POLITIK
04/10/2018 08:27 CEST | Aktualisiert 04/10/2018 17:34 CEST

Rechtsradikale: Was gestern in Dortmund passierte, ist eine Schande

Die HuffPost-These.

dpa
Achtung: Archivbild vom 21.09.2018. Aufnahmen der Demo am Mittwoch seht ihr eingebettet im Youtube-Video unten.

“Seid ihr Juden, warum setzt ihr euch für Juden ein?” fragt ein Neonazi am späten Mittwochnachmittag in Dortmund einen Gegendemonstranten. 

Andere schwingen die Fahne des deutschen Reiches, sie haben die “88” oder die “18″, in der rechten Szene Codes für “Heil Hitler” und “Adolf Hitler”, auf ihrer Haut verewigt. 

Es kommt zu Angriffen auf Polizisten. Acht Männer werden festgenommen. Ein unbeteiligter alter Mann wird verletzt.

Insgesamt sind es auf zwei verschiedenen Demonstrationen wohl rund 100 Rechtsradikale, die in Dortmund am Tag der Deutschen Einheit aufmarschieren. 

Es ist eine Zahl, die verkraftbar scheint – aber es nicht sein sollte.

Denn die offen zur Schau gestellte NS-Fantasie auf den westfälischen Straßen mutet in Zeiten, in denen immer mehr Verknüpfungen zwischen dem extremistischen Lager und der bürgerlichen Mitte entstehen, ganz besonders schändlich an.

Ein geteiltes Land am Tag der Deutschen Einheit

An diesem Mittwochabend gewinnt Borussia Dortmund in der Champions League, dem wichtigsten der europäischen Fußballturniere, mit 3:0 gegen den AS Monaco. Ein Däne trifft, ein Engländer, seine Eltern kommen aus der Karibik, legt das 1:0 vor. Ein Paradebeispiel der modernen Internationalität.

Etwa zeitgleich trifft Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem diplomatischen Gipfel in Israel ein. In Jerusalem soll es mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu um die großen Fragen internationaler Politik gehen.

Die tiefen Gräben der Vergangenheit wurden überwunden, der Holocaust, das dunkelste Kapitel der jüngeren Geschichte, wurde und wird weiter aufgearbeitet. 

Das ist das eine Deutschland.

Und da ist das Deutschland des Dortmunder Sonnenplatzes. Hier ist “der Jude” noch der Feind – ganz wie vor achtzig Jahren. Hier sind Ausländer Fremdlinge, die Jobs stehlen, womöglich auch Frauen.

Die Bilder, die hier entstehen sind eine Schande. 

Die Rechten strahlen bis in den Bundestag

Aber ja: All das wäre irgendwie verkraftbar. Idioten wird es immer geben. Es ist der Kontext, in dem die Bilder stehen, der so bitter aufstoßen lässt.

Gerade erst wurde in Chemnitz eine rechte Terrorzelle hochgenommen. Extremisten, die offenbar – wenn auch stümperhaft – planten, Politiker und Medienschaffende zu attackieren und das System zu stürzen.

Dieselben Neonazis marschierten am 1. September gemeinsam mit der AfD durch die sächsische Stadt.

Sie haben in der Partei einen Brückenkopf ins Parlament gefunden. Sogar die “New York Times” diagnostizierte am Mittwoch eine “rechte Fäulnis im Herzen des deutschen Staates”.

Da sollten Alarmglocken läuten. Bei der AfD und ihren Unterstützern.

Stattdessen erleben wir dieser Tage, wie sogar der militante Rechtsradikalismus von Vertretern der Neuen Rechten kleingeredet wird. Die Gruppe “Revolution Chemnitz” – so eine gängige wie verquere Meinung in den sozialen Medien – sei eine Erfindung von Medien und Politik.

Auch von der AfD hört man nur leise Worte der Verurteilung. “Wir haben damit nichts zu tun”, so die Linie der Partei, die stattdessen weiter gegen Ausländer und Andersdenkende mobil macht.

Wir müssen gegen Rechts kämpfen

Auch der Bundesinnenminister sagt: Alle Formen des Radikalismus gehören bekämpft. Damit hat er zweifelsohne Recht.

Und dennoch zeigen längst nicht nur Dortmund und Chemnitz: Deutschland hat vor allem ein massives Problem mit rechtsradikalen Fanatikern – und mit populistischen Opportunisten, die diese in ihre politischen Umsturzfantasien einbinden.

Auf dem Sonnenplatz zeigte sich ihre Vision von Deutschland.

Eine Vision, die wir mit allen demokratischen Mitteln bekämpfen sollten.