskranken ergaben diese Phrasen allerdings Sinn. Selbst heute noch ist mein Vater in meinem Kopf ein richtiger Superheld: Ein Mann, der früher an Bodybuilding-Wettbewerben in Südkalifornien teilgenommen hat (damals waren amerikanisch-asiatische Teilnehmer eine Seltenheit); der ein Bodybuilding-Magazin herausgab; der als Allgemeinarzt seinen Patienten beim Bekämpfen ihrer Leiden half. 

So verkorkst wie meine Gedankenwelt war, kurz nachdem ich von der Krankheit meines Vaters erfahren hatte, wollte ich nichts anderes, als in ihm einen Kämpfer zu sehen. Und was sollte man ansonsten auch zu einem geliebten Mitmenschen sagen, der so etwas Furchtbares wie eine Krebserkrankung durchmachen muss?

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“Wir werden gemeinsam gegen den Krebs kämpfen”

“Wir werden gemeinsam kämpfen, du kannst den Krebs besiegen” sind Worte, die Angehörige und Freunde von Krebspatienten ständig wiederholen, sagt BJ Miller. Der Sterbebegleiter und Palliativ-Spezialist kümmert sich um Krankenhauspatienten mit unheilbaren Krankheiten im San Francisco Medical Center der University of California. 

“Ich glaube, es gibt mehrere Gründe, warum wir solche Aussagen immer wieder treffen – einer davon könnte zum Beispiel Gewohnheit sein”, sagt Miller im Gespräch mit der HuffPost US. “Manchmal denken Menschen auch nicht wirklich darüber nach, wenn sie solche Worte sagen. Sie sind eher als Geste gemeint, nicht als Beitrag zu einem Dialog.” 

Außerdem meint Miller, dass wir uns kulturell bedingt gerne vom Tod distanzieren. Wir verbinden Krankheit, Leid und Tod mit Schwäche, während wir uns selbst als heldenhafte Kämpfer geben, um uns in kritischen Momenten zu ermutigen.

“Es hilft, ein scheinbares Gefühl von Stärke zu provozieren, wenn wir uns schwach fühlen”, sagt Miller. “Wir dämonisieren den Krebs, um uns zum Kampf zu motivieren.”

Am Ende sind wir alle nur Menschen. Wir alle werden älter und unsere Kämpfe “verlieren” – wenn nicht gegen den Krebs, dann gegen andere Leiden. 

“Das ist etwas, mit dem wir uns alle irgendwann arrangieren müssen”, meint Miller. “Ich glaube, wir erkennen langsam, dass das Gedankenkonstrukt ‘den Krebs bekämpfen’ überholt ist. Eben weil wir uns selbst oder andere nicht als Verlierer darstellen können in einer Situation, mit der wir uns alle früher oder später konfrontieren müssen.” 

Wer an Krebs erkrankt, dessen Körper ist im Krieg mit sich selbst

Fakt ist: Krebs ist wie ein Angriff auf eine Person. Krebszellen wachsen und teilen sich, formen neue Tumore, gegen die das Immunsystem irgendwann nicht mehr ankommt. Der Körper führt einen Krieg mit sich selbst. 

In diesem Sinne ist die Kampf-Metapher, die in Gesprächen über Krebs immer wieder aufkommt, eigentlich passend. Wenn wir einem geliebten Menschen sagen, dass er den “Krebs bekämpfen” kann, meinen wir damit nicht nur, dass er stark ist – sondern auch, dass wir ihm beistehen werden.

Leider kann sich das allerdings auch negativ auf die mentale Gesundheit auswirken: Vor allem, wenn der Patient seine Diagnose bereits akzeptiert hat. 

Nagashree Seetharamu, Onkologin am Northwell Health Cancer Institute, kann unsere heftige Reaktion auf die Diagnose Krebs nachvollziehen. Obwohl die Krebsforschung laufend neue Erfolge erzielt und die Überlebensquoten steigen: Krebs ist und bleibt eine angsteinflößende Diagnose.

