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15/02/2019 14:09 CET | Aktualisiert 15/02/2019 14:09 CET

Warum wir uns vom Kapitalismus verabschieden müssten, um das Klima zu retten

Klingt wie linksradikale Systemkritik? Leider ist es das wohl nicht.

DuKai photographer via Getty Images

Die Angst nimmt zu. Zwei Drittel der Weltbevölkerung sagt mittlerweile, dass sie den Klimawandel für die größte Bedrohung der Menschheit hält. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Washingtoner Pew Research Centers. Und die Sorge ist berechtigt.

Zwar stecken sich Regierungen weltweit ambitionierte Klimaziele. Aber wie sie diese Ziele erreichen möchten, bleibt unklar. Und die Zeit rast: Wenn das 1,5-Grad-Ziel im Kampf gegen den Klimawandel noch erreicht werden soll, muss sich in den Industrienationen in sehr kurzer Zeit sehr viel verändern.

Auch in Deutschland. Bis 2030 möchte Union und SPD die Treibhausgase um 55 Prozent senken. Bis 2050 soll Deutschland ganz treibhausgasneutral werden. So steht es zumindest im aktuellen Klimaschutzplan

Wie genau die Ziele erreicht werden sollen, steht aber noch nicht fest. Die Bundesregierung nennt nur Ideen, die sie schon lange bekannt sind: Förderung von energieeffizienten Gebäuden, Strom aus erneuerbaren Energien, mehr Elektroautos.

Mehr zum Thema: Die Buzzard-Recherche zu Kapitalismus und Klimawandel als Podcast hören

Aber reicht das, um das Klima zu retten?

Wir von The Buzzard haben in der Medienwelt nach Expertenstimmen gesucht, die diese Frage beantworten. Viele Politologen, Ökonomen und Umweltexperten sagen ganz klar: Nein, das reicht nicht. Grünes Wachstum, erneuerbare Energien, Elektroautos – das alles wird nicht die Veränderung bringen, die wir brauchen.

Denn das Problem liege tiefer, schreiben die Kritiker. Das Problem ist das grundlegende Wirtschaftssystem, in dem wir leben. Der Glaube an endloses Wachstum, die Konsumideologie unserer Gesellschaft – kurz: der Kapitalismus selbst.

Das klingt nach Ideologiekeule, nach überzogener linker Systemkritik. Ist es aber nicht. Wir haben stichhaltige Argumente gefunden, warum die Menschheit die Klimaziele nicht erreichen wird, so lange es Kapitalismus gibt.

Die drei wichtigsten fassen wir von The Buzzard hier für euch zusammen:   

1. Grünes Wachstum gibt es nicht Großbritannien könnte nach No-Deal-Brexit der EU militärische Hilfe

Seit 2011 fördern die Vereinten Nationen, die Weltbank und die OECD Staaten und Unternehmen darin, sogenannten “Green Growth“ (zu deutsch: Grünes Wachstum) anzustreben.

Die Idee dahinter: Wir müssen Kapitalismus nicht abschaffen, um das Klima zu retten, wir müssen nur die Richtung ändern, in die Kapitalismus sich entwickelt. Denn Wachstum per se sei nicht schädlich. Was schade, seien Industriezweige, die die Umwelt zerstören. Produkte, die abhängig sind von Ölbohrungen, Regenwald-Abholzung oder Fracking.

Deshalb wollen Regierungen, Kapitalanleger und Organisationen Produkte und Technologien fördern, die nachhaltig sind. Grünes Wachstum statt Wachstum ist die Devise. 

Zahlreiche Ökonomen halten die Idee von Grünem Wachstum für naiv. Ein besonders überzeugendes Argument haben wir bei Jason Hickel gefunden. Hickel lehrt Anthropologie an der London School of Economics und forscht zu Ökologie und globaler Gerechtigkeit.

Im US-Magazin “Foreign Policy” macht er klar, warum Wachstum nicht grün sein kann: Wenn die Menschheit auf grünes Wachstum setzt, wächst der Ressourcen-Verbrauch trotzdem viel zu schnell. Die Menschheit wird selbst in einer Welt mit grünem Wachstum bis 2050 so viele Ressourcen verbrauchen, dass wir das Klima nicht werden retten können. 

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Hickel belegt sein Argument mit drei unabhängigen Studien. Eine von ihnen wurde vom UNEP errechnet, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen – eine Institution, die sich seit Jahren für grünes Wachstum stark macht.

Man müsste also meinen, dass die UNEP ihrer Berechnung wohlwollende Annahmen zugrunde legt. Die Zahlen der UNEP sind erschreckend. Langfristig müsste der Ressourcen-Verbrauch der Menschheit bei rund 50 Milliarden Tonnen liegen, um nachhaltig auf der Erde leben zu können. Aktuell verbrauchen Menschen rund 72 Milliarden Tonnen pro Jahr.

 

Und die Studie zeigt: Selbst unter optimistischen Bedingungen, selbst wenn grünes Wachstum in den nächsten Jahren stark gefördert wird (hohe Steuern auf Gas und Öl, rapider Fortschritt bei den erneuerbaren Energien) würde der Ressourcen-Verbrauch der Menschheit von aktuell 72 Milliarden Tonnen pro Jahr auf 132 Milliarden Tonnen im Jahr 2050 steigen. Klar ist: 132 Milliarden Tonnen im Jahr sind zu viel. Deutlich zu viel.

