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01/06/2018 16:45 CEST | Aktualisiert 01/06/2018 16:45 CEST

Warum wir mehr Tech Life Balance brauchen

Andrew Heimerl
Tech Life Balance

Ich wohne derzeit in Berlin und war mal wieder zur Rush Hour morgens mit der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Eigequetscht zwischen ein paar bleichen Hipstern, die gerade nach einem 48 Stunden Rave auf dem Weg nach Hause waren, Eltern, die Ihre Kinder in aller Herrgottsfrühe in den Kindergarten brachten und super busy Beratern in viel zu warmen und unbequemen Anzügen. So stand ich in mitten eines Querschnitts unserer Gesellschaft und schaute mich um. So unterschiedlich diese Menschen um mich herum waren, eines hatten sie alle gemeinsam. Den Blick gesenkt, den Daumen erhoben und das Smartphone in der Hand.

Auf dem letzten Stück zu Fuß ins Büro musste ich zwei Passanten ausweichen die dieselbe, für unsere Gesellschaft prototypische Haltung eingenommen hatten und dadurch fast frontal in mich hineingelaufen wären. Nach dieser Walking Dead ähnlichen Erfahrung endlich im Büro angekommen, veränderte sich die Szenerie nur minimal. Statt der Smartphones, starrten meine Kollegen (und ich für die nächsten 8 Stunden ebenfalls) auf die Bildschirme Ihrer Laptops. Erschrocken über diese Erkenntnisse an diesem noch jungen Tag beschloss ich, einen Digital Detox Tag (zumindest mein Smartphone betreffend) einzulegen.

Bereits nach 20 Minuten verspürte ich den inneren Drang, auf diesen kleinen Knopf zu drücken und zu checken, ob irgendwo an meinen Apps einer dieser kleinen roten Punkte zu sehen ist. Hat mein Handy nicht gerade vibriert? Vielleicht eine neue WhatsApp Nachricht? Ein neuer Like für mein cooles Bild auf Instagram? Ein neuer Snap von meiner Freundin aus dem Urlaub? Und zack, nicht mal nach einer halben Stunde war es auch schon wieder vorbei mit dem Detox und die bohrende Frage kam in mir auf: Habe ich wirklich so wenig Selbstbeherrschung?

Doch was genau ist es eigentlich das uns dazu verleitet, am Tag im Schnitt 88-mal auf unser Telefon zu schauen und dabei alle 18 Minuten das zu unterbrechen, was wir gerade tun? Und vielleicht noch wichtiger: Welchen Einfluss hat dieses Verhalten auf uns, unseren Selbstwert und unsere realen, analogen Beziehungen?

Digitalisierung ist unbestritten das große Thema unserer Gesellschaft. Es gibt kaum einen Bereich unseres Lebens in welcher Technologie noch keinen Einzug gehalten hat. Von Fitness-Bändern mit deren Hilfe sich genau tracken lässt, ob man heute schon seine 10.000 Schritte erreicht hat, über Alexa die uns mit Ihrer monotonen Stimme über den Sinn des Lebens aufklärt, bis hin zu Tinder, durch das sich das Flirten auf einen simplen „swipe“ nach rechts reduziert hat.

Unser Leben spielt sich mittlerweile in zwei Welten ab. Einer analogen und einer digitalen. Wir erschaffen virtuelle Abspaltungen unseres Ichs, die nicht selten dazu führen, dass wir uns durch Instagram, Snapchat, Facebook und Co. immer weiter von unserem authentischen Selbst entfernen. In Zeiten von Cyber Mobbing, digitaler Überwachung und dem Cambridge Analytica Skandal passiert es verständlicherweise somit schnell, dass die Technologie und soziale Medien an den Pranger gestellt werden. Doch was hierbei häufig verdrängt wird ist, dass all diese Dinge durch Menschen produziert werden und sich im Internet negatives nicht auf einmal ­­­in positives umwandelt. Oder wie der ITler so schön sagt: Das Problem sitzt nun mal meist vor dem Gerät.

Wir können natürlich darauf warten, dass die Politiker im #Neuland einen Kulturwandel initiieren. Die großen Internet-Konzerne sich der Datensicherheit verschreiben oder die tausend Developer da draußen Ihre Apps endlich menschenzentriert designen.

Doch wir können nicht warten.

Technologie ist, was du aus Ihr machst!

Ich kann mir den ganzen Tag Hasskommentare durchlesen und mein Leben mit dem eines perfekt inszenierten Influencers vergleichen. Während eines Dates bereits den nächsten Match anschreiben um ja nicht die vielleicht noch bessere Gelegenheit zu verpassen. Dauerhaft erreichbar sein und 67-mal am Tag meine Mails checken.

Oder ich kann wie meine Mutter mir meinen Instagram Feed vollpacken mit inspirierenden Quotes, die mich motivieren statt runterziehen. Mithilfe einer Meditations App meinen Puls auf ein Normalmaß runterfahren, wenn ich einen Vortrag bei Zeit Online halten darf. Oder meiner besten Freundin, die 6384 km weit weg wohnt, den besten Tag Ihres Lebens wünschen. Oder, ja oder, ich kann auch einfach mal das Handy weglegen und genau in diesem mysteriösen Hier und Jetzt sein.

Technologien und die neuen Medien haben Konsequenzen auf die Gesellschaft und auf uns selbst, die bisher nur ansatzweise erforscht und erkennbar sind. Doch es geht hierbei nicht darum, etwas grundsätzlich als schlecht oder gut zu identifizieren.

Es geht darum, zu verstehen welche Möglichkeiten und welche Herausforderungen das neue digitale Zeitalter bringt. Darum, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Darum, diese Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, die großen Probleme unserer Zeit zu lösen. Mehr echtes Wissen auf der Welt zu verbreiten und Ungerechtigkeiten zu verhindern. Uns einander näher zu bringen und ein großartiges Leben zu führen.

Wenn ihr also morgen wieder in der Bahn sitzt, Kopf hoch und denkt daran warum wir mehr Tech Life Balance brauchen.