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POLITIK
04/03/2019 12:00 CET | Aktualisiert 04/03/2019 12:26 CET

Was die Menschen im Norden Englands von einem zweiten Brexit-Referendum halten

Der Norden Englands gilt als Hochburg der Brexit-Wähler. Aber stimmt das wirklich?

Es war eine scharfe Warnung an Jeremy Corbyn, ausgesprochen von einem seiner Parteikollegen. Sollte der Labour-Chef ein zweites Brexit-Referendum unterstützen, wäre das “das Ende von Labour im Norden”. 

Aber hatte der Abgeordnete John Mann damit Recht? Sind die Menschen im Norden Englands wirklich ein einheitlicher Block von Wählern, die den Brexit befürworten? 

Zwar zeigten die Ergebnis-Grafiken bei der Brexit-Abstimmung 2016 einsame Inseln von Remainern, von Menschen, die für den Verbleib in der EU votierten, in einem Meer von Leave-Wählern. Dennoch haben auch die Engländer im Norden so unterschiedliche wie wechselnde Ansichten über den Brexit wie der Rest Großbritanniens. 

Die HuffPost UK hat sich einen Monat vor dem geplanten Austritt aus der Europäischen Union auf eine einwöchige Reise durch das Herz Nordenglands gemacht, um den Engländern von Liverpool und Hull über Leeds und Manchester bis hin zu den Fabrikstädten Lancashire und Yorkshire entlang der Autobahn M62 eine Stimme zu geben. 

Ihr Antworten zeigen, wie sehr die Menschen die taktischen Manöver der britischen Politik verabscheuen. Wie sich ihre Ansichten über den Brexit nach dem Chaos der vergangenen Monate und Jahre verändert haben. Und wie tief der Brexit die britische Gesellschaft spaltet. 

Ein zweites Referendum als “Nebelkerze”? 

In der Labour-Hochburg von Warrington (54 Prozent für Leave) wurde Manns Theorie sofort von Mike Nolan auf die Probe gestellt.

Der Brexit-Gegner ist für ein zweites Referendum und betonte: “Wir sind nicht alle Flat Caps und Whippets hier oben, wir haben unsere eigenen Meinungen.” Die traditionellen Kappen und die Hunderasse Whippet gelten als typisch für Engländer im Norden. 

Mike Nolan sagte weiter: “Ich denke, wenn es eine Möglichkeit gibt, wieder das Volk zu befragen und zu sagen: ‘Was ihr gewählt habt, hat sich verändert’, denke ich, wäre es interessant.”

Weiter entlang der Autobahn im Dorf Birstall in West Yorkshire (60 Prozent für Leave in Batley und Spen) versuchte ein Wähler, die Bedenken von John Mann auszuräumen.

Carl Gottowick sagte, die Idee, dass Corbyn Unterstützung verlieren würde, sei eine “Nebelkerze”. Er glaubt: Die Wähler würden den Brexit hinter sich lassen bei den nächsten Parlamentswahlen. 

Gottowick sagte weiter, während er auf seinen Bus wartete: “Wenn es heißt, dass es die Labour-Wähler waren, die für Leave gestimmt haben, wer waren dann all die Remainer?”

Mehr zum Thema: Der Weg zum zweiten Brexit-Referendum ist komplizierter, als viele glauben

Misstrauen gegen Jeremy Corbyn

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Graffiti in Goole in East Yorkshire.

In einem Punkt haben Corbyns parteiinterne Kritiker allerdings Recht: Weiße, ältere Wähler der Arbeiterklasse wenden sich von Labour ab.

Die Unterstützung eines zweiten Referendums dürfte dem Labour-Chef bei dieser Wählergruppe kaum helfen. Allerdings scheint es, dass die meisten – vier Jahre nach Corbyns Amtsantritt als Oppositionsführer – der Partei bereits den Rücken zugekehrt haben. 

In der unscheinbaren Hafenstadt Goole in East Yorkshire (66 Prozent für Leave) prangt ein Graffiti an einer Hauswand: “Brexit means migration control”. Der EU-Austritt bedeute mehr Kontrolle bei Einwanderung. 

Ray Kinder brachte die Situation hier vielleicht am besten auf den Punkt. 

Der Leave-Wähler sagte, beim Brexit-Prozess derzeit frage er sich: “Tun wir das Richtige?”

Aber auch wenn Corbyn ihm nun eine erneute Wahl anbietet, sagte Kinder: “Ich bin ein Labour-Mann, richtig, und jetzt haben wir diesen Kerl bei Labour, dem ich nicht traue.”

Judy Warner, die in Hull (67,6 Prozent für Leave) lebt, will, dass der Brexit am 29. März stattfindet. “Sonst sind wir eine Lachnummer.”

Auch sie hat sich längst von der Labour-Partei abgewandt, wegen weitaus grundlegenderer Probleme mit Corbyn.

Sie sagte: “Ich war eine überzeugte Labour-Wählerin. Und jetzt sehe ich jemanden, der offenbar im Jahr 1972 lebt, als die Gewerkschaften das Sagen hatten. Der in einer Welt lebt, die nicht mehr real ist.”

