POLITIK
31/08/2018 07:28 CEST | Aktualisiert 31/08/2018 11:43 CEST

Chemnitz: Was gestern passierte, ist genauso beunruhigend wie die Krawalle

Die HuffPost-These.

Im Video oben seht ihr exklusive Aufnahmen der Ausschreitungen in Chemnitz zu Beginn der Woche.

An diesem Donnerstag gab es keine Hitlergrüße. Keine “Ausländer raus”-Rufe. Und dennoch war es ein düsterer Tag für Chemnitz, für Sachsen, für Deutschland.

Vielleicht noch düsterer, als es der Montag war, als tausende, darunter viele Rechtsextreme und Neo-Nazis, durch die Chemnitzer Innenstadt gezogen waren und die Stimme des Hasses erhoben.

dpa
Ministerpräsident Kretschmer (Mitte) beim Sachsengespräch.

Bei einem Bürgerdialog, dem “Sachsengespräch”, stellte sich Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Donnerstagabend den Fragen und Anliegen seiner Bürger.

Es sollte ein Annäherungsversuch werden zwischen Politik und den aufgebrachten Menschen. Doch es wurde ein Offenbarungseid. 

► Der Abend zeigte, dass nicht der organisierte Extremismus das größte Problem in Chemnitz ist, sondern die tiefe Entfremdung zwischen zwei Lebensrealitäten. 

Wut auf alles und jeden

Die Chemnitzer sind wütend. Das ist verständlich.

Wer könnte nicht wütend sein, wenn an einem Volksfest, einem Tag, an dem die eigene Stadt sich feiern lassen will, ein Mensch Opfer eines so feigen Verbrechens wird.

Dass es die Gemüter besonders erregt, dass die mutmaßlichen Täter Männer aus dem Ausland sind, denen Deutschland Schutz gewährt hat: Auch das ist natürlich.

Doch die Wut in Chemnitz geht viel tiefer als das: Sie projiziert sich auf alles und jeden, der ihre Welt, ihre Sicht auf sich selbst, bedroht.

Schon bald geht es an diesem Donnerstag nicht mehr um Kriminalität in der Stadt, es geht um vermeintliche Regime-Change-Pläne der Bundesregierung in Nordafrika. Es geht um eine erfundene Verschwörung in Syrien. Es geht um Angela Merkel. Darum, dass die Menschen hier ihre “Steuern nicht mehr zahlen” könnten. Es geht um die “stinkende Antifa”.

Nur ums eins geht es nie: Darum, wie Rechte, Hooligans und Neo-Nazis, die Stimmung in der Stadt als Bühne für ihre Bürgerkriegs-Fantasie genutzt hatten.

Die Chemnitzer beim “Sachsengespräch” sehen sich als Opfer. Vor allem als Opfer der Medien. Denn “rechts” will hier niemand sein. All die Nachrichten über die Geschehnisse am Montag, das seien Lügen. Die Hitlergrüße hätten die Linken inszeniert, ruft eine Frau.

Kretschmer findet viele empathische Worte. Er weiß, dass jede zu scharfe Kritik ihn an diesem Abend zum Abschuss freigibt. Er nimmt Buh-Rufe hin, dass die Menschen nur lachen und johlen, wenn jemand auch nur kurz auf Berichte der Presse verweist. Er nimmt hin, dass die Menschen an diesem Abend zumeist nicht mit Fakten argumentieren, sondern aus dem Bauch heraus.

► Er weiß, dass diese Menschen seine Bürger sind. Diese Menschen, die so wütend sind.

Die Menschen fühlen sich gedemütigt

Es ist eine grobe, unbeholfene Wut. Ein schwer zu charakterisierendes Gemisch aus persönlicher Enttäuschung, aufrechter Sorge und tief verinnerlichtem Hass gegen ein Establishment, das sich zu selten im Leben der Sachsen blicken lässt.

Natürlich zeigt das “Sachsengespräch” keinen Querschnitt der Menschen in Chemnitz. Offensiv hatten rechte Bewegungen zur Teilnahme mobilisiert.

Und doch beweist es einmal mehr: Es gibt eine breite Kluft zwischen den Menschen hier und Politikern wie Kretschmer, den Medien, die seit Tagen auf Chemnitz blicken wie auf einen Kriegsschauplatz im eigenen Land und all jenen, die dringend darüber sprechen wollen, wie es sein kann, dass tausende Normalbürger neben Bomberjacken tragenden Neo-Nazis marschierten.

In Chemnitz will niemand darüber sprechen. Hier fühlt man sich verurteilt und gedemütigt.

► Auch deshalb gibt es für den Dialog keine gemeinsame Basis. 

Nein: Der Bürgerdialog ist kein Dialog im wahren Sinne. Er ist wie die erste Lektion eines Fremdsprachenkurses, den Lehrer und Teilnehmer nicht freiwillig besuchen. Zu dem sie gezwungen wurden.

Es braucht verdammt viel Mut

Für jede rechte Bewegung ist das der fruchtbarste Boden.

Für die AfD ist Sachsen ein politischer Wallfahrtsort. Schriftstellerin Ines Geipel spricht gar von einem “Experimentierfeld für die braune Revolte”. 

Noch kann diese abgewendet werden. Aber Worte und Beschwichtungsversuche werden dazu nicht reichen. Nimmt Kretschmer die Rolle des Lehrers an, ist er verloren. Zu lange mussten sich die Ostdeutschen belehren lassen. 

Die Probleme in Chemnitz können nur da gelöst werden, wo es noch eine Schnittstelle zwischen den beiden Welten gibt. In Schulen, Kindergärten Jugendclubs. Am Fließband. In der Kneipe. Im Sportverein.

Es wird verdammt viel Engagement brauchen, damit die Gesellschaft hier nicht vollends implodiert. Es wird verdammt viel Mut brauchen.

Wo der in diesen Tagen herkommen soll, auf diese Frage braucht es nun dringend eine Antwort.

(ame)