BLOG
20/09/2018 15:33 CEST | Aktualisiert 20/09/2018 15:33 CEST

An alle gehetzten Frauen, die sich in der Bahn schminken: Daumen hoch!

Ihr seid wahre Künstler!

Westend61 via Getty Images
Hört auf, Frauen zu verurteilen, die sich in Bus und Bahn schminken, fordert Autorin Eleni Young. (Symbolbild)

Die Zahl der Dinge, aufgrund derer eine Frau verurteilt werden kann, scheint in den vergangenen Wochen und Monaten eine komplett neue Größe erreicht zu haben.

So beschwerte sich ein Pendler in einem kürzlich erschienenen BBC-Artikel über Bahnfahrgäste mit schlechten Reisegewohnheiten. Unter anderem erwähnte der Autor dabei Frauen, die sich in öffentlichen Zügen schminken.

Zugegeben, einige der Geschichten lösten tatsächlich auch bei mir einen Würgereiz aus. Erwähnt wurde beispielsweise ein Mann, der offenbar beschlossen hatte, die Londoner U-Bahn sei der beste Platz, um seine Zehennägel mit einem Nagelknipser zu bearbeiten.

Mehr zum Thema: Studie: Frauen, die geschminkt ins Büro gehen, verdienen mehr Geld

Ich belästige niemanden auf dem Weg zur Arbeit

Ich bin auch kein Fan von Fahrgästen, die ihren besten Freundinnen am Telefon lauthals mitteilen müssen, was sie von der aktuellen Folge ihrer Lieblingsserie halten, oder was Sally von gegenüber zum neuesten Outfit ihres Hundes gesagt haben soll.

Aber all das sind ganz andere Dinge, als sich in der Bahn zu schminken.

Ich mache manchmal mein Makeup unterwegs – laut dem BBC-Artikel eine schreckliche Gewohnheit.

Demnach bin ich ein egoistisches, gedankenloses Make-up-Monster, das mit dem Glätteisen in der Hand den Inhalt ihres Kosmetikbeutels vor anderen Pendlern ausbreitet und sie in einer Wolke von Foundation, Lippenstift und Eyeliner versinken lässt.

Die Wahrheit ist: Ich belästige niemanden auf meinem Weg zur Arbeit. Den Großteil meines Make-Ups trage ich zuhause aus, bevor ich in den Zug steige. Oft trage ich danach nur noch ein wenig Foundation und etwas Blush auf. Im Zug lege ich die Produkte, die ich benötige, dann zusammen mit einem kleinen Pinsel und einem Kosmetikspiegel vorsichtig auf meinen Schoß.

Ich möchte meine Zeit einfach sinnvoll nutzen

Außer mir selbst hat noch keiner der anderen Fahrgäste jemals Make-Up-Flecken irgendwo hin bekommen und bis jetzt bin ich mit hysterischem Rumfuchteln beim Auftragen auch noch niemandem zu nahe gekommen.

Warum begehe ich diese abscheuliche Tat?

Ich habe viel zu tun. Manchmal verlasse ich mein Haus in Eile. Meine Zeit möchte ich trotzdem produktiv nutzen. Wenn ich 20 Minuten Zugfahren muss, warum sollte ich diese Zeit dann nicht sinnvoll nutzen – vor allem, wenn ich weder laut bin, noch anderen Menschen zu nahe komme und vorsichtig mit meinen Schminkprodukten bin?

Andere Pendler nutzen ihre Zeit auch, egal ob sie ihre Arbeits-Mails checken oder ihren Freunden schreiben, um sich später auf ein Bier zu verabreden oder einfach nur die Nachrichten lesen.

Aber darüber beschwert sich niemand, obwohl es so einige negative Folgen haben könnte, süchtig nach seinen Arbeits-Mails zu sein oder den ganzen Tag über dem Smartphone zu sitzen.

Ich schmeiße mir dagegen einfach noch ein wenig Foundation auf mein Gesicht, um bereit zu sein, wenn ich in der Arbeit ankomme.

An alle Frauen, die sich komplett im Zug schminken: Ihr seid Künstler

Und allen Frauen, die sich komplett im Zug schminken – und ich habe noch nie eine gesehen, die ihr Make-Up herumgeworfen, den Sitznachbarn gezwungen hat, ihren Puder zu halten oder anderen Fahrgästen bis zur Erblindung flüssige Foundation in die Augen geschüttet hat – möchte ich ein Wort sagen:

Bravo!

Bravo, dass eure Hände ruhig genug sind, Eyeliner mit der Präzision eines Ninjas aufzutragen. Daumen hoch für alle Frauen, die sich in der Bahn das Gesicht konturieren können.

Egal ob ihr Mütter seid, eine große Firma leitet, Freiwilligenarbeit leistet oder Praktikanten seid - wir haben alle genug im Leben zu tun. Was ist schlimm daran, dass wir versuchen wollen, alles zu schaffen?

Starrt nicht all die Künstlerinnen an, die es schaffen, ihr Make-Up in einem holprigen Bus oder Zug aufzutragen und noch viel wichtiger: verurteilt sie nicht dafür.

Es ist Make-Up – nicht Napalm

Wenn ich etwas über die Briten zu sagen habe, dann ist es das: Sie leben Stereotype. Sie wagen es zwar nicht, Kommentare darüber abzugeben, aber sie schütteln ihre Köpfe oder Husten, um ihren Missmut über etwas auszudrücken.

Sollte ich jemals der Meinung sein, die Bahn sei der beste Ort, um mir die Beine zu waxen, meine Zehennägel zu schneiden oder mein Haar zu föhnen, sprecht bitte mit mir und hustet nicht.

Und bis dahin, lasst die Frauen, die versuchen, ihr persönliches und ihr Berufsleben irgendwie unter einen Hut zu bekommen, und ihre Kosmetikbeutel in Ruhe.

Es ist Make-Up – nicht Napalm.

Der Beitrag erschien zuerst bei HuffPost UK und wurde von Franziska Kiefl aus dem Englischen übersetzt.

(nc)