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24/03/2018 16:59 CET | Aktualisiert 24/03/2018 17:02 CET

Warum wir jungen Männern, die zu uns geflüchtet sind, dankbar sein sollten

Fotoholica Press via Getty Images
Ein Mann schwenkte im November 2017 vor dem Brandenburger Tor in Berlin eine syrische Flagge. Syrer in Berlin forderten Russland auf, das Töten von Zivilisten in Syrien zu beenden.

Es ist für mich schwer zu ertragen, in welchem Maß junge, männliche Geflüchtete in Deutschland stigmatisiert werden. Wir sollten ihnen vielmehr dankbar sein.

Die Jungen und jungen Männer, die nach Deutschland geflohen sind, müssten in ihrem Heimatland mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in den Krieg ziehen. Und genau das wollen sie nicht. Aus Angst und aus Überzeugung.

Ich bin in meiner Arbeit und privat Männern begegnet, die aus tiefster Überzeugung nicht kämpfen wollen. Einige davon waren hochspirituelle, gläubige Menschen, andere möchten aus tief empfundener Menschlichkeit niemanden verletzen. Sie alle stehen aus tiefer Überzeugung für Frieden ein.

An den Füßen verbrannt ist nur ein bisschen gequält 

Abd ’l Karim zum Beispiel – dessen Name ich auf seinen Wunsch geändert habe, ebenso wie die Namen der Anderen. Ihre Geschichten stehen exemplarisch für viele, die ungehört bleiben.

Abd ’l Karim ist in Syrien mit 16 Jahren, zu Beginn des grausamen Krieges, auf die Straße gegangen, um für Frieden und Freiheit zu demonstrieren. Auf einer Demo wurde er von der Polizei mitgenommen und in ein Gefängnis gesperrt.

Seine Eltern kamen fast um vor Sorge. Erst nach zehn Tagen erfuhren sie, wo ihr Sohn war.

Abd ’l Karim wurde im Gefängnis gefoltert, mit Zigaretten an den Füßen verbrannt. Das gilt nur als leichte Folter, als ein bisschen gequält, sagt er.

Aber das und die Angst seiner Mutter haben ausgereicht, um ihn zum Schweigen zu bringen. Nach der Zeit im Gefängnis ging er nicht mehr auf die Straße, träumte aber weiterhin davon, frei und in Frieden zu leben. 

Er bestand sein Abitur, trotz des Krieges, und blieb still, wie er es seiner Mutter versprochen hatte.

Der beste Freund erschossen

Als er mit ansehen musste, wie sein bester Freund erschossen wurde, wuchs die Verzweiflung. Die Einberufung in den Kriegsdienst stand bevor.

Seine Eltern waren gegen seine Flucht. “Wenn Deutschland uns kein Visum gibt, wollen wir da auch nicht hin”, sagte seine Mutter. “Wir setzen uns nicht auf so ein wackeliges Boot”, bestätigte der Vater.

Abd`l Karim aber musste weg. So sammelte die Familie Geld und der Junge floh zunächst in die Türkei und von dort über Griechenland nach Deutschland.

Hier hat er jetzt, nach weiteren Jahren, einen Ausbildungsplatz gefunden und rappt in arabischer und deutscher Sprache.

Ich bin ihm auf einem Musikfestival begegnet, wo ich mit meiner Band HalebColonia aufgetreten bin. Wir singen beide in arabischer und deutscher Sprache, haben beide unsere Familien in Aleppo, das verband uns.

Abd`l Karim ist enttäuscht von Deutschland. “Es gibt nette Menschen, ja, aber wenn ich gewusst hätte, wie ich hier behandelt werde, wäre ich nicht gekommen”, sagt er. Aber wo hätte er hingehen sollen?

Im Krieg hätte er nicht überlebt.

“Scheiß Flüchtling”-Geschrei wegstecken lernen

Raid, 18, bin ich im Rahmen von Projektarbeit in einer Berufsschule in Düsseldorf begegnet. Das NRW-Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung fördert das Projekt AN*TRIEB*KRAFT, das wir für Profamila NRW durchführen. Die Arbeit mit Riad hat sich mir eingebrannt:

Raid zittert am ganzen Körper.

