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05/10/2018 12:24 CEST | Aktualisiert 05/10/2018 13:21 CEST

“Was willst Du in Auschwitz? Das hat doch nichts mit Türken zu tun”

Die deutsche Geschichte ist Teil unserer Geschichte geworden.

Furkan Kuruderi ist Student, gebürtiger Duisburger und hat Migrationshintergrund, wie es so schön heißt. Sein Vater kam einst aus der Türkei und hat seinen Sohn muslimisch erzogen. Kuruderi und andere junge Männer engagieren sich bei den Heroes: Sie sprechen mit Schülern über Männlichkeitsvorstellungen, Gleichberechtigung, Antisemitismus. 

“Was willst Du in Auschwitz? Das hat doch nichts mit Türken zu tun.”

Diesen Satz sagte ein Lehrer zu einem Bekannten von mir. Der ist wie ich in Deutschland geboren. Wie ich hat er Eltern, die aus der Türkei eingewandert sind. Und wie ich hat er sich darauf vorbereitet, in die KZ-Gedenkstätte Auschwitz zu fahren.

Der Satz dieses Lehrers hat mich nicht losgelassen, monatelang. Weil darin so viel steckt, was falsch läuft.

Im Video oben erzählt Furkan, wieso er nach Auschwitz gefahren ist.

Nicht nur mein Bekannter hat sich unheimlich getroffen und seiner Identität beraubt gefühlt. Als ich das hörte, ging es mir genauso. Ich sehe mich als Deutschen mit türkischem Hintergrund. Warum sollen wir nicht die Chance bekommen, etwas zu verstehen? Bildung bekommen?

Dazu kommt: Wenn ein Lehrer so etwas sagt, dann bestärkt er Jugendliche mit Migrationshintergrund doch in dem Glauben, dass sie die deutsche Geschichte nichts angehe. Schlimmstenfalls bestärkt er sie im Antisemitismus.

SPC#JAYJAY via Getty Images
Blick auf das Tor des ehemaligen Todeslagers Auschwitz-Birkenau in Polen.

Jude wird als Schimpfwort verwendet

Wir Deutsch-Türken leben in Deutschland seit 60 Jahren. Ich bin hier aufgewachsen. Ich sehe selbst, dass der Antisemitismus in unserer Gesellschaft am Boomen ist, auch in der muslimischen Community.

Jude wird als Schimpfwort verwendet. “Sei doch kein Jude” heißt, sei nicht geizig.

Als ich jemandem erzählte, dass ich in Auschwitz war, sagte er: “Ich wünsche mir, dass an meinen Händen, an den Händen meiner Kinder, jüdisches Blut klebt.” Soweit zum Thema, dass Deutsch-Türken Antisemitismus nichts angehe.

Mehr zum Thema: “Wir sind alle Juden”: Warum eine Berliner Muslima jetzt Kippa tragen will

Ich habe noch eine Weile diskutiert und dann abgebrochen. Das Thema hat mich einige Freundschaften gekostet. Oder das, was ich dafür hielt. Heute denke ich, das war kein großer Verlust.

Ich selbst habe eine Weile gebraucht, um zu merken, dass Antisemitismus auch was mit mir selbst zu tun hat. Es muss so vor fünf Jahren gewesen sein, da kamen die “Heroes” zu uns in die Schule. Es ging um Rollenbilder. Das hat mich gepackt, wurde doch meines gerade infrage gestellt.

Zu der Zeit hatten mich Jungs, die ich für Freunde hielt, gefragt, wie ich es denn zulassen könne, dass meine Schwester einen Freund hat. Was ich denn für ein Mann sei. Ich habe gesagt, dass mir lieber ist, dass meine Schwester mir vertraut, anstatt Angst vor mir zu haben.

Offensichtlich hatte ich ein ganz anderes Weltbild als sie. Mein Vater, der mit 17 nach Deutschland kam und hier studiert hat, hat mir beigebracht, weltoffen zu denken.

Antisemitismus geht uns alle etwas an

Ich bin dann öfter zu den “Heroes” gegangen, und dort haben wir auch über Antisemitismus diskutiert.

