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07/09/2018 16:27 CEST | Aktualisiert 10/09/2018 08:19 CEST

Was Friedensmacher sagen, wie wir Hass und Gewalt überwinden können

Sie kämpfen für Frieden und Versöhnung.

► 405 – das ist die Anzahl der Kriege und Konflikte, die es im Jahr 2017 auf der Welt gab. 20 Kriege, zwei mehr als im Jahr zuvor. 385 Konflikte, von denen mehr als die Hälfte gewaltsam ausgetragen wurden.

► Ende 2017 waren laut UNHCR 68,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht vor Krieg, Konflikt und Verfolgung. So viele wie niemals zuvor.

► In mindestens drei von fünf Ländern auf der Welt werden Menschen gefoltert oder anderweitig misshandelt.

Nichts bedroht die Menschheit so sehr wie sie selbst. Gewalt und Hass bestimmen das Leben eines großen Teils der Weltbevölkerung.

Doch es gibt Menschen, die versuchen, etwas dagegen zu tun. Die für Frieden und Versöhnung kämpfen.

Wir haben mit Menschen gesprochen, die sich in den unterschiedlichsten Teilen der Erde auf die verschiedensten Arten und Weisen für Frieden einsetzen. Wir haben sie gefragt, wie wir ihrer Meinung nach Hass und Gewalt auf der Welt überwinden können.

Das sind ihre Antworten:

Boris Somé, Burkina Faso

Boris Some

Somé arbeitet für das West Africa Network for Peacebuilding, die führende regionale zivilgesellschaftliche Organisation für Friedenssicherung. Sie wurde 1998 als Reaktion auf die Bürgerkriege und humanitären Krisen in Westafrika offiziell ins Leben gerufen.

“Seit dem Volksaufstand im Oktober 2014, der zum Sturz von Präsident Blaise Compaoré geführt hat, hat Burkina Faso sein Image als Oase des Friedens in Westafrika verloren.

Das soziale Gefüge ist angeschlagen – und das nutzen extremistische Gruppen aus. Das Sicherheitsgefühl ist verloren gegangen, staatliche Autorität wird nicht länger respektiert. 

Aus der Sicht meiner Organisation ist es das Wichtigste, Gemeinschaften darin zu schulen, Frühwarnsysteme aufzubauen. Sie helfen, Extremismus vorzubeugen. Vor allem Frauen und junge Menschen, aber auch religiöse Führer wollen wir in Dialog und Vermittlung schulen. Außerdem wollen wir Gewaltprävention in Schulen fördern.”

Dieudonne Munyankiko, Ruanda

Dieudonne

Munyankiko arbeitet für die Association Modeste et Innocent (AMI), die eine Aussöhnung zwischen den Volksgruppen der Hutus und Tutsi anstrebt. Eine schwierige Mission. Würden alle während des Völkermordes begangenen Verbrechen vor Gericht verfolgt, bliebe das Land für lange Zeit in Aufruhr. Würden die Gräuel vergessen, könnten die Wunden der Opfer nicht heilen. 

“In meinem Land können Gewalt und Hass nur überwunden werden, wenn wir es schaffen, dass die Politik aufhört, die Bevölkerung zu manipulieren. Wir müssen die Souveränität unserer Bürger stärken ihre gemeinsamen Interessen bündeln. 

Wir müssen mit Traumata umgehen, sie behandeln und Chancengleichheit für alle schaffen – vor allem auch vor dem Gesetz.

Auch würde es gegen Hass und Gewalt helfen, wenn sich Militär und Sicherheitsdienste weniger in den Alltag der Menschen einmischen würden.”

Dipujjal Khisa, Bangladesch

Khisa

Khisa arbeitet für die Maleya Foundation, eine Organisation indigener Völker in Bangladesch, die Lösungen finden will, damit alle lokalen Bevölkerungsgruppen gleiches Anrecht auf Land, Ressourcen, Kultur und das Leben ihrer Werte und Visionen haben.

“Nach meiner Erfahrung gibt es mehrere Gründe für die Ursachen von Hass und Gewalt. Einer der Hauptgründe in unserer Region ist die historische Ungerechtigkeit, die Nichtanerkennung der Rechte der indigenen Völker.

Diese Ungerechtigkeit erzeugt Hass gegenüber der Regierung, die die Mehrheit der Benglai-Völker des Landes repräsentiert.

Auf der anderen Seite ergreift die Regierung Gegenmaßnahmen, die zur Gewalt in der Region beitragen.

Daher könnte die Anerkennung der Rechte des Volkes und die Durchsetzung eines vernünftigen Justizsystems die Zahl der Gewaltvorfälle verringern und langfristig dazu beitragen, den Hass zwischen den Gemeinschaften zu verringern.”

