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24/06/2018 23:27 CEST | Aktualisiert 24/06/2018 23:27 CEST

Warum wir ein Wirtschaftsmodell brauchen, das den Planeten nicht zerstört

Narrative des guten Lebens

Das überhitzte „Mehr, mehr, mehr!“ verdeckt die Frage nach einem guten Leben. Für Edward und Robert Skidelsky ist das Leben im digitalen Zeitalter „gut“, wenn sieben Grundbedürfnisse befriedigt sind: Gesundheit, Sicherheit, Respekt, Entfaltung der Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur, Muße und Freundschaft. Die grundlegenden Güter sind für sie universell. Ein gutes Leben handelt im Dienst des menschlichen Wohlergehens und erkennt an, dass alles mit allem in dieser Welt zusammenhängt, dass alle Menschen in Würde leben können und ihnen Gemeinschaft ermöglicht wird. Silvia Liebrich schreibt in der Süddeutschen Zeitung: „Nicht wachsen, sondern Grenzen setzen und maßhalten, muss daher das Motto der Zukunft lauten.“

„Maßhalten ist das Beste“, sagten bereits die alten Griechen. In der Maori-Kultur umfasst das Konzept des Wohlbefindens geistiges, ökologisches, soziales und wirtschaftliches Wohlergehen. In den Anden-Kulturen ist das buen vivir („gut leben“) eine Weltsicht, in der „die Fülle des Lebens in Gemeinschaft mit anderen und mit der Natur“ große Wertschätzung erfährt.

Die Sehnsucht danach zeigt sich auch in den Bildern eines guten Lebens auf dem Land, die aktuell wieder Konjunktur und werden erneut auch massenhaft (re)produziert und rezipiert werden. Literaturen und Filme, Zeitungen und Magazine, Blogs und Bilder, Fernsehsendungen und Features, politische Diskussionen und wissenschaftliche Studien, architektonische Entwürfe und siedlungsstrukturelle Planungen verhandeln mit ihnen und auch gegen sie über den aktuellen Status und die zukünftigen Entwicklungen ländlicher Räume.

Den damit verbundenen Fragen geht die interdisziplinäre Tagung „Gutes Leben auf dem Land? Imagination – Projektion – Planung Gestaltung“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg nach, die vom 5. bis 7. Juli 2018 im Literaturhaus Halle stattfindet. In welchen historischen und soziokulturellen Kontexten haben Imaginationen und Narrative des guten ländlichen Lebens Konjunktur und in welchen Traditionslinien stehen sie? Welche Modelle eines gelingenden Zusammenlebens oder adäquater Mensch-Natur-Verhältnisse werden dabei entworfen und worin finden sie ihre Basis? Wie wirken sich die jeweiligen Bilder auf die – sei es individuelle, sei es soziale – Gestaltung und Planung der Gegenwart und Zukunft aus?

Bilder verankern sich im geistigen Auge und formen unsere Weltsicht neu. Das Bild, das wir von uns selbst zeichnen, beeinflusst maßgeblich, wer wir werden, schreibt Kate Raworth in ihrem Buch „.Die Donut-Ökonomie“. Deshalb sei es wichtig, dass die Wirtschaftswissenschaft ein neues Bild des Menschen entwirft. „Wenn wir unsere Komplexität besser verstehen, können wir die menschliche Natur fördern und entwickeln und unsere Chancen verbessern, in den sicheren und gerechten Raum des Donuts zu gelangen.“

Revolution der Wirtschaftswissenschaften

Komplexitätsdenken ist heute von entscheidender Bedeutung für das Verstehen und die Gestaltung der Welt. Bereits in den 1970er-Jahren bemerkte der österreichischer Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich Hayek, dass sich die Ökonomen weniger als Handwerker verstehen sollten, die ihre Arbeit beherrschen, sondern eher als „Gärtner, die sich um ihre Pflanzen kümmern.“

Leider, kritisiert Raworth, werden wir noch heute vielfach in einer Geisteshaltung erzogen, die aus Lehrbüchern aus den 1950er-Jahren stammt, die auf den Theorien von 1850 beruhen. „Aufgrund des sich rasend schnell verändernden Wesens des 21. Jahrhunderts bahnt sich damit eine Katastrophe an.“ Selbst schlug sie zunächst den klassisch akademischen Weg über ein Wirtschaftsstudium in Oxford ein, war aber schon bald enttäuscht: Die Modelle schienen ihr veraltet und den Herausforderungen der Gegenwart nicht gewachsen. So wurde sie zum „Bad Girl“ der anglo-amerikanischen Ökonomie mit einem globalen Netzwerk. Heute lehrt sie Ökonomie in Oxford und Cambridge.