Es war ja nicht so, dass ich mich schon immer gegen den Antisemitismus gestellt hätte. Ich wollte auch akzeptiert werden, von der Mehrheit um mich herum angenommen werden. Erst bei “Heroes” habe ich gemerkt, dass es außerhalb meiner Blase teils anders aussah.

In der Vorbereitung zur Reise nach Auschwitz habe ich dann zum ersten Mal einen Juden bewusst kennengelernt.

Ich bin muslimisch erzogen worden und habe in dem Gespräch mit ihm schnell festgestellt, wie viele Gemeinsamkeiten es zwischen unseren Religionen gibt. Die Unterschiede sind so minimal, dass es erschreckend ist und fraglich, wieso Vorurteile entstehen. 

Die deutsche Geschichte ist Teil meiner Geschichte

So ist unsere Gruppe von zehn jungen Muslimen dann schließlich im Sommer 2017 nach Auschwitz gefahren. 

Mann, war das ein Gefühlschaos. Ich stand da im ersten Stammlager, wusste, dass dort Hunderttausende Menschen umgebracht wurden, und habe es doch nicht realisieren können. 

Ich möchte noch einmal hinfahren. Es gab da einen Raum, an dessen Wände Kinderzeichnungen projiziert wurden. Kinder sagen mit Bildern mehr als 1000 Worte.

Sie haben eine Utopie außerhalb der Mauern gezeichnet, sie haben Männer mit Waffen gezeichnet – und das als Kinder, die nicht wirklich realisiert haben, was geschehen ist ... Diese Zeichnungen ... die muss ich mir noch einmal in Ruhe ansehen. Jede einzelne.

Als ich zurückkam, hat mein Vater einen wunderbaren Satz gesagt: “Wir sind in Deutschland angekommen. Die deutsche Geschichte ist Teil unserer Geschichte geworden.”

Er will selbst nach Auschwitz fahren.

Das ist jetzt mehr als ein Jahr her. Aber losgelassen hat mich das Thema nie. Es liegt an uns, etwas gegen den Judenhass zu tun.

Der Nahost-Konflikt legitimiert keinen Judenhass

Ich wünsche mir, dass sich da auch in den Schulen etwas ändert.

Immer, wenn ich mit jemanden über Antisemitismus spreche, kommt das Gespräch ganz schnell auf den Nahost-Konflikt. Viele können nicht differenzieren und nutzen die Geschehnisse im Nahostkonflikt aus, um ihren Antisemitismus zu legitimieren. 

Es liegt an uns, etwas gegen den Judenhass zu tun.

Aber das Thema kommt in der Schule überhaupt nicht vor. Als ich im Abi-Geschichtskurs unbedingt über den Nahen Osten reden wollte, auch eine Präsentation dazu angeboten habe, war mein Lehrer nicht dazu bereit. Er hatte Angst, dass die Klasse anfängt zu streiten.

Und ich vermute, dass er auch Angst hatte, dass er an seine Grenzen kommen könnte.

Auch die Opfer des Nationalsozialismus kommen im Unterricht so gut wie nicht vor. Wir hören immer nur, was Hitler gemacht hat. Und vergessen darüber, wer gestorben ist. Aber so funktioniert das nicht. Man darf nicht vergessen, was die Nazis den Juden im Holocaust angetan haben und dass die Opfer der größte Bestandteil der Geschichte sind.

Ich habe auch immer noch das Gefühl, dass viele Deutsche das Thema entweder verdrängen oder aber daran erinnern wollen, weil ihre Großeltern Täter waren. Auf einer “Heroes”-Podiumsdiskussion hat jemand gesagt: “Ich fühle mich schuldig, weil mein Opa NS-Soldat war.”

Das versuche ich oft zu verstehen. In meiner Familie stellt sich die Schuldfrage zwar nicht, weil meine Familie damals noch in der Türkei war, aber trotzdem tragen wir alle eine Verantwortung.

Wir müssen uns doch mit dem Thema beschäftigen, weil wir einen persönlichen Bezug haben. Wir müssen uns damit beschäftigen, weil wir Menschen sind.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

(amr)