BLOG
29/07/2018 15:47 CEST | Aktualisiert 29/07/2018 15:47 CEST

Was uns die Verhaltensökonomik über unsere Entscheidungen verrät

clu via Getty Images

Richard Thaler, geboren 1945, erhielt 2017 für seine Forschungen zur Wirtschaftspsychologie den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. In Misbehaving (Siedler Verlag, München 2018) erzählt er anhand seines Werdegangs und vieler, oft witziger Geschichten und Anekdoten von den Anfängen und dem Aufstieg der Verhaltensökonomik als Disziplin.

Herkömmliche Wirtschaftsmodelle gehen vom ‘Homo oeconomicus’ aus, den Thaler ‘Econ’ nennt. Diese fiktive Figur entscheidet auf der Grundlage ‘rationaler Erwartungen’ und mit dem Ziel, seinen Nutzen zu optimieren. „Verglichen mit dieser fiktionalen Welt der Econs, verhalten sich reale Menschen vielfach ungezogen, und das bedeutet, dass ökonomische Modelle viele falsche beziehungsweise ungenaue Vorhersagen machen (...) So gut wie kein Wirtschaftswissenschaftler sah die Finanzkrise von 2007/2008 kommen, und noch schlimmer, viele dachten, sowohl der Crash als auch seine Nachwirkungen seien Dinge, die schlichtweg nicht passieren könnten.“

Schon ziemlich eigenartig, diese Ökonomen, die sich dann auch noch als Wissenschaftler verstehen, obwohl sie ganz offensichtlich – jeder, der auch nur ganz wenig nachdenkt, weiss, dass Menschen fehlbar sind und sich selten selber richtig einschätzen können – von Wunschvorstellungen und Theorien ausgehen und nicht von der Wirklichkeit. Leidenschaften sei ein Wort, das in Lehrbüchern der Volkswirtschaftslehre nicht vorkomme, so Thaler, der sich jedoch nicht gegen abstrakte Modelle auf der Grundlage des Verhaltens fiktiver Econs ausspricht, sondern für die Berücksichtigung vermeintlich irrealer Faktoren plädiert.

Einer dieser Faktoren ist der sogenannte „Rückschaufehler“ und dieser meint, dass wir im Nachhinein davon überzeugt sind, schon immer gewusst zu haben, wie ein Ereignis ausgehen würde. Nur eben: Wir erinnern uns falsch. Auch deswegen, weil wir unser Bedürfnis nach Sinn und unsere Tendenz zur Rechthaberei und zur Rechtfertigung nicht in Rechnung stellen. Und weil wir die Kreativität unseres Gedächtnisses nicht berücksichtigen.

Die Geschichten, die Richard Thaler in Misbehaving erzählt, sind verblüffend, aufschlussreich und zeugen nicht gerade von einem rationalen Vorgehen von uns Menschen. Steckt man etwa viel Arbeit in ein Projekt, fällt es mitunter schwer, es aufzugeben, auch wenn es eindeutig richtig wäre, genau das zu tun. Oder: Haben Sie teure Schuhe relativ günstig (aber nicht wirklich billig) erstehen können und diese schmerzen nun, werden Sie sie vermutlich nicht sofort entsorgen. „Je mehr Sie gezahlt haben, um so mehr Schmerzen werden Sie ertragen, bevor Sie sie nicht mehr tragen, und desto länger werden sie Platz in ihrem Wandschrank einnehmen.“

Misbehaving ist reich an solchen Beispielen. So hat sich etwa gezeigt, dass Menschen Dinge, die sie bereits besitzen, als wertvoller einschätzen als Dinge, die sie besitzen könnten. Oder dass man mit Geld verschieden umgeht, je nachdem, auf was für einem Konto es liegt. So heben Leute nur ungern Geld von einem Konto ab, das mit dem Etikett ‘Ersparnisse’ versehen ist.

Lässt sich unser wenig rationales Verhalten korrigieren beziehungsweise steuern? Sicher, jedenfalls in Massen. Der Schlüssel dazu liegt darin, sich zu bemühen, die Welt zu sehen, wie sie ist und nicht so, wie andere sie haben wollen. Dazu benötigen wir Daten, so viele wie möglich, denn wir neigen zur Selbstüberschätzung. Und wir müssen lernen, unsere Meinung offen zu sagen. „Viele Fehlentscheidungen in Organisationen hätten leicht vermieden werden können, wenn jemand gewillt gewesen wäre, dem Chef zu sagen, dass etwas falsch läuft.“

Richard Thalers Nachdenken darüber, wie sich Psychologie und Volkswirtschaftslehre miteinander kombinieren lassen, war anfangs nicht überall willkommen. Er erntete oft scharfe Kritik, wenn er seine Forschungsergebnisse vorstellte. „Ökonomen hatten ihre altbewährten Methoden und lehnten Neuerungen ab, und sei es auch nur, weil sie Jahre investiert hatten, um selbst einen kleinen Winkel dieses Denkgebäudes zu errichten.“

Auch wenn die Ausarbeitung einer differenzierten Version der Volkswirtschaftslehre, in der fehlbare Menschen im Mittelpunkt stehen, noch lange nicht abgeschlossen sei, wie der Autor schreibt, das Fachgebiet Verhaltensökonomik ist mittlerweile breit anerkannt: Richard Thaler amtierte im Jahre 2015 als Präsident der American Economic Association.