Das weiß Seetharamu auch aus eigener Erfahrung – vor wenigen Jahren wurde bei ihr Brustkrebs in einem frühen Stadium diagnostiziert. 

“Im Kampf gegen Krebs vergessen wir manchmal den Erkrankten”

“Man will diesen Dämon Krebs automatisch besiegen – ihn eliminieren”, sagt sie im Gespräch mit der HuffPost US. “Das Problem ist: In diesem Kampf vergessen wir manchmal den Erkrankten, der in dieser Situation das unglückliche Opfer ist. Während wir versuchen, die Krankheit zu bekämpfen, verletzen wir leider manchmal den Patienten.” 

Egal wie der Krebs verläuft: Die erkrankte Person sollte im Fokus blieben und alles, was wir tun, sollte in ihrem Sinne geschehen. 

“Für mich bedeutet ‘den Krebs bekämpfen’ nicht zuzulassen, dass die Krankheit meinen Patienten oder mir vorgibt, wie wir zu leben oder zu sterben haben”, sagt Seetharamu. “Das bedeutet auch: Man sollte den Erkrankten beistehen, sofern es sinnvoll ist, sich in Behandlung zu begeben, um den Krebs zu heilen oder zumindest zu kontrollieren.”

Natürlich kann es auch eine positive Wirkung haben, wenn wir optimistisch über Krebs sprechen. Studien beweisen, dass eine positive Grundhaltung von Krebspatienten die Heilungschancen zum Guten hin beeinflussen kann. 

Es gibt einen Mittelweg zwischen einem blauäugigen “Wir schaffen das!” und Weltuntergangsstimmung – ein Mittelweg, den ich damals gerne gegangen wäre, als ich von der Diagnose meines Vaters erfuhr.

Zum Beispiel wäre es bestimmt hilfreich für meinen Vater gewesen, wenn ich darüber gesprochen hätte, welche Herausforderungen er bis dahin schon gemeistert hatte. Das ist eine gute Möglichkeit, um Krebspatienten Mut zu machen, meint auch Kelsey Crowe.

Die Autorin ist selbst an Krebs erkrankt und hat nach ihrer Heilung das Buch verfasst: “There Is No Good Card for This: What To Say and Do When Life Is Scary, Awful, and Unfair to People You Love” (deutsch: “Dafür gibt es keine guten Worte: Was du sagen und tun solltest, wenn das Leben angsteinflößend, schrecklich oder unfair ist zu Menschen, die du liebst”).  

Lieber auf bisherige Herausforderungen verweisen, die bewältigt wurden

“Wenn die Person hoffnungsvoll ist, kannst du anstatt ‘Du kannst die Krankheit besiegen’ sagen: ‘Du hast schon viele Herausforderungen gemeistert im Leben, diese hier wird wahrscheinlich die größte bisher sein’”, sagt Crowe:

“Wenn jemand allerdings akzeptiert, dass es vielleicht keine Heilung mehr für ihn gibt, kannst du deine Bewunderung für ihn ausdrücken: dafür, Dass die Person Frieden mit dieser Lebensphase geschlossen hat. Du kannst deinen Mitmenschen dabei unterstützen, ein ruhiges Ende zu finden.”

Am Ende gibt es keine Regeln, wie man mit solchen Situationen am besten umgeht. Am besten, du versucht einfach so gut wie möglich, die betroffene Person und ihre Stimmung zu erfassen. Was auch immer du sagst – versuche es, im besten Sinne für den Erkrankten zu formulieren, rät Miller. 

“Ich glaube, so etwas wie ‘Du schaffst das, du kannst die Krankheit besiegen’ kann man wahrscheinlich immer sagen – allgemein finde ich allerdings, dass wir mehr unterschiedliche Reaktionen zulassen sollten”, fügt Miller hinzu.

“Du könntest auch etwas sehr einfaches sagen wie: ’Ich bin so froh, dass du mir von deiner Diagnose erzählt hast. Was auch immer passieren wird und welche Entscheidung auch immer du triffst, ich werde bei dir sein und dich unterstützen.”

Dieser Text erschien ursprünglich in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt. 

(ll)