Auch die Jugend sieht Corbyn skeptisch

Die Herausforderung für Labour, eine so vielfältige Wählerbasis anzusprechen, hob auch Joe Harwood, ein 19-jähriger Theater-Student in Hull, hervor.

Er unterstützte Labour bei den Parlamentswahlen 2017, ist für ein zweites Referendum und würde dabei Remain wählen. 

Aber auch er hat ein Problem mit Corbyn. Kürzlich habe er entdeckt, dass Corbyn sein ganzes politisches Leben lang euroskeptische Positionen vertreten habe: 

“Jeremy Corbyn, ja, er mag ein weiteres Referendum unterstützen, aber er wollte ursprünglich die EU verlassen, während die arme Theresa May, obwohl sie viel falsch gemacht hat, bleiben wollte.”

Ein weiterer überzeugter Remainer, David Nicholls in Leeds (50,3 Prozent für Remain), beschrieb den Brexit als “einen Haufen verf***ten Mülls”, betrachtet die Aussicht auf ein weiteres Referendum aber als “sehr deprimierend”. Corbyns Schritt, nach langem Zögern eine neue Volksabstimmung zu unterstützen, hielt er für zynisch. 

“Seine gesamte politische Karriere war er gegen die Mitgliedschaft in der EU. Aber er versucht verzweifelt, die Labour-Partei zusammenzuhalten, die genauso gespalten ist wie die Tories”, sagte Nicholls.

Steve Temple in Goole ist ein Ukip-Anhänger und beobachtete einen ähnlichen Mangel an Ehrlichkeit bei Corbyn.

“Er ist ein doppelzüngiger Mensch.” Temple zitierte auch Corbyns Slogan “Für die vielen, nicht die wenigen.”

“Die vielen haben für den Brexit gestimmt und er versucht, die wenigen dazu zu bringen, das zu stoppen”, erklärte Temple seine Meinung. 

Auch Remainer werden nun zu Euroskeptikern

Viele Menschen halten ein zweites Referendum für eine Strategie, um den Brexit doch noch zu stoppen. Doch Pauline und Neil Delaney in Warrington sehen das anders. Das Paar stimmte zwar für Remain – will aber keine zweite Abstimmung.

Neil sagte: “Wir haben das Ergebnis. Und ob es einem gefällt oder nicht, man muss sich daran halten.”

Pauline sagte, sie würde nun tatsächlich für Leave stimmen, hätte sie noch einmal die Wahl. Beim Brexit-Gerangel habe die EU ihr wahres Gesicht gezeigt. 

“Ich denke, sie sind eine ziemlich bigotte, tyrannisierende Organisation und ich glaube wirklich nicht, dass unser Land ein Teil dessen sein sollte. Ich denke, Großbritannien ist besser als das”, betonte sie. 

Bricht das Parteiensystem auseinander?

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Kaum jemand im Norden sprach über die neue Independent Group, eine Gruppe von abtrünnigen Labour- und Tory-Abgeordneten, die ihre Partei aus Protest verließen.

Oliver Morton in Halifax (58 Prozent für Leave) aber sieht in der Gruppe den Verboten einer größeren Neuausrichtung des britischen Parteiensystems. 

Er sagte: “Wenn es das nächste Mal an die Urnen für die Parlamentswahl geht, denke ich, wird es eine große Überraschung geben. Ich denke, es wird wahrscheinlich seismische Verschiebungen in der Art und Weise geben, wie Politik in Großbritannien funktioniert. Ich glaube nicht, dass das Zwei-Parteien-System überleben wird.”

Pärchen-Zwist über den Brexit

Wie gespalten auch Nordengland bei der Brexit-Frage ist, zeigte ein Pärchen in Oldham (60 Prozent für Leave), eines von der Politik vernachlässigsten Gebiete des Landes. 

Thomas Faseyiku, 19 Jahre alt, und Joyce Odunmakinde, 18, fanden erst beim Gespräch mit HuffPost UK heraus, dass sie völlig unterschiedliche Ansichten über den Brexit hatten.

Faseyiku sagte: “Der Brexit ist wunderbar, ich unterstütze den Brexit; es ist cool. Ich glaube an den Brexit. Es wird funktionieren, es wird das Land besser machen.”

Er denkt, dass Großbritannien durch den EU-Austritt illegale Einwanderer besser kontrollieren könne. 

Doch seine Freundin Joyce Odunmakinde war entsetzt und rief: “Oh mein Gott.” Sie hielt sich die Hände vors Gesicht. 

Sie ist gegen den Brexit und hat Bedenken, dass der Brexit ihr das Reisen erschweren wird. Odunmakinde hat keinen britischen, sondern nur einen deutschen Pass. 

Über die Ansichten ihres Freundes sagte sie: “Ich respektiere seine Ansichten nicht. Ich habe ihn nie nach seiner Meinung über den Brexit gefragt, es ist das erste Mal, dass ich das höre, und ich bin schockiert.”

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost UK und wurde von Leonhard Landes ins Deutsche übersetzt und editiert.