POLITIK
12/06/2018 19:21 CEST | Aktualisiert 22/06/2018 20:58 CEST

Was Russlands bekanntester Homosexueller über die WM sagt

"Setzt hier kein Statement in der Öffentlichkeit. Das ist nicht sicher.”

Ekaterina Bodyagina
Anton Krasovksi ist der bekannteste Homosexuelle Russlands – öffentlich würde er nie einen Mann auf der Straße küssen. Zu gefährlich.

Freitagabend, ein russischer Staatssender zur besten Sendezeit.

Anton Krasovksi kippt hinter der Kulisse ein Glas Whiskey herunter und tritt vor die Kameras von “Angry Guyzzz”, seiner kontroversen Unterhaltungsshow.

Er hat Transgender aus Moskau eingeladen und eine Botschaft mitgebracht, die er sich bis zum Ende aufbewahrt.

“Ich bin schwul” – in Russland immer noch ein unerhörter Satz

In der Abmoderation sagt Krasovski die Worte, die bis heute mit ihm untrennbar verbunden sind. Es ist die wohl wichtigste Nachricht seines Lebens.

“Ich bin schwul”, spricht er in die Kameras. “Und gleichzeitig bin ich immer noch der gleiche Mensch wie ihr, meine lieben Zuschauer, wie Präsident Putin, wie Premierminister Medvedev und wie die Duma-Abgeordneten.”

tv show
Anton Krasovksi im Gespräch mit einem Studio-Gast. 

Es war das erste und bis heute letzte Mal, dass sich eine öffentliche Person in Putins Russland im Staatsfernsehen outete. Und es war ein Affront gegen die Staatsmacht, die Homosexualität für eine Krankheit hält und Schwule und Lesben für ihre Sexualität ins Gefängnis wirft.

Krasovski verlor noch in der Nacht seinen Job. Sein Profil verschwand von der Seite des Senders, alle Aufzeichnungen der Show wurden aus der Mediathek gelöscht. Als hätten sie nie existiert.

Ein Zeichen gegen Homophobie

Fünf Jahre ist das jetzt her.

Wir treffen den 42-Jährigen in einem Cafe in Moskaus Zentrum. Er trägt Dreitagebart, einen dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd. Ihn begleitet ein Kameramann, der jeden Schritt von ihm für seinen YouTube-Kanal filmt.

Vor einem Monat hat Krasovski seine Kandidatur als Bürgermeister der russischen Hauptstadt angekündigt, die am 9. September wählt. Krasovksi ist sich zwar nicht sicher, ob er von den Behörden zugelassen wird. Er ist sich auch ziemlich sicher, dass er die Wahl nicht gewinnen kann.

Aber seine Kandidatur ist ein Zeichen in einem der homophobesten Länder Europas, das in den kommenden Wochen durch die Fußball-Weltmeisterschaft in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt.

Mehr zum Thema: ARD kritisiert “westliche Aggression” gegen Russland – und erntet mächtig Kritik

Homosexualität ist ein Tabu in der Gesellschaft, auch in Russlands moderner Millionenmetrople Moskau, in der man an jedem Kiosk mit Kreditkarte zahlen kann, in der aber küssende Männer von Polizisten und rechten Hooligans verprügelt und Regenbogenfahnen verbrannt werden. 

Stanislav Krasilnikov via Getty Images

Aufkleber warnen: “Schwuchtel nicht erlaubt”

Ein Gesetz stellt seit 2013 unter Strafe, sich in Anwesenheit von Minderjährigen positiv über Homosexualität zu äußern. Das wirft auch ein Schatten auf die Weltmeisterschaft.

In Straßen tauchen Aufkleber mit dem Schriftzug “Schwuchtel nicht erlaubt” auf.

Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Fare zeigt, dass homophobe Fangesänge vor der WM in Stadien zugenommen haben.

Brasilien rät Homosexuellen in einem Leitfaden dazu, während der WM “auf den Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit zu verzichten“.

Und das deutsche Außenministerium warnt “bei Weitergabe von Informationen über bzw. öffentlicher Demonstration und Unterstützung von Homosexualität” vor “Geldbußen in Höhe von bis zu 1360 Euro, bis zu 15 Tage Haft und die Ausweisung aus der Russischen Föderation.”

KIRILL KUDRYAVTSEV via Getty Images
Ein unbekannter Homosexuellen-Aktivist in einem Polizeiwagen in Moskau. Auf seinem Schild steht: "Liebe ist stärker als der Homophobie."

“Setzt hier kein Statement in der Öffentlichkeit”

Krasovksi ist kein Fußballfan.

Er hat auch nie versucht, sich in der Öffentlichkeit mit seinem Partner zu küssen, mit dem er seit sieben Jahren zusammen ist.

