POLITIK
09/07/2018 17:03 CEST | Aktualisiert 09/07/2018 17:03 CEST

Was die Özil-Debatte über die wahren Probleme Deutschlands aussagt

Mit vernünftigen Argumenten ist die Causa Özil schon lange nicht mehr zu erklären.

Getty / HuffPost
Nationalspieler Mesut Özil.

Nehmen wir kurz eine außerirdische Perspektive an. Stellen wir uns einen Astronauten vor, der in einigen Stunden nach einer mehrmonatigen Mission aus dem All zurückkehrte und von dem deutschen Debattenwahnsinn der vergangenen Wochen verschont geblieben ist.

Dieser Astronaut würde irgendwann nach seiner Landung zum ersten Mal wieder online sein. Er würde danach beim Lesen der Sportnachrichten schnell feststellen, dass die deutsche Nationalmannschaft nach einer ziemlich armseligen Vorstellung bereits Ende Juni in der Vorrunde der Fußball-WM ausgeschieden ist.

Und auf Facebook sähe er seinen Freunden dabei zu, wie sie sich immer noch über Mesut Özil die Köpfe einschlagen. Mit einer Vehemenz, die viel über den seelischen Zustand dieses Landes aussagt. Über rechtsradikale Politik, moralinsaure Besserwisserei und den Zustand deutscher Institutionen.

Nicht mit Vernunft zu erklären

Unser Weltraumreisender hätte einigen Grund dazu, sich wieder auf seine Umlaufbahn zu wünschen. Mit gutem Recht. Denn mit vernünftigen Argumenten ist die Causa Özil schon lange nicht mehr zu erklären.

Der Fußball-Millionär vom FC Arsenal ist zum Mittelpunkt eines Kulturkampfs geworden. Und wer keine klare Meinung zu Mesut Özil hat, gerät derzeit allzu leicht zwischen die Fronten.

Da sind zum einen die Rechten in Deutschland, insbesondere vertreten durch die AfD. Deren Beauftragte für Profifußball und Halbzeitgeschwätz, Alice Weidel, feierte während der WM die Nichtaufstellung von Özil im Spiel gegen Schweden mit den Worten “AfD wirkt”.

Weidel bezog sich wohl darauf, dass die AfD bereits zuvor wochenlang Stimmung gegen Özil gemacht hatte.

Geschlossene Lippen

Angefangen mit dem Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, über den muslimischen Glauben des Fußballers bis hin zu der Tatsache, dass Özil – ähnlich wie die komplette WM-Mannschaft von 1974, die bis auf Rainer Bonhof ausschließlich aus Biodeutschen bestand – aus Konzentrationsgründen nicht bei der Nationalhymne mitsingen wollte.

Tatsächlich geriet die WM für die AfD zum Propagandaerfolg.

Noch bei der Europameisterschaft im Jahr 2016 hatte die AfD erfolglos versucht, den Fußball für sich zu vereinnahmen. Alexander Gauland hatte damals schwadroniert, dass man viele Deutsche jemandem wie Jerome Boateng nicht zum Nachbarn haben wollten.

Es folgte ein Aufschrei.

Die AfD hatte mit diesen offensichtlich rassistisch gemeinten Äußerungen keine Chance, in die Mitte der Fußballgesellschaft vorzudringen. Das war nun im Jahr 2018 anders. Auch Weidel dürfte klammheimlich bemerkt haben, dass es ihr gelungen war, die Gesellschaft an dieser Frage zu spalten.

Das lag jedoch auch an der Starrköpfigkeit der Beschützer von Mesut Özil.

Angriffsziel für Rassisten

Der Fußballer ist seit Jahren Ziel von rassistischen Angriffen. Und es ist wichtig, ihn davor zu verteidigen. Doch in Deutschlands Kommentarspalten mutierte diese Diskussion bald zur Symboldebatte: Wer für Özil ist, der wendet sich gegen den Rechtsruck in diesem Land. Und das war ein großer Fehler, denn nur so bekamen die Rechten überhaupt Deutungshoheit über die Fußballnation.

Aus Prinzip wurde jede gerechtfertigte Kritik an der öffentlichen Darstellung von Özil abgeschmettert. Dabei geriet zum Beispiel außer Acht, dass sich dieses Turnier zum großen Waterloo der Fußball-Superstars entwickelte.

