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27/12/2017 09:34 CET | Aktualisiert 27/12/2017 09:34 CET

Was mir in der Weihnachtszeit die Augen öffnete...

Ein paar Tage vor Weihnachten schlenderte ich durch die Fußgängerzone, die damals noch eine war, mit authentischen Einzelhändlergeschäften, statt wie heutzutage gesäumt von Amerikanischen Filialen jeder Art, sei es Mode, sei es der Fraß von MC- und ähnlichen Fast Food Ketten, sei es der Kaffeeersatz im umweltschädlichen Pappbecher...

An einem freien Stück Hauswand hockte ein Mann in den besten Jahren, ein Bettler, Penner, Landstreicher, wie man früher diese Gesellen nannte. Er hatte welliges weißes Haar und einen ebensolchen weißen Schnauzbart, er hätte auch ein Schauspieler, Künstler oder ein Lebemann sein können. Vor seinen Füßen - ja er saß dort barfuß - hatte er einen kleinen Stapel mit fotokopierten 20 DIN-A 5-Seiten, auf denen er seine mit einer Schreibmaschine getippten Texte fotokopiert hatte.

Ich wurde neugierig, war angezogen von der ungewöhnlichen Aura des Mannes, fragte ihn, was so ein kleines Broschürchen kostete, denn ich war gut gelaunt, war zu der Zeit finanziell gut gestellt und fühlte mich unbesiegbar, in Spendierlaune, wollte meiner mich begleitenden Freundin imponieren...

Er sagte, gib mir einfach was es dir wert ist.

Ich legte ihm einen Fünf-Euro-Schein hin und nahm mir eine dieser Broschüren. Bereits im Weitergehen begriffen, hörte ich seine Worte, die mir bis heute unvergesslich im Gedächtnis blieben: “Fünf Euro, das ist sehr viel Geld” ...

Aus seiner Broschüre...

Lyrik eines Landstreichers

Du meinst Du seiest etwas Bestimmtes

Doch Du bist eine Welle im Weltenmeer

Du meinst Du seiest selbstständig

Doch Du bist der Treffpunkt von hunderttausend Kräften

Du meinst Du kannst Dich lenken

Weil Du nicht siehst was Dich zieht und treibt

Du meinst Du müßtest etwas tun

Doch Deine Anstrengung ist nur Widerstand

N. Schach 1999

 

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