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19/04/2018 13:56 CEST | Aktualisiert 19/04/2018 13:56 CEST

Was Fische wissen

„Tausende Bücher sind über Fische geschrieben worden, ihre Vielfalt, ihre Ökologie, ihre Fruchtbarkeit, ihre Überlebensstrategien. Und so lassen sich einige Regale füllen mit Büchern und Zeitschriften darüber, wie man Fische fängt. Doch bis heute ist kein Buch im Namen der Fische geschrieben worden“, schreibt Jonathan Balcombe in Was Fische wissen. Wie sie lieben, spielen, planen: unsere Verwandten unter Wasser (mareverlag, Hamburg 2018). Und genau das will er tun.

Der 1959 im südenglischen Hornchurch geborene, in Neuseeland und Kanada aufgewachsene und heute in den USA lebende Verhaltensbiologe Jonathan Balcombe hat recherchiert, ist in der Verhaltensforschung, Soziobiologie, Neurobiologie und Ökologie fündig geworden und hat die dabei gewonnenen Erkenntnisse durch Geschichten von Begegnungen zwischen Mensch und Fisch ergänzt.

Balcombes Hypothese ist simpel, doch sie hat weitreichende Konsequenzen. Sie lautet: Fische sind Individuen und ihr Leben hat einen Eigenwert, unabhängig vom Nutzwert, den sie für uns Menschen haben mögen. Sollte sich diese Hypothese bewahrheiten, wären die Fische berechtigt, denn das ist die daraus folgende Konsequenz,„in unsere Moralgemeinschaft aufgenommen zu werden.“

Die Vielfalt der Fische ist atemberaubend. 33 249 Arten in 564 Familien und 64 Ordnungen (Stand Januar 2016) sind beschrieben worden. Dazu kommt, und dies ist eine biologische Tatsache: Jeder Fisch ist einzigartig. Zudem können Fische sehen. Und sie können hören. Das hat der Zoologe Karl von Frisch bereits in den 1930er-Jahre nachgewiesen.

Spüren Fische Schmerzen? Um Schmerz empfinden zu können, bedarf es eines Bewusstseins. „Ein Bewusstsein zu besitzen, bedeutet, Erfahrungen zu machen, einer Sache Beachtung zu schenken, sich an etwas zu erinnern. Wesen mit Bewusstsein sind nicht nur lebendig, sie führen ein Leben.“ Der gesunde Menschenverstand und die Intuition sagen mir, dass Fische Wesen mit einem Bewusstsein und Gefühlen sind. Und was sagt die Wissenschaft? „Nicht nur ist es die einhellige Lehrmeinung, dass Fische ein Bewusstsein besitzen und Schmerz empfinden, ja, das Bewusstsein hat sich wahrscheinlich sogar bei Fischen zuerst entwickelt.“

Fische haben auch ein Sozialleben. Das lässt sich in jedem grösseren Aquarium mit verschiedenen Fischarten beobachten. „Sie schwimmen miteinander, sie erkennen andere Individuen an ihrem Aussehen, ihrem Geruch, ihrer Stimme sowie mit anderen Sinnen, sie wählen ihre Partner nicht zufällig, und sie kooperieren miteinander.“

Fische, wie wir heute wissen, sind keine Dinge, sondern Lebewesen. Ein Fisch kann planen, lernen und fühlen. Doch dieses Wissen hat kaum Einfluss auf unseren Umgang mit Fischen. Der Fischverzehr in China und Indien, den beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde, ist enorm angestiegen. Die Folge ist, dass die Fischpopulationen zurück gehen. Als Alternative zum Fang wild lebender Fische aus dem Meer, züchtet der Mensch sie in Gefangenschaft. “Aquakultur funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie die industrielle Tierhaltung bei Landtieren.” Auf engstem Raum und mit Spezial-Futter, das auf grösstmögliches Wachstum abzielt.

Was Fische wissen. Wie sie lieben, spielen, planen: unsere Verwandten unter Wasser ist ein wichtiges, ja, ein notwendiges Buch. Wer sich darauf einlässt, wird nicht nur die Fische, sondern die Welt mit neuen Augen sehen.