Er ist ein großer, kräftiger Mann, mit dichtem Bart und akkurat gezupften Augenbrauen.

Ich stehe hinter ihm, genau wie mein Kollege. Auf die Frage, wer ihn unterstützt und Kraft gibt, sagt er: “Meine Mutter und mein Vater.” Die Mutter lebt in Syrien, der Vater ist im Krieg gefallen.

“Scheiß Flüchtling“, ruft ein Mitschüler.

Raid atmet schwer. “Ruhig”, flüstere ich, “du bist wunderbar.”

Mein Kollege sagt: “Du bist großartig, Junge. Wir schlagen niemanden, wir sind stolze Männer.

Raid atmet ruhiger. Er erhebt seine Hand, spreizt seine Finger in die Luft und sagt ruhig: “Das sind fünf Finger, aber nicht einer ist wie der andere.“ Dann streift er etwas Imaginäres von seinem Ärmel ab und geht.

Grade und aufrecht geht er, an dem Klassenkameraden, der ihn beleidigt hat vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, meinen Kollegen und mich bestärkend im Rücken. Die Klasse applaudiert, Raid blickt stolz um sich.

Ahmad sah, wie die Bombe die Helfer zerfetzte

Die letzte Geschichte handelt von einem Freund, Ahmad, den ich selber aus Syrien kenne.

Er ist geflohen, nachdem er als Ersthelfer nicht schnell genug an einem Unglücksort war, und dann zusehen musste, wie eine Bombe auf die anderen Ersthelfer und Ersthelferinnen fiel.

“Ich wollte bleiben, aber ich konnte nicht“, sagte mir Ahmad. Er verkaufte alles, was er besaß, um sich die Flucht leisten zu können.

In Deutschland begann er sehr schnell Kontakte zu Organisationen aufzunehmen, die Erste Hilfe anbieten. Er wollte als Ersthelfer in Deutschland weiterarbeiten.

Ab und an besucht er mich, am Anfang lachten wir viel. Wir waren erleichtert, dass er hier war. Wir lachten darüber, dass sein Vermieter Ahmad gegen einen neuen “Flüchtling“ umtauschen wollte, weil Ahmad nicht in seinem Maurerbetrieb arbeiten wollte, weil Ahmad keine Lust auf sonntägliche Spielenachmittage hatte, weil Ahmad sein Leben wieder aufnehmen wollte, weil er nicht zu brechen war.

“Ich will kein Flüchtling mehr sein”

Irgendwann brach er dann doch in meinem Arm zusammen. “Ich kann kein Flüchtling mehr sein”, sagte er zu mir. “Egal, was ich tue, die Leute nennen mich Flüchtling.”

Ahmad ist, gefühlt, immer noch auf der Flucht, und zwar auf der Flucht davor, ein „Flüchtling“ sein zu müssen. 

Zuerst hat er sehr ehrgeizige Deutsch gelernt, dann hat er sich um seine Anerkennung als Ersthelfer gekümmert und einen Arbeitsvertrag erhalten. Das hat mehrere Jahre in Anspruch genommen. Ahmad hat den deutschen Führerschein gemacht, eine eigene Wohnung und ein Auto – er will ein normaler Mensch sein, in diesem Land.

“Viele Deutsche sind sehr nett, aber die meisten Deutschen misstrauen mir immer noch.“ Sagte er mir bei unserem letzten Treffen. “Egal, was ich ihnen erkläre, über Muslime, sie glauben mir nicht.“

Ist es wirklich an Ahmad, zu beweisen, dass er ein guter Mensch ist? Und warum sollte das so sein?

Es sind genau diese jungen Männer, die den Frieden garantieren

Diese jungen Männer sind doch genau die Menschen, die den Frieden garantieren. Es sind die jungen Menschen, die ihre Familien, Freunde und ihre Heimat verlassen haben, alles Geld, das aufzutreiben war, und einen Berg Angst im Gepäck.

Und das aus einem Grund: Weil sie in Frieden leben möchten, weil sie NICHT in den Krieg ziehen wollen.

Diese Männer werden von einigen als Kriminelle und Vergewaltiger empfangen und stigmatisiert – dabei sollten wir ihnen danken. Wären alle wie sie, gäbe es keinen Krieg!