Mit dem Donut in der Hand fegte sie buchstäblich ihre alten Lehrbücher vom Tisch und suchte nach überzeugenden Ideen, erforschte das neue ökonomische Denken aufgeschlossener Studenten, fortschrittlicher Wirtschaftsführer, innovativer Wissenschaftler und moderner Praktiker.

In ihrem Buch werden sieben Ansätze vorgestellt, die es ermöglichen, wie ein Ökonom des 21. Jahrhunderts zu denken (und zu zeichnen!). Nach Raworth eignen sich diese sieben Wege am besten dazu, damit anzufangen, das alte ökonomische Modell zu beseitigen:

1. Das Ziel ändern (Der Donut)

2. Das Gesamtbild erfassen (Eingebettete Ökonomie)

3. Die menschliche Natur pflegen und fördern (Sozial anpassungsfähiger Mensch)

4. Den Umgang mit Systemen lernen (Dynamische Komplexität)

5. Auf Verteilungsgerechtigkeit zielen (Von vornherein Verteilungsgerechtigkeit anstreben)

6. Eine regenerative Ausrichtung fördern (Von vornherein regenerativ ausrichten)

7. Eine agnostische Haltung zum Wachstum einnehmen (Agnostisch gegenüber Wachstum)

Die Herausforderung besteht darin, diese Denkansätze in der Praxis zusammenzuführen und viele weitere hinzuzufügen. Dabei hilft auch der Blick auf gut funktionierende Unternehmen, von denen sich lernen lässt, weil sie schon immer einen angemessenen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten und auf Kreislaufwirtschaft setzen.

„Es geht um die Einsicht, dass man den Einklang zwischen Wirtschaftlichkeit, sozialen und ökologischen Belangen schaffen kann“, sagt Katharina Reuter, Geschäftsführerin von UnternehmensGrün, dem Bundesverband der grünen Wirtschaft, dem es um dezentrale Wirtschaftsstrukturen, um die kleinen und mittleren Unternehmen geht, die regional verankert sind und Arbeitsplätze schaffen. Mitglieder sind auch bekannte Pioniere aus der Nachhaltigkeitsbranche wie etwa die GLS Bank, oekom, taz, EWS Schönau, Naturstrom oder die memo AG, die seit Jahren zu den „wahren Pionieren des Wandels“ (Ernst-Ulrich von Weizsäcker) gehört. Als Wähler ist jeder Mensch in der Verantwortung – als Konsument aber noch mehr, denn jeder einzelne Einkauf ist auch eine Stimme, ein persönliches Statement.

Der Donat weist in eine Zukunft, in der die Bedürfnisse jedes Menschen befriedigt werden, während zugleich die lebendige Welt geschützt wird. Er ist eine Visualisierung der sozialen und ökologischen Bedingungen, die das Fundament des allgemeinen menschlichen Wohlbefindens bilden.

• Die ökologische Decke stellt die äußere Grenze des Donuts dar, die durch den Druck des Menschen auf die lebensspendende Erde in gefährlicher Weise überschritten wird.

• Unterhalb des gesellschaftlichen Fundaments des Donuts liegen die Defizite und Unzulänglichkeiten, „die jene zu spüren bekommen, denen lebensnotwendige Güter vorenthalten werden (z.B. Nahrung, Bildung und Wohnen).

• Der innere Ring (das gesellschaftliche Fundament) stellt die grundlegenden zwölf Komponenten des Lebens dar: ausreichend Nahrung, sauberes Wasser und funktionierende sanitäre Einrichtungen, Zugang zu Energie und sauberen Kochgelegenheiten, Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung, angemessenes Wohnen, ein Mindesteinkommen und eine ordentliche Arbeit, Zugang zu Informationsnetzen und zu sozialen Unterstützungsnetzen.

Kate Raworth: Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. Carl Hanser Verlag, München 2018.

Dr. Alexandra Hildebrandt

Weiterführende Informationen:

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gut zu wissen... wie es grüner geht: Die wichtigsten Tipps für ein bewusstes Leben Amazon Media EUS.à r.l. Kindle Edition 2017.

Circular Thinking 21.0: Wie wir die Welt wieder rund machen. Amazon Media EUS.à r.l. Kindle Edition 2017