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30/11/2018 10:31 CET | Aktualisiert 30/11/2018 10:31 CET

“In Mathe bin ich Deko”: Was beim Thema Gleichberechtigung grundlegend schief läuft

Geschlechterklischees im technischen Bereich halten sich zäh.

e27

Bewaffnet mit Vorurteilen zogen die Gegner des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren in den Kampf. Unter anderem sprachen sie Frauen die intellektuelle Eignung zur politischen Beteiligung ab. Eine deutsche Kanzlerin? Undenkbar! Heute kann eine Fünfjährige sich sehr gut vorstellen, Bundeskanzlerin zu werden. 

Frauen und Technik – das ist allerdings auch im Jahr 2018 noch ein schwieriges Thema voller Klischees. Dabei brauchen wir in der Technik dringend mehr Frauen – und auch mehr Diversität.    

Heute vor 100 Jahren wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht gesetzlich verankert. Der Einführung gingen damals Jahre heftiger Debatten voraus.

Konservative Männer verwiesen auf die natürliche intellektuelle Unterlegenheit der Frau, die ihr eine politische Teilhabe unmöglich mache.

Friedrich Sigismund, Mitbegründer des Bundes zur Bekämpfung der Frauenemanzipation, argumentierte damals in einem Aufsatz: “Fortgesetzte geistige Anstrengung muß sie (die Frau, Anm. d. Autorin) in der Regel mit einem Zusammenbruch ihrer Kräfte büßen.”

“In Mathe bin ich Deko”

Heute wissen wir, dass Frauen zu allerlei fortgesetzten geistigen Anstrengungen imstande sind – sogar in der Politik, was gerade Angela Merkel seit mehr als einer Dekade demonstriert.

Die Stereotype zu Frauen und Technik werden allerdings auch in der Gegenwart noch gepflegt: 2013 brachte der Textilhändler Otto ein Mädchen-T-Shirt auf den Markt; darauf prangte in großen Lettern: “In Mathe bin ich Deko”.

Zwar zog das T-Shirt eine Welle der Empörung nach sich, Otto nahm es schließlich wieder aus dem Sortiment. Dennoch macht dieses Beispiel deutlich, wie zäh sich Geschlechterklischees im technischen Bereich halten.

Das zeigen auch Umfragen und Erhebungen der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech).

Laut dem MINT Nachwuchsbarometer von acatech und der Körber-Stiftung sind Mädchen in den Leistungskursen Mathematik, Chemie, Physik oder Informatik mäßig bis sehr deutlich unterrepräsentiert.

Technik wird noch immer als Männerdomäne dargestellt 

Entsprechend niedrig ist der Anteil an Frauen in technisch-naturwissenschaftlichen Ausbildungen und Studiengängen – und er sinkt mit jeder Stufe der Karriereleiter in Forschung oder Unternehmen weiter.

Bei gleicher Begabung – das bestätigt auch nochmal eine über einen Beobachtungszeitraum von 40 Jahren durchgeführte Studie aus den USA – schlagen Frauen seltener technisch-naturwissenschaftliche Karrieren ein.

Sie hören auf Lehrer, Eltern und andere Menschen in ihrem Umfeld, die ihnen von diesen Berufen abraten, weil diese nichts für Frauen seien. Sie lassen sich von Büchern, Filmen oder Werbekampagnen – aktuelles Beispiel: die #Männertage-Kampagne von Media-Markt – beeindrucken, die Technik als Männerdomäne darstellen.

In der Folge fehlt es in der Technik an einer weiblichen Perspektive – doch genau diese muss dort angesichts einer immer stärkeren Durchdringung aller Lebensbereiche durch die Digitalisierung unbedingt einfließen.

So wie Frauen sich gesellschaftliche Mitbestimmung durch das Wahlrecht erkämpft haben, gilt es nun, die eigenen Stereotype zu überwinden und sich gestaltend in die Technikentwicklung einzubringen. Davon würde auch die Wirtschaft profitieren – nicht nur, weil Fachkräfte fehlen.

Mehr Diversität führt zu besseren, innovativeren, verantwortlicheren und erfolgreicheren Produkten.

Frauen haben ihre Kritiker widerlegt

Und auf der anderen Seite ist auch in der Anwendung von Technik die Perspektive von Frauen wichtig: Wo Facebook das Zusammenleben verändert, Roboter für neue Formen der Mensch-Maschine-Interaktion bei der Arbeit verantwortlich sind, wo Künstliche Intelligenz für einen grundlegenden Wandel der Mobilität sorgt und das Smart Phone die Alltagskommunikation revolutioniert – überall müssen Frauen ihre Perspektive einbringen, die Vor- und Nachteile dieser Entwicklungen aufdecken und diskutieren.

Frauen haben die Kritiker des Frauenwahlrechts, die ihnen Anfang des 20. Jahrhunderts die Eignung zur politischen Beteiligung abgesprochen haben, inzwischen widerlegt.

Sie sollten sich nun aufmachen, die Frauen-und-Technik-das-passt-nicht-zusammen-Kritiker der Gegenwart zu widerlegen!