Das Fazit von Hickel und vielen anderen Ökonomen ist deshalb klar: Menschen verbrauchen selbst, wenn das Wachstum grün ist, zu viel Ressourcen. „Grünes“ Wachstum sei eine Illusion, die das Klima nicht retten kann.  

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2. Unternehmen werden es nicht richten Großbritannien könnte nach No-Deal-Brexit der EU militärische Hilfe

Das zweite Argument, warum Kapitalismus und Klimaschutz nicht zusammengehen, findet sich beim Wissenschaftsjournalisten Markus Schulte von Drach.

In einem Essay in der “Süddeutschen Zeitung” klagt von Drach über den Zeitgeist. Politiker, Unternehmer und Bürger seien mutlos und übernähmen keine Verantwortung für das, was seiner Meinung nach wirklich wichtig ist: Die Sicherung unserer aller Lebensgrundlage, der Schutz des Klimas.

“Dabei geht es ja schon lange nicht mehr darum, die Menschen in den Industrieländern ausreichend mit Nahrung, Wasser, Wohnraum, Gesundheit und Bildung zu versorgen“, betont von Drach.

Und trotzdem gingen Politiker und Unternehmer die wirklich großen Schritte nicht an. Eine Deadline nach der anderen rausche vorbei. Aber statt drastischere Maßnahmen einzuführen, haben Staaten wie Deutschland bisher nur die Ziele nach hinten korrigiert. Als beispielsweise klar wurde, dass Deutschland die Klimaziele 2020 nicht erreichen würde, hat die Bundesregierung sich damit entschuldigt, dass es dafür 2030 klappen wird.

Der Grund für dieses verantwortungslose Handeln sieht von Drach vor allem auch im “globalen Siegeszug des Kapitalismus und seiner Wachstumsideologie“.  

Denn von Drach stellt fest: “Wachstum von Unternehmen und Produktionen in einer Welt begrenzter Ressourcen geht irgendwann nur noch auf Kosten der Umwelt oder durch Kannibalismus.“

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Seit den späten 1980ern sei die staatliche Kontrolle von Unternehmen im Zuge des Neoliberalismus immer weiter gelockert worden. Das Ergebnis: Rapides globales Wachstum und immer schneller voranschreitende Zerstörung des Planeten.

Deshalb ist für ihn klar: Man dürfe die Kontrolle über so große und wichtige Felder wie Digitalisierung, Mobilität und Wohnen nicht kapitalistischen Unternehmen überlassen. Die Kontrolle dürfe sich nicht nach den Regeln des Marktes richten, sondern nach den Regeln der Vernunft.

Eine solche „Revolution der Vernunft“ könne man von Unternehmen nicht erwarten, eben weil sie wachstumsorientiert sind.

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 3. Auf die Elite können wir uns nicht verlassen Großbritannien könnte nach No-Deal-Brexit der EU militärische Hilfe

Naomi Klein bringt in einen dritten Grund in die Debatte mit ein, warum Kapitalismus das Klima nicht retten kann. Die kanadische Journalistin gilt als Superstar der Globalisierungskritik. Kleins Buch “Die Entscheidung“ handelt vom fundamentalen Konflikt zwischen Kapitalismus und Klimawandel.

In diesem Buch formuliert Klein folgende These: Der notwendige Klimaschutz wird absichtlich nicht angegangen. Denn die Klimaziele stünden im Konflikt mit den Idealen der freien Marktwirtschaft. Sie bedrohen damit die Ideale einer elitären Minderheit, meint Klein. Und diese elitäre Minderheit habe kein Interesse daran, wirklich etwas zu ändern. Weil es ihren Status gefährde.

Wenn die Industriestaaten die Klimaziele erreichen wollten, müssten sich Gesellschaft und Wirtschaft radikal gegen diese Minderheit auflehnen und ein neues umweltverträgliches Wirtschaftssystem etablieren. Notwendig sei laut Klein: Langfristige statt kurzfristige Planung, rapide Umstellung auf energieeffiziente Transportmittel, drastische Regulierungen für Unternehmen, mehr lokale Produktion, weniger Konsum, höhere Steuern und mehr Umverteilung.

So lange wir am Kapitalismus festhalten, werde es zu diesen Reformen nicht kommen, prophezeit Klein. So lange die globale Elite an der Macht bleibe, würden die wirklich wichtigen Schritte nicht eingeleitet.

Der einzigen Weg, Klimawandel zu bekämpfen, sei deshalb, wenn die Zivilgesellschaft sich gegen die Elite auflehne. Wenn Menschen auf die Straße gehen, Petitionen unterschreiben und Politiker und Wirtschaftseliten herausfordern. Das Volksbegehren gegen Insektensterben in Bayern würde Naomi Klein wohl als ersten Schritt in die richtige Richtung werten.  

Zu jeder Debatte gehören zwei Seiten. Auf TheBuzzard.org zeigen wir aktuell die wichtigsten Positionen von Klima-Experten, Ökonomen und Politikwissenschaftlern im Überblick. Nicht alle sehen Kapitalismus als Feindbild. Einige Stimmen zeigen: Kapitalismus könnte das beste Instrument sein, um das Klima zu retten. Ihr wollt wissen warum?

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