POLITIK
18/09/2018 18:50 CEST

Was Donald Trumps Penis mit der Krise der US-Demokratie zu tun hat

HuffPost-These.

Kevin Lamarque / Reuters
Donald Trump hat schon genug Probleme. Jetzt aber macht sich auch noch die Pornodarstellerin Stormy Daniels über den Penis des US-Präsidenten lustig. 

Wir müssen reden. 

Über Donald Trumps Penis. Beziehungsweise: Eben nicht über Donald Trumps Penis. Sondern über das, wofür er steht. Also, nicht so steht. Sondern als Symbol. Nein, kein Phallussymbol. Sondern als politische Messlatte.

Okay. Lassen wir das. 

Ja, dieser Text handelt von Donald Trumps Penis. Aber nicht davon, was die Pornodarstellerin Stormy Daniels, mit der Trump eine außereheliche Affäre gehabt haben soll, jetzt über diesen in ihrem neuen Buch schreibt. Sondern darüber, dass sie überhaupt etwas über das präsidiale Geschlechtsteil schreibt. Detailliert. Mit Spott. Und MarioKart-Vergleichen. 

Die ganze Welt kann nun erfahren, wie Trumps Penis wohl aussieht. Wie lang oder kurz er angeblich ist, wie angeblich geformt, wie er angeblich performed.

Und das ist ein Problem. 

Nicht nur, weil wirklich niemand auf der Welt gerne pointierte Beschreibungen über das Genital eines alten Mannes lesen möchte.

Sondern vor allem, weil Daniels Penis-Geläster über Trump ein weiterer Tiefpunkt im politischen Diskurs der USA ist

Sex, Trump und die US-Präsidentschaft

Keine Frage: Sex spielt in der US-Politik seit Jahrzehnten eine große Rolle. 

Warren G. Harding, von 1921 bis 1923 US-Präsident, hatte ausgiebige Affären. Das gleiche wird dem Darling der Nation John F. Kennedy nachgesagt. Genauso wie dem Ex-Präsidenten Bill Clinton, dem zudem mehrere Frauen sexuelle Nötigung vorwerfen und gegen den wegen seiner Affäre mit der Praktikantin Monika Lewinsky ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet wurde. 

Und auch Trumps Sexleben ist ein Politikum. 17 Frauen werfen ihm vor, sie sexuell belästigt, genötigt oder vergewaltigt zu haben. Trump äußert sich immer wieder sexistisch über Frauen, im Wahlkampf wurde ein Tape öffentlich, in dem er sagte, er könne Frauen “einfach an die Pussy packen”. 

Allein dieses Verhalten Trumps disqualifiziert ihn, der moralische Anführer der USA und der Vertreter der Werte – Freiheit, Unabhängigkeit, Gleichberechtigung – der Vereinigten Staaten zu sein. Über Trumps Sexismus zu diskutieren, ihn anzuprangern und (gerichtlich) zu verurteilen ist in einer demokratischen Gesellschaft nicht nur nötig, sondern Pflicht. 

Auch im Fall Stormy Daniels. Jedoch nicht, weil Trump mit der Pornodarstellerin Sex hatte. Sondern wegen den Dingen, die danach passierten. 

Trumps Sex mit Stormy Daniels ist politisch irrelevant – Trumps Handeln danach nicht

Denn Trumps mutmaßliche Affäre mit Daniels mag ihn als Ehebrecher unsympathisch machen. Politisch betrachtet hat der bloße Geschlechtsakt des US-Präsidenten mit einer einvernehmlichen Partnerin jedoch keine direkte Relevanz. 

Was Relevanz hat, ist Trumps Handeln in Folge seiner mutmaßlichen Affäre mit Daniels. Der US-Präsident hat – so sagt es sein Ex-Anwalt Michael Cohen aus – eine Schweigegeldzahlung an die Pornodarstellerin veranlasst. Kurz vor der US-Wahl und mit dem Ziel, den Einfluss der Öffentlichmachung der Affäre auf diese zu verhindern. 

Mehr noch: Cohen hat sich vor Gericht schuldig dafür bekannt, dass das Geld an Daniels auf illegalem Wege aus Trumps Wahlkampfkasse finanziert wurde. Und Trumps Ex-Anwalt sagt: Der heutige US-Präsident wusste darüber Bescheid. 

Trump ist im Fall Cohen ein “unindicted co-conspiritor”, ein noch nicht angeklagter Mitverschwörer. Das ist ein politischer Eklat, der dazu beitragen könnte, die Trump-Präsidentschaft vorzeitig zu beenden. 

Was kein politischer Eklat ist: Trumps Penis. Der ist – ganz egal, wie er aussieht – Privatsache. Selbst bei einem Mann, der hauptverantwortlich dafür ist, dass der politische Dialog in den USA zur Gossenklauberei verkommen ist. 

Trump ist eine Herausforderung für die US-Demokratie – die Reaktionen auf ihn auch

Denn ja, Trumps Verhalten, seine Sprache, seine sexistischen und rassistischen Beleidigungen verdienen Kritik. Jede Aufregung und Fassungslosigkeit und auch jede Wut und jeder Zorn über die skandalösen Eskapaden des US-Präsidenten haben ihre Berechtigung. 

Trump hat die US-Demokratie in eine Krise gestürzt. Indem er radikale, bösartige und schlichtweg falsche Meinungen zur Wahrheit erhebt, hat er es geschafft, dem politischen Diskurs in den USA den Anstand zu nehmen. 

Trumps USA sind postfaktisch – und sie sind rhetorisch brutal.

Doch in diesem Zusammenhang gilt, was die ehemalige First Lady Michelle Obama im Wahlkampf 2016 sagte: “When they go low, we go high” – “wenn sie unter die Gürtellinie gehen, bleiben wir anständig”. 

Wenn die Reaktion auf Trumps vulgäre Art des Umgangs eine ebenso vulgäre Art des Umgangs ist, dann ist dieser Anstand in den USA verloren – und mit ihm die Hoffnung auf ein post-trumpsches Zeitalter, in dem Fakten und Respekt wieder an Bedeutung in der politischen Arena gewinnen. 

Ein Zeitalter, in dem Donald Trump mit seinem Penis (im Rahmen der geltenden Gesetze!) machen kann, was er will. Ohne, dass wir es bis ins kleinste Detail erfahren müssen.

Außer natürlich, er zwingt uns dazu: 

(ame)