Aber er hat dennoch eine Botschaft an alle homosexuellen Fußballfans, in nun nach Russland reisen.

Es sagt zwar, dass Moskau für Schwule und Lesben eine Reise wert sei. Dort gebe es eine gigantische Untergrundszene in Clubs und Bars.

“Aber ich würde jedem auch sagen: Setzt hier kein Statement in der Öffentlichkeit. Das ist nicht sicher.”

Russland sei seit seinem Outing noch homophober geworden, sagt er.

Die Staatspropaganda habe zugenommen – im Radio, im Fernsehen – und die Bevölkerung angestachelt. Das zeige ihm, dass er mit seiner Entscheidung richtig lag, sich zu outen.

“Ich wollte den Weg nicht länger mitgehen, den Russland einschlug und ein Zeichen setzen.” 

Ekaterina Bodyagina
Anton Krasovksi im Gespräch mit HuffPost-Reporter Jürgen Klöckner. 

Tausende Menschen schrieben ihm

Die Meldung von seinem Outing ging um die Welt. Natürlich erreichen ihn Hassnachrichten per Mail, auf Twitter und Facebook. “Aber das ignoriere ich. Ich halte diese Trolle für eine Krankheit des Internets, mit der ich mich nicht beschäftigen will”, sagt er.

Denn neben den Anfeindungen erhielt er auch viel Zuspruch. Tausende Menschen schrieben ihm: “Du bist mein Held”. Krasovski wurde über Nacht vom Fernsehmoderator zum Symbol für Homosexuelle über Russlands Grenzen hinaus. Krasovski leitet inzwischen eine Stiftung, die HIV-Infizierten hilft. Auch er trägt das tödliche Virus in sich.

Sein Bühne sind seither nicht mehr die Fernsehstudios, sondern die Straßen, die Politik. Und ist hier nicht unumstritten. Denn auch bedeutende Teile der russischen Opposition, so wenden Kritiker ein, strebten nicht unbedingt eine Demokratie nach westlichem Muster für Russland an. 

Mehr zum Thema: Die 10 größten Irrtümer über die russische Opposition

Auch Krasovski muss sich solche Vorwürfe gefallen lassen. 2017 organisierte Krasovski den Wahlkampf von Wladimir Putins aussichtsreichster Gegenkandidatin Xenia Sobtschak. Als Tochter von Putins politischem Ziehvater Anatoli Sobtschak hat sie eine gewisse Narrenfreiheit und durfte die Regierung lautstark kritisieren – solange es nicht gegen Putin persönlich geht.

Peter Kovalev via Getty Images
Krasovksi mit der Anti-Putin-Politikerin Xenia Sobchak.

Krasovksi will den Menschen Sicherheit geben

Zugleich tourt er als Bürgermeisterkandidat durch Moskaus Chefetagen und Wohnzimmer.

Die Leute laden bei ihm seine Sorgen ab. 

Jene, die er trifft, erzählen ihm von wahnwitziger Bürokratie, wie sie mit acht Leuten in einem Raum wohnen oder von 8000 Rubel im Monat leben müssen, knapp 120 Euro. Solche Armut scheint in Moskaus Zentrum mit seinen Luxusautos, Boutiquen und schicken Cafés weit weg.

“Diese Menschen kennen keine Freiheit und keinen Wohlstand. Nun leben sie auch noch im Krieg mit Ukraine und Syrien und das ist traumatisch für sie”, sagt er.

Als Mittel gegen dieses Trauma will er den Menschen Sicherheit geben, indem er Reiche höher und Arme niedriger besteuern will. Und er möchte den Menschen mit seiner Kandidatur zeigen, dass Wandel doch möglich ist.

Aber er will ein Zeichen setzen: “Ich bin der erste homosexuelle Politiker in Russland – in einem extrem homophoben Land mit einer extrem homophoben Hauptstadt in einem sehr homophoben Osteuropa“, sagt er.

“Das ist ein Statement. Und ich glaube, dass Russland mehr solcher Statements braucht – nicht nur für die LGBT-Szene, sondern auch etwa für Frauenrechte.“

Die Russen müssten verstehen: “Kämpft für eure Rechte, geht auf die Straße.”

Für Krasovksi geht dieser Kampf erstmal bis zu den Wahlen im September. 

UPDATE: Der Artikel wurde um Informationen zur russischen Opposition ergänzt.

huffpost

HuffPost-Reporter Jürgen Klöckner berichtet für die HuffPost aus Russland über die Fußball-Weltmeisterschaft und die Geschichten neben dem Sport.

Fotografin und Stringer: Ekaterina Bodyagina

(ll)