Die Zeit von hochbezahlten Kickern, die sich selbst als Marke inszenieren und die sich über die eigene Mannschaft stellen, ist vorbei. Sie wirken in einem Turnier, das vor allem durch geschlossene Teamleistungen geprägt wird, wie aus der Zeit gefallen.

Brasiliens Neymar bleibt nach dieser WM allenfalls für seine theatralischen Erderkundungseinlagen in Erinnerung. Argentiniens Lionel Messi hat wieder einmal bei einem großen Turnier nicht die Leistung gezeigt, mit der er Barcelona im Alleingang auf Weltklasseniveau heben kann.

Und ein Cristiano Ronaldo allein hat auch für Portugal nicht ausgereicht, um das Aus in der zweiten Runde zu verhindern. Oberkörper hin, Trainingsfleiß her.

Martin Rose via Getty Images
2014 war er noch der Volksheld: Mesut Özil, hier mit FIFA-WM-Pokal nach dem Finalsieg gegen Argentinien. 

Zuerst der Club, dann die Nationalmannschaft

Ähnlich verhält es sich auch mit Özil: Der Mann, der bei Arsenal bisweilen brillant spielt, hat es mal wieder im Nationaldress verpasst, dem DFB seinen Stempel aufzudrücken.

Die Zweifel, ob Özil überhaupt mit ganzem Herzen an der weitgehend ehrenamtlichen Tätigkeit in der Nationalmannschaft hängt, hat der Fußballer selbst befeuert. Zum Beispiel durch sein Fernbleiben beim Confed-Cup 2017.

Schon lange ist der Eindruck entstanden, dass Fußballer wie Özil und Messi ihren Job vor allem über ihre Tätigkeit bei ihren Clubs definieren. Denn dort gibt es die Millionen zu verdienen. Große Turniere mit der Nationalmannschaft taugen allenfalls noch dazu, den eigenen Marktwert zu steigern.

Özil selbst hat auch durch seine im Zuge der Panama-Papers bekannt gewordenen Steuerprobleme nicht unbedingt dazu beigetragen, den Glauben daran zu stärken, dass es ihm nicht nur ums Geld ginge. Auch die Streitigkeiten in seiner eigenen Familie um das Management des Stars und den Wechsel zu Arsenal im Jahr 2013 wirkten in diese Richtung.

Betriebsblinde Fans

Das alles nehmen die Fans übel. Und wenn fortschrittlich denkende Özil-Verteidiger das aus dem Blick verlieren, zeigen sie mit moralischer Verve eine gewisse Betriebsblindheit gegenüber Debatten, die in der Fußball-Community über Jahre gewachsen sind.

Özil ist zu einer deutschen Symbolfigur für die Kapitalismuskritik am Fußball geworden. Die zeigt sich unter anderem am Unbehagen gegenüber der geschäftsmäßigen Vermarktung des Sports als Produkt, aber auch in der Auflösung von traditionellen Werten zugunsten höherer Renditen.

Dafür steht Özil wie kaum ein zweiter in Deutschland. Und er lebt sehr gut davon, eine “internationale Marke” zu sein, in einer Fußballwelt, wo viele Fans sich selbst im Gemeinschaftserlebnis Sport nicht mehr wiedererkennen können.

Traurige Rolle des DFB

Und dann ist da noch die traurige Rolle des DFB, die in diesen Tagen einige Parallelen mit anderen deutschen Institutionen aufweist. Ein sehr verdienstvoller Verband, der erst an der eigenen Mutlosigkeit gescheitert ist und nun hilflos mit der Bewältigung des angerichteten Schadens kämpft.

Natürlich wäre es richtig gewesen, Özil wegen seines Erdogan-Besuchs und seines anschließenden Schweigens nicht für das Turnier in Russland zu berücksichtigen. So hätte man sich eine Menge Ärger innerhalb des Teams erspart.

Doch vor dem Turnier hatten die Offiziellen vom DFB dafür nicht genügend Mumm.Deswegen treten sie nun nach dem Turnier mit Ultimaten und Aufforderungen gegen Özil aus. Das ist erbärmlich und erweckt den Eindruck, dass für die katastrophale WM in Russland ein Sündenbock gesucht werden soll.

Angenommen, man war die vergangenen Monate im All: Es gäbe einigen Grund, sich um dieses Deutschland Sorgen zu machen.