Edgar Khachatryan, Armenien und Südkaukasus

Edgar

Khachatryan arbeitet für die NGO Peace Dialogue, die Friedensaktivisten aus Armenien, Georgien, Russland, den Niederlanden und Deutschland unter einem Dach zusammenbringt. 

“Es gibt viele Faktoren, die den Hass und die Gewalt in meinem Land und weltweit fördern.

Einer der Faktoren ist der fehlende politische Wille, die Konflikte gewaltfrei zu lösen. Häufig schüren die politischen Ambitionen der Eliten die Konflikte. Die Öffentlichkeit müsste Frieden und Gerechtigkeit viel lauter fordern. Auch das ist ein entscheidender Faktor.

Die militaristische Rhetorik und Hasspropaganda macht die Menschen engstirnig und verringert ihre Fähigkeit, die Lage kritisch zu analysieren und die alternativen Lösungen zu sehen.

Darüber hinaus haben viele Menschen keine Möglichkeit, Menschen der “Gegenseite” direkt zu treffen und kennenzulernen. Die politischen Eliten nutzen das, ihre Gegner zu entmenschlichen.

Wichtiger als die Arbeit mit der politischen Elite ist nach meiner Ansicht die Arbeit mit den Menschen selbst, mit den großen Gruppen. Wir müssen sie ermächtigen, damit sie öffentlich Frieden und Gerechtigkeit fordern können.

Wichtig ist auch konstruktive Arbeit der Medien. Sie können in Konfliktregionen eine Kultur der Gewaltlosigkeit fördern. Sie können den Menschen Alternativen aufzeigen, ihnen helfen, diese zu analysieren. Statt Nachrichten zu senden, die vor allem die Interessen der undemokratischen Elite abbilden.”

Monika Hauser, Deutschland

Hauser

Hauser arbeitet für Medica Mondiale. Die Organisation unterstützt seit 25 Jahren vergewaltigte Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten weltweit. Neben medizinischer, psychosozialer und rechtlicher Beratung fördert Medica Mondiale Angebote zur Existenzsicherung für die Betroffenen wie Spargruppen oder Nähkurse.

“Wir müssen solidarisch sein mit den Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt und unsere patriarchalen Einstellungen und Machtstrukturen in Frage stellen. Jede und jeder von uns kann sich für Geschlechtergerechtigkeit stark machen und wir können sofort damit anfangen.

Auch in Deutschland wird nur ein Fünftel aller Vergewaltigungen angezeigt, nur ein Bruchteil der Täter verurteilt. Dieses Unrecht gilt es öffentlich zu machen – für ein gerechtes und gewaltfreies Miteinander.”

Muhammad Ashafa und James Wuye, Nigeria

Ashafa und Wuye

Imam Ashafa und Pastor Wuye, einst Führer bewaffneter Gruppen, vermitteln zwischen Christen und Muslimen in Nigeria, wo es immer wieder zu Massakern kommt. In ihrem interreligiösen Zentrum arbeiten 14 Pastor-Imam-Teams und bauen Frühwarnsysteme gegen religiös motivierte Gewalt auf, vermitteln bei Konflikten und schulen religiöse Führer in gewaltfreier Konfliktlösung.

“Wir müssen den Menschen ihre negativen Erinnerungen nehmen, sie dürfen sie nicht mit in die Zukunft nehmen.

Wir glauben, Hass und Gewalt lassen sich überwinden, wenn wir Menschen dazu inspirieren, sich gegenseitig zu unterstützen, wenn Jobs geschaffen werden und junge Menschen gerne in ihrer Heimat bleiben wollen. Korruption muss aufhören, denn sie führt zum Raub von Ressourcen, zu Armut und Tod. Und die Europäer müssen aufhören, Waffen nach Nigeria zu bringen.

Korruption ist die eine große Sache, eine andere ist, dass gemeinsamer Glaube, auch wenn man unterschiedlichen Religionen angehört, helfen kann, Hass und Gewalt zu stoppen. Und in Zukunft wird es das Wichtigste sein, ökologische Katastrophen zu verhindern bzw. zu stoppen. Wenn es keine Ressourcen mehr, keine Energie mehr gibt, endet das mit Krieg und Flucht.”

Die Friedensstifter sind Teilnehmer des globalen Friedensgipfels, der im September 2018 in Paretz in Brandenburg stattfindet. Zahlreiche führende Friedensstifterinnen und Friedensmacher aus aller Welt treffen sich beim Global Peacebuilders Summit und beraten darüber, wie ihre Arbeit in Krisengebieten noch wirksamer werden kann. Die Organisation Culture Counts Foundation organisiert diesen Gipfel jährlich, um Friedensstifter zu unterstützen.

(sk)